Die Elemente des Lebens

Inhalt

Die Elemente
Nal und Damajanti
Der Verschleierte
Brauchtum und Aberglaube zur Erde
Die Frau im Stein
Die Tochter des Zaren
Brauchtum und Aberglaube zu den Erdleuten
Das Erdmännchen und die Hebamme
Der Kaufmann und die Erdleute
Brauchtum und Aberglaube zum Wasser
Dreierlei Wasser
Berend Fock bringt ein Kind an Land
Der See Corrib
Das Wallerbrünnchen
Brauchtum und Aberglaube zu den Wassergeistern
Die Braut des Wassermanns
Das Mädchen auf der Eulschirbenmühle
Brauchtum und Aberglaube zur Luft
Der Wind als Taufpate
Die Mutter der vier Winde
Die Windsbraut auf der Schröcker Alm
Die Windknoten
Vom Burschen, der zum Nordwind ging und das Mehl zurückforderte
Brauchtum und Aberglaube zum Feuer
Die Alte und das Feuer
Das junggeglühte Männlein
Brauchtum und Aberglaube zu Drachen
Aschenhans und der Urlindwurm
Die Königstochter in der Flammenburg
Vom Drachen Gorynytsch und dem Helden Dobrynja
Literaturverzeichnis

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Brauchtum und Aberglaube zum Feuer

Die Fähigkeit, Speisen genießbar und verdaulich zuzubereiten, die Kälte zu beseitigen, die Finsternis zu erhellen, den Ton zu härten, das Erz zu schmelzen, Metall zu schmieden und seuchenerregende Abfälle und Überreste auf das Gründlichste zu zerstören, machten das Feuer zur Vorbedingung jeder Kultur überhaupt.

Der Gedanke, dass das Feuer übernatürlichen, göttlichen Ursprungs ist, wird genährt vom Blitz als demjenigen Element, der irdisches und himmlisches Feuer miteinander verbindet. Die Sage vom halbgöttlichen Feuerbringer (Prometheus), der das himmlische Feuer auf die Erde zu den Menschen bringt, gibt es in mehr oder weniger verwandten Formen bei den verschiedensten Völkern.

Die Johannisfeuer (22. auf 23. Juni - Sommersonnwende) wurden in den Ortschaften, meist vor den Rathäusern oder auf dem Marktplatz entzündet, um der Sonne (dem himmlischen Feuer) für die Wohltaten zu danken, die sie bringt. Man tanzte singend um das Feuer, sprang paarweise über die Flammen, um sich zu reinigen von allen bösen, kranken Stoffen, und warf nicht nur allerlei Kräuter hinein, damit gleich ihnen alles Unglück in Rauch aufgehe, sondern auch Pferdeköpfe, Knochen und selbst lebende Tiere, wie Hähne, die als Opfergaben dienen sollten.
Da man, sobald die Sonne zu sinken begann, das bisher gebrauchte Herdfeuer für alt und kraftlos hielt, löschte man es am Sonnwendabend aus, und zündete ein sogenanntes Notfeuer an (das Feuer muss auf althergebrachte Weise entzündet werden - von Hand, Hölzer gegeneinander reibend), um mit dessen reiner Glut das Herdfeuer zu erneuern und ein mit Stroh umflochtenes Rad in Brand zu setzen, das als ein Bild der nun abwärts eilenden Sonne von einem Berge herabgerollt wurde.
Kohlen und Asche dieses Notfeuers wurden sorgsam aufbewahrt: die Kohlen, um sie gegen Viehkrankheiten anzuwenden, die Asche, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu vermehren und die Felder vor Ungeziefer zu schützen.

Das Johannisfeuer half, den Sieg des Lichts und der Lichtgötter zu vervollständigen, indem nun die ohnedies kurze Nacht durch das angezündete Licht in einen hellen Tag verwandelt wurde. Durch diese gottesdienstliche Handlung kam man den Göttern gleichsam zu Hilfe. Die Nacht war gänzlich verbannt und den lichtscheuen, ungeheueren Mächten der Finsternis die letzte Zuflucht geraubt, so dass sie versteinern, "in Stein springen" mussten.

Im allgemeinen werden Träume von Feuer als gutes Vorzeichen gedeutet. Es sollte jedoch ein hell brennendes Feuer sein, von welchem man träumt, denn das weist auf Geburt oder Hochzeit, auf Gold und Geld hin. Brennt das Feuer im Traum jedoch dunkel und qualmt es, kündet dies von Trübsal und Tod.
Man soll sich hüten, das Feuer durch Wort oder Tat zu beleidigen. Ein verfluchtes Feuer gebärdet sich wie ein gereiztes Tier und wird zur Feuersbrunst, die nicht zu löschen ist.

Wer ins Feuer harnt, bekommt schneidendes Wasser, wer hineinspuckt ist gottlos, beschwört ein Unglück herauf, wird räudig, bekommt die Schwindsucht, ein böses Gesicht, ein Grindmaul oder Blasen auf die Zunge.

Sprühen viele Funken aus dem Feuer, so erwartet man im Raum Oldenburg ein Unglück am nächsten Tag; in Schlesien deutet dies eher auf einen nahenden Besuch, der umso vornehmer ist, je auffälliger die Erscheinung war. Ein blauer Brand weist auf eine baldige Leiche hin oder auf einen strengen Winter.

Durch die klimatischen Verhältnisse war es bei den Germanen schon sehr früh üblich, den Herd, das Feuer, im Haus zu haben - das prägte ganz entscheidend die Hauskultur in unseren Breiten. So gehört die Verehrung des Herdfeuers zu den ältesten Kulten. Man erblickte im Herdfeuer einen segenspendenden Dämon oder Gott, betete es in Gefahren und jedesmal ehe man das Haus verließ, an. Man brachte ihm Opfer und hütete sich, es durch schmutzige Dinge zu verunreinigen oder strafbare Handlungen in seiner Nähe zu begehen.

Ohne Herd kein Haus. Haus und Herd sind sprichwörtlich eine Einheit. Ein "Freier Mensch" konnte man nur sein mit eigenem Herd - im eigenen Haus. Bis ins 18. Jahrhundert war es noch üblich, die Häuser nach der Zahl ihrer Herde zu besteuern.

Der Herd, das heimische Feuer, ist ein Geisterort ersten Ranges. Nicht nur Feuergeister, sondern auch die Geister der Ahnen oder sonstige Hausgeister haben dort ihren Platz. Auch die "armen Seelen" wärmen sich gerne am Herdfeuer. So wurde in der Antike das neugeborene Kind um den Herd getragen und darauf gelegt, um es dem Schutz der Ahnen und Hausgeister anheimzustellen.

Eine germanische Sitte war es, sich die Getränke über das Herdfeuer hinweg zuzureichen und sie damit gleichsam zu weihen, und die Gäste wurden früher vom Hausherrn am Herd empfangen.

Bei Viehseuchen oder anderen Plagen wurde oftmals dem Herd geopfert. Menschenopfer sind nachgewiesen, meist waren es aber Tieropfer (Hühner) oder Innereien von Tieren.

Das einmal entfachte Herdfeuer ließ man nie ganz ausgehen - außer zu bestimmten Zeiten (siehe Johannisfeuer) oder falls eine Seuche das Vieh heimsuchte. Dann war es wichtig, wieder ein neues, reines Feuer zu entfachen.

Ein neu in das Haus aufgenommener Familiengenosse, vor allem die junge Braut, musste beim Betreten der neuen Heimat dem Herd durch Opfer, Verbeugung und Umschreiten zuerst ihre Huldigung darbringen.

Die Herdasche verlangte auch eine sorgsame Behandlung. Ein Flugblatt vom Jahre 1627 warnt vor Hexenbosheit und sagt unter anderem:
"Wenn man die Asche auf dem Herd zusammenkehret
und spricht nicht: `Das walt Gott!´ oder speyt dreimal drein,
im Namen Gott des Vatters, Sohns und heiligen Geistes,
so können die Hexen Feuer von selbigen Aschen holen, wann sie wollen, oder dasselbige Haus gar brennend machen."

Im heimischen Feuer, also in Herd und Ofen, darf man keinen alten Besen verbrennen, sonst bekommen die Hexen Macht über einen.

In Böhmen war es Brauch, dass die junge Braut, wenn sie mit ihrem Bräutigam zum ersten Mal in ihr neues Haus kommt, drei Haare in das Herdfeuer wirft. Dann ist sie geschützt vor allzu großer Bangigkeit und die Hexen haben dann keine Macht über ihre zukünftigen Kinder.
Um eine Katze an das Haus zu gewöhnen, soll man sie im Sack zum Herd tragen, dreimal um sich herumschlagen und dann in den Schornstein blicken lassen. Auch neugekaufte Hühner kann man so an das Haus gewöhnen. Man trägt sie zum Schornstein, lässt sie dreimal hinaufblicken und spricht dazu:
"Du gehörst in mein Haus
wie der Büttel aufs Rathaus."
Wenn diese Hühner einmal verloren gehen, genügt es, zum Schornstein zu gehen und dort hinauf nach ihnen zu rufen. Sie kommen alsbald wieder.

In der Gegend um Braunschweig ist ein Brauch gegen Raupen überliefert, der noch bezeugt wurde im Jahre 1898. Um ein Beet oder einen Acker von Raupen zu befreien, nimmt man von jeder Ecke eine Raupe - aber kreuzweise und stillschweigend -, wickelt sie in einen Leinenlappen und hängt sie in den Schornstein über das Feuer. Mit ihnen vergehen die Raupen auf dem Felde.
Ähnlich macht man es bei Schneckenplagen. Nur soll man hierbei dem Sonnenlauf folgend um das Beet oder den Acker gehen und von den Ecken jeweils eine Schnecke auflesen.

Wenn Kinder oder Haustiere verhext sind, lässt man ein Tierherz über dem Herd trocknen, so wie das Herz verdorrt, verdorrt auch die Hexe.

Wenn man etwas sucht und nicht findet, streut man ein wenig Salz auf den heißen Herd, dann findet sich das Verschwundene sogleich wieder.

Heiratslustigen Weibern wurde das Herd- oder Ofenanbeten empfohlen, als sicheres Mittel, dass alsbald darauf ein williger Mann erscheinen würde.

Eine schwer Gebärende soll vor dem Herde knien, dann wird die Geburt leichter.

Fällt das Ofenrohr herab, so gilt das in vielen Gegenden als ein Zeichen, dass in nächster Zukunft jemand im Haus sterben wird.

Das "Journal für Deutschland" (Osterode/Harz) schreibt 1788: "Eine Dienstmagd soll gleich beim Eintritt ins Haus nachsehen, ob Feuer in Herd und Ofen ist und es schüren, so bleibt sie lange im Dienst."

Damit neugeborene Kälber nicht entlaufen, stößt man ihren Kopf dreimal gegen Herd oder Ofen und spricht dazu: "Du sollst zuhause sitzen, wie der Herd/Ofen."

Schon in den Dekreten des hl. Burchard von Worms (gest. 1025) wird davon gesprochen, dass man Kranke, besonders fieberkranke Kinder in den Herd oder auf den Ofen lege.

Gegen das Wundliegen der Kinder nehme man einen Stein vom Ofenloch, schabe davon ab, vermische dies abgeschabte Pulver mit Honig und streiche dies auf die Wunden.

Fegt man den Kamin am Karfreitag, ist das Haus das ganze Jahr vor Feuer geschützt.

Zur Zukunftsvorhersage gehe man folgendermaßen vor:
Man nehme Ruß und Öl von einer Pfanne und salbe damit die Hand eines reinen, unschuldigen Kindes.
Dann lässt man Sonnen- oder Kerzenlicht auf diese Hand scheinen und kann das Kind nach allem fragen, was man wissen will. Das reine Kind wird es in seiner Hand sehen und davon Bericht geben.

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Die Alte und das Feuer

Einst geriet Gottvater in großen Zorn über die Menschen, denn sie hielten sich nicht an seine Gebote. Herzlos gingen sie miteinander um, und sie betrogen und belogen einander, dass es nur so eine Art hatte. Lange, lange Zeit schon hatte der Herr dies alles in seiner großen Güte und Geduld ertragen.
Aber nun war es auch ihm zuviel geworden, denn die Menschen wagten gar die heilige Fastenzeit zu verletzen. Sie aßen, tranken, sangen und feierten nach Herzenslust. Der Braten- und Weinduft drang bis in den Himmel hinauf, und die Wände der heiligen Hallen erzitterten von wilden Gesängen.
Da sprach endlich der Allerhöchste: "Ich will die Menschheit um ihrer Sünden willen bestrafen. Fortan sollen sie kein Feuer mehr besitzen!"
Da hob auf der Erde ein Jammern und ein Klagen unter den Menschen an, mussten sie doch nun das Fleisch roh verzehren und konnten auch kein gekochtes Gemüse mehr essen. Nicht einmal ein Pfeiflein konnten sie mehr rauchen und kein Brot und keinen Kuchen mehr backen.
Die Erde wurde traurig wie das Grab. Sie war wie ein Leib ohne Seele. Die Menschen gingen trübsinnig umher, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass auch ihre Lieder verstummten und schließlich auch die Liebe erlosch.
Trotz seiner unermesslichen Weisheit hatte Gottvater dies nicht alles vorhergesehen. Das Allerschlimmste aber für ihn war, dass sich die Menschen weniger denn je um Religion kümmerten.
Da scharte Gott der Herr alle Engel und Heiligen um sich und fragte sie um Rat, was hier zu tun sei. Lange schwiegen die himmlischen Heerscharen. Endlich aber erhob sich der schöne, lichte Gabriel und sprach: "0h Herr, wenn Ihr gestattet, so lasst mich hinab zur Erde. Als Feuerverkäufer möchte ich zu den Menschen gehen und ihnen meine Ware auf dem Markt feilhalten. Sie werden kommen und mir dafür all ihre Schätze anbieten, denn groß ist ihr Verlangen danach. Ich werde ihnen aber kein Fünkchen Glut geben, außer wenn sie mir versprechen, von nun an ein frommes und sündenfreies Leben zu führen. Wer mir aber solches gelobt, dem will ich das Feuer schenken."
Alle Versammelten bewunderten Gabriels große Klugheit und klatschten laut Beifall. Mit vielen Segenswünschen wurde er zur Erde hinabgesandt.
Groß war die Freude der Menschen, als sie den Feuerverkäufer erblickten. Groß aber war auch ihre Bestürzung, als jener sprach: "Verkäuflich ist das Feuer nicht, aber wenn ihr mir ein Leben in Vollkommenheit und Gottesfurcht gelobt, so schenke ich es euch."
Niemand wagte, solches zu geloben. Zu gut kannten sie sich selbst, und zu gut wussten sie um ihre Schwächen und Sünden.
Als die Nacht hereinbrach, wollte der Engel traurig ins Paradies zurückkehren. Doch da humpelte eine alte Frau auf seinen Marktstand zu. Sie war gezeichnet von Armut und Alter.
"Gebt mir doch nur ein winziges Fünkchen von Eurem Feuer!" bettelte sie. Dabei berührte sie mit ihrem Stock ein brennendes Stück Kohle.
Gabriel antwortete ihr und sprach, was er allen anderen Menschen zuvor schon gesagt.
Nachdenklich berührte die Alte ein zweites Stück Kohle mit ihrem Stock. Und noch einmal bat und bettelte sie, doch Gabriel sprach, er könne ihr nichts von dem Feuer geben, wenn sie nicht ein vollkommenes, sündenfreies Leben gelobe.
Unterdessen hatte die Alte ein drittes Stück brennender Kohle mit ihrem Stock berührt. Dann ging sie murrend hinweg.
Der Engel kehrte seufzend ins Paradies zurück, um dort von seinem Missgeschick zu berichten. Wie aber wunderten sich Gottvater und alle Bewohner des Himmels, als auf einmal Bratenduft und Pfeifenrauch und laute fröhliche Gesänge zu ihnen emporstiegen.
Was war geschehen?
Gabriel war ein Opfer der Weiberlist geworden: Die Alte hatte soviel Glut mit ihrem Stock aufgefangen, wie für ihren heimischen Herd notwendig war. Weil Gabriel nicht daran gedacht hatte, dass ihr Stock aus Holz war, konnte sie damit ein schönes Feuer entfachen und allen Nachbarn und allen Menschen das Feuer bringen.
Gabriel wollte sich erbosen in seinem Zorn, denn er war gekränkt in seinem Stolz.
Der Allmächtige aber hielt ihn zurück und lachte von Herzen. In seiner unendlichen Güte vergab er der alten Frau und der ganzen Menschheit und ließ sie das Feuer behalten und freute sich, wenn Lieder zu seinem Lob und Preis erklangen.