Feuerblume

Inhalt

Was es ist
(Erich Fried)

Was den Frauen das Allerliebste ist
(Roland Kübler)

Tudameda
(Claus Peter Lieckfeld)

Was es ist
(Jürgen Werner)

Einsamkeit
(Folke Tegetthoff)

Die vier Steine
(Martin Bauschke)

Der dumme Hansel
(Sigrid Früh)

Das besondere Rezept
(Roland Kübler)

Macha die Rothaarige
(Sigrid Früh)

Selinas Fluch
(Jürgen Werner)

Feuerblume
(Roland Kübler)

Märchenlied vom Erreichbaren
(Claus-Peter Lieckfeld)

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Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

(Erich Fried)

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Das besondere Rezept

Lange vor der Zeit war einem Köhler, vom Schnitter allen Lebens, die Liebste genommen worden. In seinem Herzen klaffte eine Wunde, welche nur schwer vernarben wollte. Als dann der Winter kam mit seinen langen, kalten Nächten, lag er oft wach auf seinem Lager und fror, obwohl er das Feuer tüchtig schürte und nährte im häuslichen Herd.
Eines eisig kalten Tages ging er hinaus in das Schneetreiben, hin zu der alten Kräuterfrau, die draußen im Wald wohnte, zwischen verschwiegenen Hainen. Die beiden kannten sich schon lange, und so erzählte er ihr von seinem Leid und seinen kalten Nächten.
Die Alte lächelte: "Du hast mir Holzkohle gebracht, manch guten Essig und immer genügend Pech, um mein Dach abzudichten. So will ich heute dir helfen."
Sie reichte dem Köhler einen Becher mit dampfendem Kräutertee. Dabei runzelte sie die Stirn, kniff die Augen zusammen und murmelte einige unverständliche Worte. Dann wandte sie sich ihm wieder zu: "Im Nachbardorf lebt eine junge Frau, deren Mann in hitzigem Streit getötet wurde. Geh zu ihr in drei Tagen."
Der Köhler dankte und tat, wie ihm die Alte geraten.
Im feinsten Wanst und frisch gebadet, klopfte er nach drei Tagen an die Tür der Frau. Diese erwartete ihn freudig lachend, bat ihn an den Tisch und holte aus dem Herd einen frisch gebackenen, duftenden Fladen. Den teilte sie in der Mitte, bestrich die knusprige Unterseite mit wildem Honig und reichte sie dem Mann.
"Niemals zuvor aß ich einen köstlicheren Fladen", sagte der Mann mit vollem Mund.
Dann wollte er erzählen, weshalb er gekommen, doch die Frau winkte lachend ab.
"Ich weiß schon alles", unterbrach sie den Redeschwall des Köhlers. "Und was mir die Kräuterfrau riet in meinem Leben, war noch nie mein Schaden."
So nahm die Frau den Köhler zum Mann, und die beiden hätten wohl glücklich gelebt bis ans Ende dieses Märchens.
Vielleicht sogar noch darüber hinaus.
Doch ein bitterer Tropfen trübte den funkelnden See des Glücks, in welchem die beiden schwammen: Wenn der Köhler von seiner Arbeit im Wald, nach sieben Tagen und Nächten heimkam, hatte er Hunger wie ein Bär nach ausgedehntem Winterschlaf. Die Frau buk Fladen und des Köhlers Leibgericht, einen einfachen Eintopf aus Gemüse und Kräutern. Wenn sich dann der Köhler den Ruß von der Haut und die Asche aus den Haaren gewaschen hatte, war der Tisch bereitet, und der Fladen lag heiß auf dem Herd. Die Frau bestrich die knusprige Seite mit wildem Honig, so wie sie es getan hatte, als der Köhler zum ersten Mal an ihre Tür geklopft, und sie ihn an den Tisch gebeten hatte.
"Köstlich", murmelte der Mann manches Mal. Meist saß er aber mit vollen Backen und aß genußvoll mit geschlossenen Augen. Währenddessen war der Eintopf fertig gekocht, die Schüssel gefüllt. Niemals blieb davon etwas übrig, doch immer wieder murmelte der Köhler beim Löffeln: "Irgendeine Zutat fehlt. Wenn ich nur wüßte welche!"
Die Frau konnte drängen und drängeln wie sie wollte. Der Köhler wußte ihr keine Antwort auf die Frage, was denn fehle in seinem Leibgericht an Gewürz, Gemüse, Wurzel oder Kraut.
"Alles ist recht und gut", bekam sie immer wieder Antwort. "Und doch fehlt etwas. Etwas, was ich nicht benennen kann, obschon ich ahne, daß es mir vertraut sein müßte!"
So ging es, Monat um Monat. Jahreszeit auf Jahreszeit.
Längst schon hatte die Frau es aufgegeben, nach seltenen Kräutern zu suchen, oder teure Gewürze aus fernen, unbekannten Ländern zu erfeilschen. Was hatte sie nicht alles versucht. Selbst die feixenden Blicke der Händler, wenn sie nach Liebeskraut fragte oder jener geheimen Wurzel der Sinnenfreude, hatte sie ertragen. Doch das Gewürz, welches dem Köhler an seiner Lieblingsspeise fehlte, hatte die Frau nicht gefunden.
So kam in den Eintopf, was im Garten wuchs, im Wald und auf dem Feld zu finden war. Und niemals erhob sich der Köhler vom Tisch, ohne die Schüssel leer gegessen zu haben.
Die Zeit floß dahin, und obwohl der Köhler sich niemals beklagte, wuchs der bittere Tropfen im See des funkelnden Glücks. Er nahm dem Wasser das gleißende Blitzen unter aufgehender Sonne und das geheimnisvolle Glimmen, wenn der volle Mond darüber stand.
Sieben lange Jahre strichen über das Land, und der See der beiden hatte schon viel von seinem einstigen Glanz verloren. Brackig schwappte das Wasser an die Ufer der Alltäglichkeiten.
Nun geschah es, daß der Köhler gerade an dem Tag des Jahres von seiner Arbeit im Wald nach Hause kam, an welchem ihm damals die Frau die Tür ihrer Hütte geöffnet hatte. Da sich dieser Tag nun zum siebten Male jährte, wollte die Frau dem Köhler eine Überraschung bereiten. Sie flocht sich die Haare und band bunte Blüten hinein, sie fegte und putzte, daß es nur so blitzte. Und dann buk sie einen Fladen, dessen Teig sie zuvor geknetet und gewürzt hatte wie schon lange nicht mehr. Als der Köhler sich schließlich den Ruß von der Haut gewaschen hatte und die Asche aus den Haaren, sah er sie verwundert an, sagte aber kein Wort.
Er hat den Tag vergessen, dachte die Frau. Nicht einmal Blumen hat er mir mitgebracht. Sie wandte sich enttäuscht ab, um den heißen Fladen aus dem Herd zu holen. Als sie ihn wie gewohnt in der Mitte durchschnitt und die knusprige Unterseite dick mit wildem Honig bestrich, zögerte sie. Warum auch nicht, sagte sie dann zu sich. Sie reichte dem Köhler die weiche Hälfte des Fladens. Der sah sie mit strahlenden Augen an.
"Seit wir uns kennen, hast du mir stets die knusprige Hälfte des Fladens gereicht. Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich freue, einmal die andere zu bekommen." Und er aß voller Genuß.
Erstaunt fragte ihn die Frau: "Weshalb hast du nie gesagt, daß dir die weiche Hälfte besser schmeckt als die knusprige?"
"Wie sollte ich", gab der Köhler mit vollen Backen zurück. "Ich habe mich gefreut, daß dir so gut schmeckt, was auch ich gerne mag."
Da begann die Frau zu lachen: "Seit sieben Jahren reiche ich dir die knusprige Seite des Fladens aus dem selben Grund. Ich dachte, was mir am besten mundet, will ich gerne dir geben."
Die beiden umarmten sich und lachten, daß die Hütte bebte.
Mit einem Mal jedoch hielt der Köhler inne. Er schloß die Augen und schnüffelte durch die Stube, rund um den Tisch, geradewegs zum Herd hin. "Du hast das Gewürz gefunden!" flüsterte er und sog die Luft langsam durch die Nase. Er hob den Deckel vom Topf und atmete den heißen Dampf des Eintopfs.
"Es ist angebrannt", jammerte da die Frau, stieß den Köhler zur Seite und zog hastig den Topf vom Feuer.
"Aber was hast du denn, Liebste?" Der Köhler nahm der Frau den Topf aus der Hand und füllte die Schüssel. "Gerade so muß meine Lieblingsspeise riechen. Und ich bin mir sicher, daß sie schmeckt, wie sie zu schmecken hat."
Mit geschlossenen Augen begann er zu essen. "Wie lange habe ich diesen Geschmack vermißt", murmelte er ein ums andere Mal vor sich hin.
Er zog seine Frau neben sich auf die Bank und küßte sie. "Wenn die Schüssel nicht so klein wäre, ich würde mich hineinlegen."
Seit jenem Tag, der in einem großen Lachen endete, wurden die Fladen anders geteilt, und den Eintopf mit der Lieblingsspeise des Köhlers, ließ die Frau einfach so lange auf dem heißen Herd köcheln, bis ein angebrannter Hauch verlockend durch die Hütte zog.
Niemals mehr, so erzählt es die alte Kräuterfrau auch heute noch jedem, gab es seitdem einen bitteren Tropfen im See des Glücks, in welchem die beiden ihr ganzes Leben lang miteinander schwammen.

(Nach einem deutschen Märchen und einer persischen Überlieferung neu erzählt)