Sorla Flußkind

Inhalt

I. Der Vater
Oltop und der Dieb / Das magische Seil /
Flasse auf der Weideninsel / Im Bunten Pferd /
Flucht aus Stutenhof / Tainas Glück und Traum

II. Die Mutter
Chrebil greifen an / Der wärmende Fels /
Gimkin der Vielseitige / Heril der Hengst /
Ein Fest für Ramlok / Vertrag mit Flußtrollweib /
Sorlas Gnomenstein

III. Kindheit am Fluß
Herils Tod / Tainas Amulett /Rafells Kampf /
Sorla entdeckt den Geheimen Eingang

IV. Im Pelkoll
Die Prüfung / Bratschnecken und das Alte Moos /
Sorlas Lehrer /Gwimlin verschwindet

V. Beim Kirsatten
Suchtrupp im Regen / In der Erdhöhle gefangen /
Der gemarterte Gnom /Gwimlin im Glygi

VI. Die Höhle der Chrebil
Sorlas Entführung / Kampf in der Schlammgrube /
Gwimlin erstarrt / Ein Chrebilweib verliebt sich /
Flucht aus der Chrebilhöhle

VII. Die Norfell-Auen
Gnomengold und Kampfgeschichten /Unterschlupf
im Natternhemd / Mond und Große Schlange /
GIrsus Kampf im Dunkeln / Der Schlangentraum /
Greste und die Krähen

VIII. Windersonnwend
Das Schwert Schlangenjäger / Anod und die vier
Schwestern / Das alte Jahr wird versenkt /
Rad der Erlaubten Neugier

IX. Die Tiefen des Pelkoll
Das Tor und sein Wächter / Eine verborgene Tür /
Verdammte der Tiefe / Der Träger des geheimnisvollen
Lichtes / Hüpfender Kot / SIE beantwortet drei Fragen /
Der Todesschlaf

X. Des Wächters Los
Sorlas Vision / Der Schlangenfluß / Flucht vor dem
Quasrat / Riesige Murmeln und rettende Stiefel /
Das Orakel erfüllt sich

XI. Schlangengespräche
Die Schlange häutet sich /Gnelis Beschluß
Wie die Gnome in die Welt kamen

XII. Die Karlek-hanan
Anhängliche Verwandlungen und hungrige Wölfe /
Der Steinkreis / Kinder im Schnee / Laschre erinnert
sich / Blick auf Stutenhof

XIII.Glossar

__________________________________________________________________________________________


Kindheit am Fluß

"Sorle-a-glach!" dröhnte eine tiefe Stimme über den Fluß.
Ein nacktes Kind, braungebrannt, mit langen honigfarbenen Locken, richtete sich zwischen den Ufersteinen auf. Es flitzte ans Wasser und hechtete hinein. Mit wilden Schlägen durchschwamm das Kind den Fluß, mehr unter als über Wasser, und tauchte keuchend neben der massigen felsgrauen Gestalt des Flußtrollweibes Squompahin-laschres auf. Die triefnassen Haare zottelten über sein Gesicht.
"Ja, Laschre?"
"Hier. Essen!" Das Flußtrollweib hielt sich ihre riesige Pranke vors Maul und spie ein Häufchen durchgekauten Fisch hinein. Der kleine Junge verzog das Gesicht.
"Ich kann meinen Fisch selbst kauen! Ich bin doch kein Säugling!"
"Iß!"
"Mein Mund ist schon voll!" Das Kind zeigte auf seine Backe. Sie war auf einmal ganz ausgebeult.
"Spuck den Stein aus!" Der Kleine öffnete den Mund und ließ den Stein herausfallen, der, bevor er den Boden erreichte, plötzlich verschwand.
"Jetzt iß!"
Das Kind seufzte, leckte aber gehorsam den Fischbrei aus Laschres tellergroßer Handfläche. Danach rannte es weg, um wieder am Fluß zu spielen. Es war ein heißer Spätsommertag. Das Kind hockte sich auf einen Felsen, der nahe dem Ufer aus dem Fluß ragte. Das Wasser war hier seicht und ruhig! Kleine Fische huschten hin und her. Blitzschnell schlug der Junge mit der Hand ins Wasser und hielt eine zappelnde Elritze zwischen den Fingern. Er steckte sie in den Mund, kaute einmal und schluckte sie hinunter.
"Fast schon so schnell wie Laschre bin ich", murmelte er. Dann verharrte er wieder regungslos.
Aus der Ferne, flußabwärts, ertönte ein Ruf, ein zweiter antwortete. Der Kleine hob den Kopf und lauschte. Es klang, als riefen Jäger einander zu oder trieben Wild vor sich her. Jetzt hörte er, wie etwas näherkam, ein Hirsch vielleicht oder ein Bär, durch den Wald rennnend, durch das Unterholz brechend, laut keuchend. Plötzlich teilte sich das Ufergebüsch, und ein Mann stolperte heraus; wild aussehend, groß und stark, jetzt aber vornübergebeugt und völlig erschöpft. Die blonden langen Strähnen hingen schweißnaß an ihm herunter, die Kleidung war in Fetzen. Den Rücken troff Blut entlang. Der Mann blickte gehetzt und vor Angst fast irre umher. Da sah er das Kind.
"Hilf mir!" flüsterte er heiser.
"Wer bist du?"
"Heril, ich heiße Heril. Wo soll ich hin? Sie holen mich!"
Der Kleine winkte ihm und rannte voraus flußaufwärts, wo die großen Felsen am Ufer lagen. "Hier ist ein Mann, Laschre, den du verstecken sollst. Er heißt Heril und hat große Angst."
Die Schreie der Verfolger kamen näher. Der Mann blickte panisch um sich.
"Mit wem redest du? Hier ist niemand! Soll ich mich hinter den Felsen verstecken?"
Da schnellte aus einem Felsen eine graue Riesenpranke heraus und packte ihn.
"So, Heril also", brummte Laschre. "Der Hengst. Ich habe von dir gehört." Der Mann zerrte vergeblich, um sich aus dem Griff zu befreien. Die Locken peitschten sein Gesicht.
"Was ist das? Ein Ungeheuer? Ein Felsen, der lebt?"
"Komm her", dröhnte Laschres tiefe Stimme. Sie zog ihn zu sich, und schon war er in ihrer Umarmung verschwunden. Eine blonde Strähne schaute noch heraus und bewegte sich im Wind. Das Kind aber kletterte an Laschre hoch, um sich auf die verräterische Locke zu setzen. Es wirkte, als hocke es allein auf einem Felsen. Daß dieser leise zitterte, war nur zu spüren, nicht zu sehen.
Lautes Schnauben ertönte von jenseits des Flusses. Drei Reiterinnen waren mit ihren Pferden durchs Unterholz gebrochen und verharrten am Ufer.
"Heh, Kleines!" rief die Anführerin und schwenkte ihr Schwert. "Hast du einen Mann gesehen? Einen Mann auf der Flucht?"
Das Kind rief zurück: "Ja! Er rannte dort hinauf, flußaufwärts. Hat er was gestohlen?"
Die Frauen lachten und wollten weiterreiten. Da zügelte die Anführerin noch einmal das Pferd.
"Was sitzt du hier so alleine herum?"
"Ich bin nicht alleine. Meine Mutter ist in der Nähe."
Die Frau winkte ihm zu. "Auf Perte! Auf Prata!" rief sie dann, und schon jagten die Reiterinnen am Ufer entlang davon. Das Kind lachte.
Nachts konnte es nicht schlafen. Laschre hatte den Fremden den ganzen Nachmittag nicht mehr losgelassen! Und als der Junge abends ebenfalls in ihre Arme kriechen wollte, wie sonst immer, bekam er einen Knuff.
"Bleib in der Nähe, aber laß uns zufrieden", hatte Laschre geknurrt. Als die Nacht hereinbrach - es war Neumond - bekam das Kind zum ersten Mal in seinem Leben Angst. Es saß zitternd in völliger Dunkelheit in der Nähe Laschres. Die Nachtluft wehte kalt, seltsame Geräusche knisterten und wisperten von überall her.
Und dann fingen Laschre und Heril an zu kämpfen! So schien es dem Kleinen, er sah ja nichts. Heril keuchte, Laschre begann zu knurren, stöhnte dann lauter und lauter. Auf einmal brüllte sie, daß die bewaldeten Hänge widerhallten. Das Kind verkroch sich schaudernd zwischen den Ufersteinen und hielt sich die Ohren zu. Doch noch immer erklang Laschres Brüllen! Stoßweise erfüllte es das Tal und ebbte nur langsam ab.
...

Im Pelkoll

Lange war Sorla schon dem dunklen Gang gefolgt; immer deutlicher spürte er, daß hier keine Sonne wärmte und keine Laschre bereit war, ihn in die Arme zu schließen. Sein nackter Körper fröstelte. Aber er ging weiter, den hellblau schimmernden Glygi vor sich haltend. Einmal huschte etwas vor ihm weg ins Dunkle, Krallen kratzten über Stein, dann war es wieder still. Als er stehenblieb, hörte er ganz leise ein dumpfes Pochen. Er wußte nicht, war es das eigene Blut, das in seinen Ohren pulste, oder drang etwas aus der tiefsten Ferne des Berges zu ihm. Er ging weiter.
Da verfing sich sein Fuß, und schon lag er bäuchlings auf dem Steinboden. Seine frisch verschorften Knie bluteten erneut. Sorla hörte ein Kichern. Als er den Kopf hob, sah er zwei Gnome vor sich stehen, mit weißen Spitzbärten und dunklen Umhängen. Sie hielten in ihren Händen kurze Schwerter, in denen sich das Licht des Glygi hellblau spiegelte. Unter ihren Umhängen blitzte das helle Metall fein gearbeiteter Brustharnische hervor. Der eine Gnom sagte etwas in einer fremden, kehligen Sprache zu Sorla.
"Ich versteh dich nicht", erwiderte dieser.
"Du verstehst nicht die Gute Sprache der Berge?" fragte der Gnom verwundert. "Dies ist fürwahr absonderlich. Du trägst einen Gnomenstein und bist nur der Sprache der Menschen mächtig?"
Sorla setzte sich auf und blies vorsichtig auf seine blutigen Knie. "Wenn du meinen Glygi meinst", entgegnete er, "den habe ich schon immer. Laschre sagt, er sei ein Geschenk von den Pelkoll-Gnomen, also von euch wohl. Und Laschre hat mir auch das Sprechen beigebracht, aber nicht, wie du vorhin sprachst!"
"Schau an, Girlim! Wir haben das Vergnügen, den Sohn der hochgeschätzten Taina vor uns zu sehen." Der andere Gnom nickte, strich sich den weißen Spitzbart, schwieg jedoch.
Der erste Gnom ergriff wieder das Wort: "Nun, junger Freund, gestatte, daß ich dir Girlim den Schweigsamen vorstelle. Wie sein Name andeutet, redet er nicht viel, doch sind seine anderen Fähigkeiten beachtlich." Girlim winkte lächeln ab.
"Oh doch, Girlim! Und mein eigener Name, nur damit ich ihn erwähne, ist Gerkin. Wir wachen über diesen Eingang, und es war ein Vergnügen zu sehen, wie der Fallstrick, den ich hier kürzlich spannte, dich zum Stolpern brachte." Gerkin verbeugte sich. Sorla stand erbost auf.
"Nichts für ungut, junger Freund", fuhr Gerkin fort, "und erlaube, daß ich dich so nenne, solange ich nicht die Ehre habe, deinen Namen zu erfahren. Auch würde mich das Woher und Wohin interessieren und das Weshalb, wie es eben meine Aufgabe als Wächter dieses Eingangs erfordert." Er verbeugte sich erneut, doch war das spöttische Glitzern in seinen hellen Augen nicht zu übersehen.
"Ich bin Sorla. Und Laschre sagt, ich soll zu den Gnomen gehen, damit die mir was beibringen."
"Ah, Sorle-a-glach wohl, wie unsere gute Freundin Squompahin-Laschre dich benannte."
"Sag Sorla, das ist mir lieber."
"Nun ja, kleine Wesen wollen kurze Namen, nicht wahr?"
"Ist Gerkin vielleicht länger?" Sorla stemmte die Hände in die Hüften und machte sich möglichst groß. "Und bist zu etwa größer als ich? Ha!"
Da streckte der andere Gnom die Hand aus und tätschelte Sorlas Schulter. Er zwinkerte ihm zu, bückte sich, um Sorlas Knie zu begutachten, und schüttelte mitfühlend den Kopf. Er öffnete die Hand; darin lag ein Stein, noch kleiner als Sorlas Glygi. Den hielt er nahe an die blutenden Knie. Sorla beugte sich besorgt vor. Doch da war kein Blut mehr, keine Schürfung; die Knie waren so heil und gesund, als hätte er sie seit Wochen nicht mehr aufgeschlagen. Girlim richtete sich wieder auf und schmunzelte zufrieden.
"Was hast du da gemacht?" frage Sorla mißtrauisch.
Gerkin schaltete sich ein: "Nun mein lieber Sorla, unser werter Girlim hat soeben deine Knie geheilt."
"Und wer bingt mir jetzt was bei?"
Gerkin flüsterte Sorla ins Ohr: "Gestatte mir den kleinen Hinweis, mein junger Freund, daß es angebracht und wohlgetan wäre, dem werten Girlim wenigstens dankzusagen."
"Dank? Was ist das?" fragte Sorla laut.
Gerkin schaute ihn entgeistert an. "Wie? Du willst andeuten,daß du dieses Wort nicht kennst? Daß du von der dazugehörigen Regel und womöglich noch von anderen grundlegenden Regeln des Guten Umgangs Miteinander nie etwas gehört hast?"
Sorla war verwirrt. "Von Dank hat Laschre nie was gesagt", meinte er schließlich. "Was heißt es denn?"
Gerkin atmete tief durch. "Mit dem Wort Danke kannst du ausdrücken, daß du dich über Girlims Hilfe freust. Und mir deucht, mein lieber Sorla, du habest fürwahr noch viel zu lernen."
Girlim hatte geduldig dabeigestanden. Jetzt nahm er seinen Umhang ab und legte ihn Sorla um.
"Recht hast du, teurer Girlim", sagte Gerkin schuldbewußt, "dieses Kind ist nackt, es friert; und es zu wärmen ist wichtiger als es zu belehren." Damit zog er sich ebenfalls den Umhang von den Schultern und wickelte Sorla in beide Umhänge so geschickt ein, daß diesem gleich warm wurde.
"Danke", sagte Sorla. Gerkin und Girlim sahen einander bedeutsam an. Ihre zierlichen Brustharnische strahlten hell.
"Jetzt aber, verehrter Girlim", sprach Gerkin, "sollten wir uns den noch offenstehenden und dringlichen Fragen zuwenden, meint Ihr nicht?" Girlim nickte.

...