Gilgamesch

Inhalt

Einleitung
Der Inhalt der zwölf Tafeln
Gilgamesch, der stößige Stier
Enkidu wird erschaffen
Chumbaba
Heldenfahrt
Der Held
Der Doppelgänger
Schmerz und Tod
Inannas Abstieg in die Unterwelt
Inanna und der Himmelsstier
Der Aspekt des Bewußtseins
Astrologischer Exkurs
Gilgamesch, der Löwe
Pilgerschaft
Im Edelsteingarten
Die Göttin Siduri
Der Fährmann Urschanabi
Der Ahne Utnapischtim
Die Sintflut
Zur Symbolik des Wassers und der Sintflut
Der weise Utnapischtim
Der Schlaf, der kleine Bruder des Todes
Die sechs Brote
Das Kraut des Lebens
Die Schlange
Tränen und Wachstum
Der Wunsch nach Unsterblichkeit
Eine Einweihung in die Isis-Mysterien
Gilgamesch und sein Mysterium
Anhang
Landkarte von Mesopotamien
Zeittafel
Stammtafeln der Götter
Glossar der Götternamen
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Abbildungen und Bildnachweise

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Einleitung

"Gilgamesch, wohin läufst du?
Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden."
(Siduri, Tafel X)


Gilgamesch, der sumerische Mythenheld, hatte sich über Jahrtausende vor den Menschen verborgen. Erst 1872 wurden von George Smith unter den vielen Tausenden Tonscherbenstücken, der in London gelagerten Bibliothek des Herrschers Assurbanipals (669 - 627 v. Chr. in Ninive), die ersten Tontafeln des Epos entdeckt. Aus Tausenden von winzig kleinen Tonscherben, die teilweise über viele Fundstellen zerstreut waren, konnten zwölf Tontafeln rekonstruiert werden, auf denen dieses erste Großepos der Weltliteratur aufgezeichnet ist.
Viele Stellen dieses Heldengedichtes sind bis heute noch nicht gefunden oder schwer zu übersetzen. Immer wieder kommen neue Bruchstücke ans Tageslicht. Rekonstruiert wurde der Gesamtzusammenhang aus Fragmenten der verschiedensten Zeitepochen (vor allem 19., 16.- 6. Jahrh. v.Chr.) und der verschiedensten Sprachen, so hauptsächlich aus dem Akkadischen, Sumerischen, Hetitischen, Churritischen und auch aus dem Hebräischen. Bei den überlieferten Ereignissen sind die Götter so in das Geschehen eingebunden, daß die Grenzen zwischen Epos und Mythos verfließen.
Gilgamesch, der später vergöttlichte Stadtkönig, kann auf eine reale Persönlichkeit zurückgeführt werden, die um 2800 v. Chr. König von Uruk war und in der sumerischen Königsliste als 5. nachsintflutlicher König geführt wird.
Ort der Handlung ist Uruk, die südbabylonische Stadt, die erst im Jahre 1902 ausgegraben wurde. Sie liegt am Unterlauf des Euphrats an der Grenze zwischen Steppe und Wüste und wird von einer mächtigen aus gebrannten Ziegeln hergestellten Festungsmauer umgeben, die über 9 km lang, 9 Meter hoch und 9 Meter breit ist. Sie soll 800 Türme gehabt haben. Die Mauerkrone war mit Zinnen und einer Brustwehr versehen.
Uruk gilt als die größte prähistorische Stadt der Welt und war im 3. Jahrtausend die Hauptstadt von Sumer. Im Inneren der Stadt befand sich Eanna, wörtlich "Haus des Himmels", der von einer weiteren Mauer umgebene heilige Bezirk. In ihm erhoben sich die turmartigen Tempel der Inanna (Ischtar) und des Anu. Beide Tempel waren die uns bekannten stufenartigen Zikkurate, hinter denen die Idee des Weltenberges steht.
Das fruchtbare Land der Sumerer war häufig von Überschwemmungen bedroht und oft mußten ganze Siedlungen verlassen werden, weil einer der beiden großen Flüsse (Euphrat und Tigris) sein Flußbett verlassen und verändert hatte. Ackerbau, ein intelligentes Bewässerungssystem und ein gut ausgebauter Handel brachten Reichtum mit sich, der rasch die umgebenden Nomadenvölker in den "fruchtbaren Sichelbogen" anlockte und viele Kriege zur Folge hatte. Die ältesten Städte waren Eridu, Ur und - als vermutlich größte und bedeutendste von ihnen - die Stadt Uruk. Alles Land und seine Bewohner galten als Eigentum des Gottes Anu. Ihm und seiner Stellvertretung auf Erden, dem absolutistischen Priesterfürsten, war alles zu Gehorsam verpflichtet. Der König war oberster Priester und Befehlshaber der Krieger. Eine wohlorganisierte Priesterschaft verwaltete das Gemeinwesen.
Woher die Sumerer gekommen sind, wissen wir nicht. Vermutlich sind sie von Osten her in das fruchtbare Land eingezogen, das von einigen sogar als der Garten Eden angesehen wird, wie er in der Bibel beschrieben wird. Der Vorschlag dieses Volk, dessen wirklichen Namen wir gar nicht kennen, so zu benennen, stammt von dem französischen Assyriologen Julius Opert. Die Akkader hatten den südlichen Landesteil zwischen Euphrat und Tigris "Schumer" genannt, was soviel wie "Kulturland" heißt. Schon auf die vorgeschichtliche Zeit um 30 000 v.Chr. konnten die Lebensspuren der Bewohner der Höhle von Schanidar, die am Zab, einem Nebenfluß des Tigris, liegt, datiert werden. Die Nachfahren der Jägern und Sammlern bildeten und gestalteten um 5000 - 3000 v.Chr. die ersten Städte und Stadtstaaten. Die Sprache der Sumerer wird von Kennern als eine wohlklingende Sprache beschrieben, was sie sicher für den Ritus und die dazugehörenden Rezitationen besonders geeignet machte. Als lebende Sprache erlosch sie ca. 1800 v.Chr., wurde jedoch in Kult und Bildung bis in die Zeit verwendet, als die Seleukiden hier herrschten (ca. 200 v. Chr.) und durch die totalen Hellenisierungsversuche alle nationalen Eigenheiten der alten Kultur unterdrückten.
Die wichtigste Kulturleistung der Sumerer war die Keilschrift. Auf kleinen handtellergroßen Tontäfelchen wurde mit einer dreikantigen Griffelspitze geschrieben. Diese Schrift, die ca. 900 Zeichen umfaßt und um das Jahr 3100 v.Chr. entstanden ist, eröffnete den Weg der Geschichtsschreibung. Zuerst war es, ähnlich den Hieroglyphen, eine Bilderschrift, die dann allmählich zu einer Schrift aus kleinen dreigestaltig geformten Zeichen wurde. Sie sehen wie kleine Keile aus und wurden deshalb von dem Forscher Engelbert Kämpfer (1651-1716) als "Keilschrift" bezeichnet.
Die Idee des Schreibens gelangte schließlich von Sumer aus nach Ägypten und Indien. Mit zunehmendem Verfall der sumerischen Kultur ging die Kenntnis dieser Sprache und Schrift jedoch vor ca. 2000 Jahren verloren, da sie nur noch innerhalb der Priesterschaft für das religiöse Zeremoniell und von Gelehrten verwendet wurde. Zudem konnte sie nur noch unter Schwierigkeiten und unter zu Hilfenahme von Wörterbüchern benutzt werden.
Erst im letzten Jahrhundert (1802 von Georg Grotefend, 1775 -1857) konnte die Keilschrift entziffert und das Epos erschlossen werden.
Lissner schreibt in "Glaube-Mythos-Religion":

Uruk, das heute Warka genannt wird, übertraf alle Städte an Glanz und Reichtum. Im Vergleich zu dem, was Ägypten an Baudenkmälern hinterlassen hat, ist Mesopotamien nichts als ein riesiges Trümmerfeld. Und doch ist es ein großer Augenblick, nach langer Wüstenfahrt, die einsamen, entlegenen Ruinen von Uruk zu sehen, der Stadt des Gilgamesch. Ein unheimlicher Wüstenwind jagt den Sand hoch, läßt ihn in riesigen Wolken über diese gewaltigen Trümmerstätte fliegen. Hunderte von irakischen Arbeitern mit ihren Körben voll Sand erscheinen in diesem Staubnebel wie gespenstische Prozessionen. Uruk wird ausgegraben. Uruks Tempel und Paläste erwachen aus vieltausendjährigem Schlaf. Unermüdlich und sehr behutsam fegen die irakischen Arbeiter mit kleinen Bürsten die sonnengebrannten Ziegel rein, die Arbeiter vor 5000 Jahren ebenso sorgfältig legten. Wir leben in einer phantastischen Welt...
Die Sumerer haben hier heilige Städte und Bezirke von gewaltigen Ausmaßen angelegt. Ein glühender, unbeirrbarer Glaube muß sie zu diesen Anstrengungen getrieben haben. Es ist faszinierend, wie sich Archäologie und Gilgamesch-Epos an diesem Ort bestätigen."

Das Gilgamesch-Epos läßt sich verstehen als:
1. in Resten erhaltener historischer Bericht um den König von Uruk und seine Taten;
2. mythisches Abbild des Heiligen Jahres;
3. Ereignisse eines religionsgeschichtlichen Prozesses, der die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat beschreibt;
4. verschlüsselter Bericht astronomischer Tatsachen, wie es Werner Papke in seinem 1989 erschienenen Buch "Die Sterne über Babylon" getan hat;
5. Bericht einer Suchwanderung, die zu den Mysterien führt, um eine Initiation zu erfahren.

In den folgenden Ausführungen wird das Hauptaugenmerk auf die psychologischen Linien gerichtet werden, wie sie sich beim Studium des Epos angeboten haben. Dabei besteht kein Widerspruch zwischen einer psychologischen Sicht und einer eher astronomisch-historischen Forschungs- und Betrachtungsweise, wie sie von Papke vorgenommen wird. Beide Betrachtungsweisen ergänzen sich gegenseitig. Vielmehr können sich die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen befruchten und neue Forschungsimpulse geben. Hinter der Wahl eines Forschungsweges steht das Motiv des Forschenden, das selbstverständlich der Psychodynamik des forschenden Individuums angehört. Natürlich bedeutet es einen Unterschied, ob Gilgamesch als Sternbild oder als realer Held betrachtet wird. Für den Psychologen wird aber interessant, was die Menschen in Sumer dazu gebracht haben könnte, die Ereignisse am Sternenhimmel gerade mit der Gestalt des Gilgamesch zu beschreiben, hinter dem Papke den Planeten Merkur erkennt.
Die Art, wie die Menschen von damals den Himmel und seine Sterne, ihre nächtliche Wiederkehr, ihren Lauf und ihre Geheimnisse zu erklären versuchten, geben uns Hinweise und Auskünfte über ihre Auffassung vom Menschen, seiner Stellung und Verbindung zu Natur und Kosmos. Hinter der Anthropomorphisierung des Wahrgenommen steht der Wunsch, das umgebende Chaos in eine verstehbare Ordnung zu überführen und in Verbindung mit den dahinter im Verborgenen wirkenden, ordnenden göttlichen Kräfte zu gelangen.
Wir können der Ausgestaltung des Epos nachspüren und über die Grenzen der Kulturen hinweg Grundlinien psychischer Phänomene suchen. Nichts eignet sich hierzu besser als die Mythen eines Volkes, in denen die psychische Realität in ihrem irdischen und spirituellen Zusammenhang dargestellt ist. In ihnen beschreibt die Volksseele ihr Verständnis von Gut und Böse, von Leid und Sinn des Lebens, von Chaos und Ordnung.
Von Gilgameschs Initiation in die Mysterien des Sonnengottes Schamasch nehmen verschiedene Autoren an, daß sie mißglückt ist (Eliade u.a.). Trotzdem bestehen wichtige Verbindungen dieses Mysteriums zur individuellen und kollektiven Bewußtseinsentwicklung, wie sich an der Gestalt Gilgameschs zeigen lassen wird.
Gilgameschs Weg in das Mysterium ist gekennzeichnet von Kämpfen, großen Erfolgen, rauschhaften Erlebnissen, aber auch von Schmerzen, Tränen, Trauer und Einsamkeit. Dabei führt uns das Epos - trotz seines nur in Fragmenten erhaltenen Zustandes -, entsprechend dem (noch) Offen-Sein der sumerisch/akkadischen Seele für die Verbindung zu den Göttern, eindrucksvoll mit seinem Symbolreichtum zu Erkenntnissen, die gerade durch ihr mythisches Alter von 5000 Jahren bestechen und überzeugen.
Was früher der gebildete Mensch des Altertums in seinem spirituellen Hunger in den Zentren der Mysterien gesucht hat, das beschäftigt die Menschen von heute ebenso, trotz des fast allen Weltbürgern inzwischen zugänglichen "Mysteriums von Golgatha". Darüberhinaus gibt es viele Mysterien in anderen Kulturen, die ihre faszinierende und gelegentlich auch verführerische Wirkung auf die Seele des nach Erleuchtung hungernden Menschen ausüben.
Versuchen wir über Gilgamesch eine Antwort auf die Frage zu finden, was er gesucht hat und was auch heute an Fragen noch davon übriggeblieben ist und die Menschen immer noch beschäftigt. Daß eine Suche nach den spirituellen Wahrheiten zuweilen zur Qual wird, schwere Selbstzweifel und gar Depressionen auslösen kann, bekommt jeder Sucher zu spüren.