Karma & Chaos
- Ganz verspannt im Wenn und Aber -

... Das Stöhnen wurde lauter, wilder, ekstatisch. Wurde zum Schreien. Kleine, atemlose spitze Schreie vereinigten sich mit gutturalem,tiefem Keuchen. Bransen röhrte wie ein brünftiger Hirsch, während sich die dralle Rothaarige unter ihm wand, in seine Brustwarzen biß und sich ihm erregt entgegenbäumte ...

Mist aber auch!
Ich kann mir lebhaft vorstellen, was Dr. Voland - mein Verleger für diesen Teil des literarischen Weltgeschehens (er bezeichnet sich oft als Helfer der Menschheit, Samariter und Seelenarzt), mir vorhalten würde, falls er diese Zeilen zu lesen bekäme: "Barnum", würde er vorwurfsvoll murmeln und dabei undurchsichtigen Zigarrennebel vor seinem schweinchenrosa gefärbten Gesicht aufsteigen lassen, "Barnum, Sie sind ein talentierter, junger Mann, das habe ich Ihnen schon oft gesagt. Aber so kann man doch keinen Porno schreiben!"
Er würde lange mit verkniffenen Augenbrauen in das Manuskript schauen und schließlich rezitieren: "röhrte wie ein brünftiger Hirsch ... - Sie wissen selbst, Barnum, welche Assoziationen sich da bei unseren Lesern einstellen: Schlafzimmerbild, Biedermeier, Hirsch und Hirschkuh in pastellfarbenen Öltönen und Goldrahmen."
Und dann würde er beginnen aufzublühen, wie eine Stinkmorchel unter lauwarmem Sommerregen. Er würde, im Stile eines Germanistikprofessors, unwiderlegbar von der Ästhetik des pornografischen Romanes, seines werkimmanenten, sinnlichen Reizes, der Doppeldeutigkeit der Metaphern im allgemeinen, von der Metamorphose des Uneigentlichen zum Wesentlichen und schließlich vom Sinn des Lebens und des Universums im besonderen dozieren. Ich würde vor ihm sitzen, immer wieder ergeben nicken und an irgend etwas Erfreuliches denken. Schließlich würde er seinen spitzen, schon leicht gichtgekrümmten Zeigefinger wie einen beutewitternden Geierschnabel gegen mich richten und in tadelndem Tonfall sagen: "Barnum, weshalb muß ich dies überhaupt ausführen. Ein Mann Ihrer Begabung! Warum schreiben sie nicht einfach: Er fickte sie durch, wie nur ein Landsknecht ficken kann!"
Mit einem abschließenden Nicken würde ich aufstehen, meine Manuskripte zu mir nehmen und sagen: "Herr Dr. Voland, ich danke Ihnen. Ich weiß auch nicht, weshalb mir diese einfache und dabei so natürliche Lösung nicht sofort gekommen ist!"
Er wiederum würde mich zur Türe begleiten, mir nochmals kräftig auf die linke Schulter schlagen und jovial lachend ausführen: "Dazu ist der Verleger ja schließlich da, nicht wahr, Barnum? Wer, wenn nicht ich, soll Sie denn zu einem großen Schriftsteller machen?"
Ich würde ein wenig stammeln und schließlich die Wahrheit ausstoßen: "Herr Dr. Voland, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll!"
Dann würde ich mich an seiner Sekretärin vorbeidrücken, die niemals auch nur ein Augenzwinkern für mich übrig hat - dabei schmückt Dr. Voland das Vorzimmer wirklich immer nur mit den steilsten Sekretärinnen, die allerdings in vierteljährlichem Rhythmus wechseln und außer zum Türenöffnen, Telefonverbindungen herstellen und scharf aussehen (zumindest während der Geschäftszeiten), zu nichts anderem zu gebrauchen sind.
Obwohl mir dieser röhrende Hirsch wirklich nahegeht (fragen Sie jetzt nur nicht weshalb!), und ich ihn ungern opfere, steht fest, diese Stelle wird gestrichen. Ich werde mich für heute anderen Aufgaben zuwenden. Zu deutlich geistert Dr. Volands Schweinchengesicht über der Tastatur meines Computers.
Was steht sonst noch an?
Ich wühle mich durch die lose auf dem Schreibtisch herumliegenden Blätter.
... Sehnsuchtsvoll streichelten die Augen des Professor den zarten, leicht geröteten Teint der schüchternen Schwester Adeleine. Sein Herz krampfte sich zusammen. Dann jedoch erinnerte er sich an seine Pflichten. Er atmete tief durch und griff zum sterilen Skalpell ...
In zwei Tagen muß diese Story abgeliefert sein. Ich überlege kurz: Professor liebt junge Krankenschwester. Operation gelingt trotz widrigster Umstände. Vater gerettet. Intrige der abgrundtief bösen Oberschwester in letzter Minute niedergeschmettert. Kahnfahrt auf dem Ammersee, Geständnis, Umarmung, Kuß, Liebesschwüre, Sommer, Sonne usw. Alles paletti. Kein Problem. Ich staple das Papier auf die andere Seite des Schreibtisches. Morgen Abend, so verspreche ich mir und mache mich genüßlich über meinen Beaujolais her, reiße ich die Geschichte runter. Tasten-Training. Mehr nicht!
Das Problem besteht eher darin, daß ich heute Abend zu nichts mehr Lust habe. Für den Porno bleiben mir noch zehn Tage. Professor und Krankenschwester sind innerlich abgeschrieben und erledigt. Für Science Fiction steht der Mond nicht hoch genug, und für den Krimi habe ich zuviel Rotwein getrunken. Für Horror ist es noch zu früh am Abend, außerdem habe ich nichts gegessen und bei manchen Szenen wird mir ausgesprochen flau im Magen. Für die anstehende Lovestory finde ich zur Zeit nicht den richtigen Aufhänger oder, um es mit den Worten meiner geschätzten Verlegerin für Liebesgeschichten, Frauke Heilmann, Gründerin der erfolgreichen Edition Orchidee, zu säuseln: "Nicht wahr, werter Herr Barnum, Liebesgeschichten brauchen ein ganz besonderes Flair! Ein stimmiges Ambiente!"
"Genau!" würde ich nicken und abtreten, um ein stimmiges Ambiente, dieses ganz besondere Flair aufzutreiben.
Also, was dann?
Der Abend ist noch jung. Die Nacht wartet. Draußen locken schon die neurotisch blinkenden Lichter der Kneipen.
Ein Blick auf die Uhr. Die Kinos quälen sich noch durch den Hauptfilm. Das ist nicht die Zeit, durch die Stadt zu streichen, um neuen Stoff für Storys zu suchen. Und schon gar nicht die Zeit irgendwohin zu gehen, um für sich selbst eine kleine Geschichte zu finden, die vielleicht niemals irgendwo in einer geschriebenen Fassung auftaucht.
Gelangweilt und angeödet verschiebe ich Papiere auf dem Schreibtisch. Unbezahlte Rechnungen landen im Papierkorb. Ich kann die Geduld aufbringen und die Mahnungen abwarten. Außerdem habe ich ja wirklich genug andere Dinge zu schreiben. Von einem Genie kann nicht erwartet werden, daß es auch noch Überweisungen ausfüllt!
Und plötzlich hab ich's!
Mein röhrender Hirsch!
Ich muß ihn nicht beerdigen, noch bevor ich ihn geboren habe! Irgendwo hier muß doch noch die Anfrage dieses Schnulzen- und Heimatromanverlegers liegen.
Verdammtes Chaos!
Mein röhrender Hirsch!
Deutlich sehe ich ihn vor mir:
... Rotglühendes Abendrot zauberte einen lockenden Glanz auf Marias nur durch eine einfache Spange gebändigte Haarpracht. Viktor, der fesche Revierförster, hatte den Blick zu Boden gerichtet. Er räusperte sich leise und sprach sich selbst Mut zu. Gleich wird er es sagen, dachte Maria, schloß erwartungsvoll die Augen und öffnete leicht ihre kirschroten Lippen. In diesem Moment zuckte Viktors Gesicht hoch. Er sah hinüber zu der kleinen, moosbewachsenen Lichtung. Dort drüben, genau vor dem flammenden Rot der untergehenden Sonne, stand der kapitale Zwölfender, Leithirsch und unangefochtener Herrscher des Waldes und witterte zu Maria und Viktor herüber. Dann legte er den Kopf in den Nacken und sein prachtvoller Brunftruf röhrte, von Echos begleitet, durch das ehrfurchtsvolle Schweigen des Waldes ...
Da ist das Schreiben! Endlich.
"Sehr geehrter Herr Barnum", steht da in fester kantiger Handschrift. "Sie wurden mir von Herrn Dr. Voland als integrer, zuverlässiger Schriftsteller empfohlen. Daher möchte ich mich heute mit einer Bitte an Sie wenden ...", undsoweiter undsofort.
Während ich im Hinterkopf schon die Struktur der herzzerreißenden Geschichte um Maria, Viktor und den Zwölfender entwerfe, stelle ich mir vor, wie der Schnulzenvertreiber gemeinsam mit dem Pronozar in einem bayerischen Dorf bei Weißbier, Semmelknödeln und Schweinebraten die jeweiligen Besonderheiten ihrer Literaturgattung bekauen: "Sehen Sie, Herr Tomson", würde mein werter Pornodoktor ausführen, "Sie haben es doch denkbar einfach mit Ihren Romanen. Nichts ändert sich. Im Gegenteil, alles soll ja für Ihre Leser gerade so bleiben, wie es schon immer war. Zumindest in deren Vorstellung. Die Tannen grün, die Madeln züchtig, die Burschen stark und ehrlich. Die Guten sind gut. Die Bösen sind bös. Sie können sich nicht vorstellen, wie das in meinem Metier ist. Ständig bin ich auf der Suche nach Neuem, nach wirklich Ausgefallenem. Unsere Leserschaft ist leider nicht so einfach zufriedenzustellen. Gott sei Dank arbeite ich inzwischen sehr intensiv mit drei namhaften Psychologen zusammen, die mir gegen ein kleines Entgelt immer wieder mit hervorragenden Fakten aushelfen. Ich kann Ihnen sagen, die Realität ist gewaltiger als die ausgefallenste Phantasie!"
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