Katzen


Inhalt:

I. Die mytische Katze
Die Katze im Holunderbaum
Das Gericht der Tiere
Das Gold der Waldfrau
Sibyllenfahrt
Die weiße Katze
Das Mädchen mit den weißen Kätzchen
Das Geschenk der Holle
Die einäugige Katze
II. Die magische Katze
Der Kater Wiljiki
Der Katzenkänig
Die Teufelskatze
Das Katzenweible
Das Nachtvolk
Der Wundertaler
Die rote Katze von Vogelsbüsch
Die Alexanderkatze
Der Doktor mit den Böcken
Der Spielmann und die Grafentochter
Spiegel das Kätzchen
III. Die Katze bei Mensch und Tier
Der Kater Johann
Wie Katze und Hund dem Fuchs halfen
Das Schloss, das auf goldenen Säulen stand
Die Hexenwäsche
Katze, Hahn und Sichel
Der Maushund von Schilda
IV. Redewendungen und Sprichwörter
Die drohenden Katzen
Kater Martinichen
V. Die Katze in der Volksmedizin
Kleine Fabel
Katze und Maus in Gesellschaft
Kater, Hahn und Füchsin
Die Glockenblume
Vom Kater und dem Sperling
Die List der Katze
Der Kater und die Füchsin
Literaturverzeichnis

_____________________________________________________________________________________________

I. Die mystische Katze

Als gezähmtes Tier und Mitglied der menschlichen Gemeinschaft ist die Katze, etwa ab dem 2. Jahrtausend vor Christus, zuerst in Ägypten nachweisbar. Ägyptische Priester errichteten der Katzengöttin Bastet gar einen Tempel. In ihm sollen nach Angaben des griechischen Geschichtsschreibers Herodot Hunderte von Katzen ein wahres Luxusleben geführt haben und nach ihrem Tod – den Pharaonen gleich – mumifiziert worden sein. Tatsächlich entdeckten zu Beginn dieses Jahrhunderts Archäologen zahlreiche solcher Katzenmumien. Wenn in einem altägyptischen Haushalt eine Katze starb, dann rasierten sich die Hausbewohner als Zeichen der Trauer die Augenbrauen. Wer eine Katze tötete oder misshandelte, musste selbst mit der Todesstrafe rechnen.
Eine historische Überlieferung macht deutlich, wie heilig die Katze für die Ägypter war: Im 6. Jahrhundert vor Christus fiel der persische Kaiser Kambyses II. in Ägypten ein. Bei der Belagerung einer Stadt warnten die Berater Kaiser Kambyses davor, sie im Sturm zu nehmen, da die gefürchteten ägyptischen Bogenschützen das Heer der Perser dabei sicher dezimiert hätten.
Kambyses befahl, dass jeder Soldat beim Angriff eine Katze vor sich herzutragen hätte. Als die ägyptischen Befehlshaber dies sahen, verboten sie den Bogenschützen ihre Pfeile abzufeuern. Lieber nahmen sie eine vernichtende Niederlage hin, als zu riskieren, ein heiliges Tier zu töten.
Aber nicht nur in der ägyptischen Religion und Kultur nahm die Katze eine herausragende Stellung als göttliches Tier ein. Auch in der germanischen Mythologie taucht die Katze auf. Einerseits wurde sie als Repräsentantin der Totengöttin Hel als ein Vorzeichen des Todes gedeutet. In dieser Verbindung wurde vor allem der unergründliche, unheimliche Charakter der Katze symbolisch dargestellt.
Auf der anderen Seite standen die Katzen unter der besonderen Obhut der germanischen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freyja, an die heute noch unser Frei-Tag erinnert.
Nach der Schilderung in der mittelalterlichen Edda benützt Freyja einen goldenen, fliegenden Wagen, der von zwei Katzen gezogen wird. Spuren davon sind noch in der Sage von der Sibyllenfahrt zu finden.
Man hat diese beiden Katzen der Göttin ganz verschieden gedeutet: Man sah in ihnen ein männliches und ein weibliches Tier. Ohne die beiden Geschlechter kann es schließlich keine Liebe und kein Leben geben. Manchmal wurden sie auch als hell und dunkel beschrieben, wie die Nächte, die durch das Licht des Mondes einmal hell, dann wieder dunkel sind.
Um sich den Schutz und Segen der Fruchtbarkeitsgöttin zu sichern, stellten Bauern oftmals ein Schälchen Milch für die Katzen in die Kornfelder.
Schon in der Edda, der germanischen Mythensammlung, wird das Töten einer Katze mit einem Blutgeld bestraft.
Howel der Gute, König von Wales, erließ 936 ein Gesetz (den „Gwentian-Code“), in dem das Töten einer Katze folgendermaßen geahndet wurde. Die tote Katze wurde am Schwanz so aufgehängt, dass ihre Schnauze gerade die Erde berührte. Dann wurde sie so lange mit Weizen überschüttet, bis nichts mehr von ihr zu sehen war. Diesen Weizen bekam der Besitzer der Katze, denn wenn die Katze noch leben würde, hätte sie soviel Weizen vor der Fresslust der Nagetiere geschützt. War kein Weizen vorhanden, so musste derjenige, der die Katze getötet hatte, ein ungeschorenes Schaf samt einem Lamm als Buße hergeben.
Dieses Gesetz hatte im Volksglauben noch lange Bestand. Wenn ein Bauer eine Katze quälte oder tötete, hatte er Unglück und verursachte Todesfälle unter den Haustieren. Der Volksmund sagt: „Wer die Katze ins Wasser trägt, der trägt sein Glück aus dem Hause.“ Und noch bis zum Jahre 1780 ist für den Kanton Zürich eine Buße für eine verletzte oder getötete Katze gerichtlich festgesetzt worden – das sogenannte „Katzenrecht“. Dies bezeugt, wie hoch die Ehrschätzung für Katzen war, und wie groß die Scheu vor diesem „unheimlichen“ Haustier.
Im Zuge der Christianisierung wurden die germanischen Götter und ihre heiligen Tiere verteufelt, und Katzen galten als Vorboten alles Unchristlichen und Bösen. Im späten Mittelalter verfestigte sich das negative Bild von der Katze als Begleittier oder Verkörperung der Hexe.
In den Geschichten um die Göttin Freyja finden wir viele Merkmale des späteren Hexenwesens wieder.
Auch von den „weisen Frauen“ des Mittelalters wird berichtet, dass sie das Wetter fast nach Gutdünken zu „kochen“ verstanden. Auch die Kunst des „Fliegens“ beherrschten sie. Man war davon überzeugt, Katzen seien „ein Vehikel bei zauberischen Zeremonien“. Die „weisen Frauen“ glaubten, dass dank der Hilfe von Katzen eine Verbindung mit den Reichen von unsichtbaren Wesen möglich sei.
Wie die Katze erschaffen wurde, davon erzählen viele Legenden. Eine islamische sei beispielhaft erzählt:
In fernster Vergangenheit gab es eine gottlose Zivilisation, die zur Strafe für ihre Sünden von Gott durch eine Sintflut vernichtet werden sollte. Noah erhielt den Auftrag, auserwählte Menschen und Tiere in seiner Arche zu retten. Doch die Verschmutzung der Arche, als dann alle an Bord waren, stellte sich als Problem und eine große Gefahr heraus. Aus dem Unrat der zusammengepferchten Geschöpfe entstand nämlich ein scheußliches Nagetier – der Urahn unserer heutigen Mäuse und Ratten. Bald schon waren die Holzwände der Arche durch die Zähne der Nager gefährdet. Die bösen Mächte waren voll Schadenfreude, denn sie glaubten, dass die Arche schon bald untergehen würde und mit ihr auch die wenigen gerechten Menschen und Tiere darin. Dies würde das traurige Ende der ganzen Schöpfung Gottes bedeuten.
Der Löwe wäre gerne bereit gewesen, den Kampf mit den kleinen Nagern aufzunehmen, doch er war viel zu groß. Er konnte den Nagern nicht in die kleinen Ritzen und Zwischenräume folgen, wo sie ihr zerstörerisches Werk betrieben. Da ließ Gott den Löwen heftig Niesen und bei diesem Niesen sprang die erste Katze der Welt aus der Nase des Löwen. Sie erwies sich als unermüdlich im Kampf gegen die Nager und rettete so die Arche und all die Lebewesen darauf vor dem Versinken in den Fluten.
Nach einer irischen Legende dagegen soll der Teufel die Maus geschaffen haben, der Erzengel Michael aber die Katze, um die Maus zu töten. Von dieser alten Feindschaft zwischen Maus und Katze berichten viele Märchen und Fabeln.

________________________________________________________________________________________________________________

Die Alexanderkatze

Eines Tages, um das Jahr 1840, brachte Graf Alexander von Württemberg meinem Vater, Justinus Kerner, ein Bild in einfachem schwarzem Rahmen. Es stellte eine Wildkatze in Lebensgröße dar. Sie war mit schwarzer Kreide auf bläuliches Papier gezeichnet, und diese Farbe des Papiers zeigte sich auch in den Augen der Katze wieder, die sonst ganz dunkel gehalten war.
Je länger man das Bild anblickte, desto mehr war man betroffen von der Lebendigkeit der Zeichnung, besonders schauten einen die Augen der Katze so böse und drohend an, dass es einem ordentlich unheimlich wurde, und jetzt noch, nach so vielen Jahren, kann ich ihren Blick nicht vergessen.
„Lieber Justel, ich habe dir hier ein Bild mitgebracht, es ist so gut gemalt, dass ich es nicht verbrennen wollte, und dennoch kann ich es nicht mehr länger behalten, es würde mich verrückt machen. Bei einem früher in meinem Dienst gestandenen Jäger, der später Forstwart bei Esslingen wurde, habe ich es einmal an der Wand hängen sehen und oft daran denken müssen. Vor zwei Monaten hat er sich, obgleich er in anscheinend glücklichen Verhältnissen lebte, erschossen. Da habe ich es von der Frau gekauft und unter anderen Jagdbildern in meinem Schreibzimmer aufgehängt.
Aber ich kann die Augen dieser Katze nicht ertragen. Während ich den anderen Bildern keine Aufmerksamkeit schenke, muss ich dieses Bild unwillkürlich täglich anschauen. Ich fühle, dass es mich ganz melancholisch macht, so dass es mir am Ende erginge wie dem Forstwart. Darum bringe ich es dir, mein Justel, du bist der Herr der Geister, auf dich hat der böse Zauber keinen Einfluss.“
So sprach Graf Alexander damals zu meinem Vater.
Die Katze hing nun im Studierzimmer meines Vaters. Wir hießen sie die Alexanderkatze und hatten alle unsere Freude daran.
Aber die Augen! Die Augen! Sie waren gar zu unheimlich und man konnte den Blick nicht davon abwenden. So hing das Bild da lange Zeit, doch immer mehr fühlte mein Vater eine – wie wir es nannten – ungerechte Abneigung gegen die Katze. Er behauptete, ihr Anblick mache ihn ganz trübsinnig. Doch weil es das letzte Geschenk seines unterdessen verstorbenen Alexanders war, wollte er sie nicht hergeben. Eines Morgens aber brachte er sie mir und sagte: „Jetzt nimm du die Alexanderkatze, ich kann’s nimmer aushalten!“
Ich war erfreut, die Zeichnung zu haben und hielt mich gewappnet gegen jeden Aberglauben. „Was doch die Einbildung macht!“ dachte ich, als ich dem Katzenbild einen Platz unter anderen Bildern über meinem Schreibtisch einräumte. „Hätte Alexander nicht gesagt, die Katze mache ihn melancholisch, hätte auch mein Vater nichts von dergleichen verspürt. Einer steckt den andern an.“
Ich schenkte dem Katzenbild bald keine Beachtung mehr und es mochte schon ein Jahr dort hängen, als es mir in einer Winternacht – ich schrieb zu später Zeit an meinem Arbeitstisch noch einen Brief – plötzlich vorkam, ich sei nicht allein im Zimmer. Ich hatte die unheimliche Empfindung, es schleiche etwas Fremdes an mich heran. Ich sah schnell auf und meine Blicke trafen die Augen der Katze. Von jetzt an wusste ich, dass es keinen Frieden mehr zwischen uns gebe. Ihre Augen schienen mich feindlich zu verfolgen, und ich war innerlich voll Hass gegen sie, und das Traurigste dabei war, dass ich fühlte, wie sie stärker war als ich. Ihre Blicke schienen langsam jede Lebenskraft aus mir zu saugen, meine Gedanken zu absorbieren. Aber dennoch wollte ich sie nicht vom Nagel nehmen, ich schämte mich meiner Schwäche.
Da sagte eines Tages mein Vater: „Ich begreife nicht, wie du die Katze immer noch im Zimmer haben magst, auf mich macht sie immer noch einen dämonischen Eindruck.“
„Wenn das so ist, tue ich sie weg“, entgegnete ich und war froh, einen Grund außer mir zu haben, den unseligen Bann zu lösen.
Nun kannte ich einen Herrn, der war ein lustiger Lebemann, dabei Jäger und großer Tierfreund. Er hatte sein Haus neu herrichten lassen.
„Hier habe ich ein Bild für Ihren Hausgang“, sagte ich, natürlich ohne ihm irgendetwas von dem Lebenslauf und dem Wirken des Bildes zu sagen. Er dankte freundlichst und hing es in den Hausgang. Nach einem halben Jahr wurde er ohne äußere Beweggründe trübsinnig und tat sich einen Tod an.
Unser erster Gedanke war: Die Alexanderkatze!
Ein Verwandter des Verunglückten nahm die Katze mit sich, und nach einigen Monaten wurde er tot im Bett gefunden, ob durch fremde Hand oder durch eigene, blieb immer ein Rätsel.
Was aus der Katze weiter geworden, und auf wen sie jetzt unheilvoll niederschaut, weiß ich nicht zu berichten.