Lichtauge

Logbuch der Uramar

Drei Nächte vor Neumond.
Das Chamäleon steht dicht unterm nördlichen Horizont. Das Beständige ist der Wandel, ruft es den Menschen zu. Kein schlechter Stern für den Beginn einer Seereise, wenn da nicht auch die Waage wäre. Kraftlos und schief baumelt sie seit einigen Monden überm westlichen Horizont.
Selbst Unkundige blickten nun gen Himmel mit sorgenvoll gefurchter Stirn.
Auch andere Sterne scheinen ihre Kraft zu verlieren, sie beginnen zu verblassen oder flackern unbeständig.
Etwas ist aus den Fugen geraten.
Der Himmel ist nicht mehr im Gleichgewicht und auch die Menschen leiden. Seit Jahren schon sind keine Kinder mehr geboren worden im ganzen Reich.
Im Buch der Wahren Namen, zu dessen Hüter ich berufen bin in diesem Jahr, glaube ich etwas entdeckt zu haben. Deshalb habe ich zur Zusammenkunft gerufen auf der Insel zwischen den Nächten.
Noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang.
Die Bilge ist trocken, und die Spanten der Uramar knorzen erwartungsvoll. Nur vereinzelt ziehen leichtflockige Wolken über den Himmel und der Wind bläst eher lustlos aus Nord-West. Der Wanderer, Leitstern der Seefahrer, ist schon untergegangen, aber eine erste Ahnung der beginnenden Dämmerung zeigt mir, wo bald die Sonne erwachen wird.
Dorthin führt mich mein Kurs.
Am Abend will ich Taragon erreicht haben.
Wie lange ist es her, daß ich Enea umarmte?

Als Oyano, der alte Märchenerzähler, die Uramar aus dem Hafen seiner Heimatstadt steuerte, war es noch dunkel. Gleich hinter den Klippen, auf denen das Hafenfeuer noch brannte, zog er die Segel weit auf.
Er fand einen gemächlichen Kurs, bei welchem er sich selbst am wenigsten mühen mußte und wollte gerade beginnen, eine alte Melodie vor sich hinzusummen, als der bedrängende Schatten der Erinnerung seine Augen verdunkelte. Er sah zurück auf die schattenhaften Umrisse seiner Heimatstadt.
Kinder; seit Jahren gab es keine Kinder mehr und nun begannen selbst die Sterne zu verblassen.
Die Wissenschaftler wußten nichts mit ihrem Wissen anzufangen, die Gelehrten grübelten und suchten nach der rechten Lehre, die Ratgeber rieten, was wohl der Grund sein könnte, und die Sterndeuter und Handleser, die kleinen und großen Scharlatane, hatten über genügend Kundschaft mit niederdrückenden Sorgen und leicht gegebenem Kleingeld nicht zu klagen in den letzten Monden.
Die Segel blähten sich im beständig sanften Wind. Der Bug der Uramar schnitt mit leisem Singen durch die kaum merkliche Dünung. Im frühen Dunst war die aufgehende Sonne gefangen wie in einem feingewobenen, vom Tau geküßten Spinnennetz. Keckernd lachten aufgeregte Möwen. Sie kündeten von der Rückkehr der Fischer und rissen Oyano aus seinen düsteren Überlegungen.
Die heimkehrenden Fischer winkten dem alten Märchenerzähler zu und viele gute Wünsche, aber auch derbe Scherzworte und ernste Grüße wurden gerufen, als sie aneinander vorbeisegelten. Die einen hinter die schützenden Mauern des Hafens, das andere hinaus aufs allumfassende Meer.
Vor sieben Tagen hatte Oyano die Tauben losgeschickt, um eine Zusammenkunft der Märchengilde einzuberufen auf der Insel zwischen den Nächten. In der kommenden Neumondnacht sollte sie stattfinden. Oyano hatte das Buch der Wahren Namen gehütet und glaubte, einen Hinweis in diesem einzigartigen Buch gefunden zu haben, was denn der Grund für die Kinderlosigkeit sein könnte.
Vielleicht sogar für das Verblassen der Sterne.
Der alte Märchenerzähler hatte auf die Insel zwischen den Nächten gerufen, um darüber zu berichten und zu beraten.
Nun gibt es zwar überall in der Wirklichkeit Türen, welche den Kundigen zu dieser wahrlich märchenhaften Insel führen. Doch den alten Märchenerzähler zog es auf das Meer, hin zum Horizont und darüber hinaus, seit er sich ein Schiff gebaut hatte, Spant für Spant und Want für Want.
Einige Freunde unter den Fischern hatten ihm des Tags dabei geholfen, befreundete Schmuggler in der Nacht. Manches magische Holz war dabei an Heck und Bug, an Kiel und Mast eingefügt worden, mit Zeichen, die den Wind beschworen oder die Wellen besänftigten und anderen hilfreichen. Der Rumpf war bemalt und die Segel glichen mächtigen Schwingen, so daß die Uramar wie ein Drachen über den Wellen zu schweben schien. Und das entsprach auch der Bedeutung ihres Namens, denn Uramar hatte der erste aller Drachen geheißen.
Als ob der Drache, dessen Namen sie trug, endlich das Lied der Weite vernommen hätte, schäumte der Bug der Uramar durch die Wellen. Neugierig, fernen Gestaden und fremden Gewässern entgegen. Bis zum Abend wollte Oyano Taragon erreicht haben. Eine stolze Stadt auf Klippen erbaut, mit einem sicheren Hafen. Enea lebte dort seit langem, eine alte Freundin aus Tagen, als alle eisgrauen Haare Oyanos schwarz gewesen waren wie Rabenfedern. Als Kräuterfrau wirkte sie und als Hüterin der Träume. Auch sie war geladen zum Treffen.
Die Segelrollen knarrten und manchmal liefen wohlige Schauer vom Bug zum Heck des Schiffes, wenn sich die Segel blähten im achterlichen Wind. Der alte Märchenerzähler band das Ruder fest und sah hinaus auf das behäbig rollende Meer. Dann holte er sich aus dem Bauch seines Schiffes das alte Buch. Es war in schwerem Leder eingeschlagen und an den Kanten durch Messingbeschläge wohlgeschützt. Zärtlich strich der alte Märchenerzähler über das Buch, bevor er es aufschlug. "Wage zu wissen", murmelte er den alten magischen Spruch dazu. Er ließ Buchstaben und Zeichen, altes Wort und neuen Sinn in sich wirken.
Als die Sonne im Zenit stand, umkreiste ein Albatros den Mast, und die Uramar nickte eine Verbeugung als Gruß für den Heilsvogel der Seeleute in die aufgischtenden Wellen. Später tummelte sich eine Gruppe von Delphinen im Kielwasser und begleitete Oyano einige Spannen des Sonnenweges, bis das Licht weicher wurde, und sich die Farben auf den Wellen schon im verwirrenden Spiel des kommenden Abends übten.
Die leichte Dünung schob die Uramar in den Hafen von Taragon, der im flammenden Rot der Abendsonne ebenso aufleuchtete, wie die darüber auf den Felsen schwebende Stadt.
Als der Märchenerzähler sein Schiff zwischen zwei dickbauchigen Handelsschiffen sicher vertäut hatte, sah er sich erstaunt um. Die verrußten Schornsteine waren noch höher in den Himmel gewachsen, in den Schmieden brannten die Feuer noch heißer und die Gesänge in den Spelunken waren ungewohnt roh und wild. Die Werkstätten der Schiffszimmerleute und die Hallen der Segelmacher waren grellbunt bemalt, als ob eine Farbe die andere überschreien müßte. Doch es saßen keine Fischer am Hafen, um Netze auszubessern oder einen kleinen Schwatz zu halten.
Oyano ging die vielen in den Fels geschlagenen Stufen hinauf zur Stadt. Eine kalte Stille atmete zwischen den engen Gassen, den aneinander geschmiegten Häusern und ließ den Märchenerzähler frösteln. Auch der Marktplatz, sonst ein Ort geschäftigen Treibens, lauten Feilschens und Tratschens, lag leer und still. Die wenigen Gestalten, die durch die Straßen huschten, wichen Oyanos Blicken aus und verschwanden rasch in Seitengassen oder Häusern, deren Türen sie mit komplizierten Vorrichtungen verriegelten.
Hatte sich die Stadt verändert, weil es keine Kinder mehr gab? Oder gab es keine Kinder mehr, weil sich das Leben in Taragon und im ganzen Reich verändert hatte?
Ein wenig außer Atem kam Oyano zu Eneas Haus. Erschrocken sah er, daß die schwere Türe zum Innenhof aufgebrochen in den Angeln hing. Zwischen die Pfosten war ein Brett genagelt. Darauf stand in kantigen Lettern:

BETRETEN VERBOTEN - DER KOMMANDANT!

Ohne zu zögern, bückte sich Oyano unter dem Brett hindurch. Im Innenhof lagen Möbel, die Figuren des Brunnens waren zerschlagen, Büsche und Blumen des Gartens ausgerissen oder umgeknickt. Fassungslos stand der alte Märchenerzähler und sah sich um. Dort hatte er mit Enea oft am Abend gegessen, lange in die Nacht hinein Wein getrunken, über die Sterne gesprochen und die Welt. Oder einfach nur geschwiegen. Einer auf der Suche nach dem Herzschlag des anderen. Die Augen Oyanos waren eisgrau geworden und an seinen Fäusten standen die Knöchel kalkweiß hervor als er am Brunnen vorbei ins Haus eilte. Auch hier sah er mutwillige Zerstörung, wohin er blickte. Er blieb stehen und versuchte die eigenartige Stille zu atmen. Er spürte die Ahnung großer Angst und ging ihr nach, durch das Zimmer mit dem Kamin hin zur Küche.
"Enea! Ich bin es, Oyano!" rief er, obwohl er keine Hoffnung hatte, daß sie auf sein Rufen antworten würde. Doch dann rumpelte in der Vorratskammer etwas zu Boden und zerbrach.
"Enea?" Hoffnung funkelte in den Augen des Märchenerzählers, als er eine schmale Tür öffnete.
Aber Oyano fand nicht die Hüterin der Träume in der Kammer.
"Taina", rief er erstaunt. "Was machst denn du hier?"
Er beugte sich hinunter und strich der zusammengekauerten Gestalt, die ihr Gesicht in den Händen verbarg, beruhigend über die schwarzen, zu einem kräftigen Zopf geflochtenen Haare. Zögernd und unsicher blinzelte die Köchin Eneas zwischen zwei Fingern hindurch. Dann richtete sie sich ächzend auf.
"Oyano", seufzte sie erleichtert und verdrehte die Augen. "Du bist es bloß." Ohnmächtig sank sie in die Arme des Märchenerzählers, der die schwergewichtige Taina, deren Phantasie, wenn es um die Freuden des Gaumens ging, grenzenlos war, kaum halten konnte.

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