Der Märchenring

Zu den Geheimen Grotten

Unbeweglich kauerte Aydin am Stillen See. Regen prasselte herab, Blitz und Donner krachten, die Nacht spaltend, nieder. Brausend fuhr der Wind durch den Hain der Alten Buchen. Aydin war naß, allein, und ihr war kalt.
Im zuckenden Schein der Blitze konnte das Mädchen die drei Felsen erkennen, welche inmitten des Stillen Sees aus dem Wasser ragten. Schroffe Kerben hatte die Unendlichkeit in sie geschlagen. Mächtigen, urzeitlichen Ungetümen gleich, schwärzer noch als die sturmdurchtoste Nacht, schienen sie ihre Gestalt zu verändern bei jedem Blitz. Zwischen ihren Schatten lag der Eingang zu den Geheimen Grotten verborgen. Dorthin war Aydin unterwegs.
Doch der Stille See war nicht, wie er ihr beschrieben worden war. So saß sie an der Anlegestelle, dachte nach und fror.
Was war geschehen mit dem Stillen See, dessen Wasser doch hätte klar sein sollen und köstlich frisch? Wie kam es, daß es trüb und schlammig vor ihr lag? Aydin wußte um den Zauber, welcher darin wirkte, und ihr war bekannt, wie der Fährmann zu rufen war, der als einziger das Wasser des Stillen Sees befahren konnte. Sie schloß die Augen und murmelte leise vor sich hin.
Irgendwann verzog sich das Unwetter, der Wind schlief ein, die Wolken brachen auf.
Als die Nacht über dem See am undurchdringlichsten war und über der atemlosen Stille nur das beständige Wispern der Buchenblätter schwebte, löste sich aus den Schatten der Felsen ein flackerndes Licht, welches langsam näher kam. Mit der Zeit war ein eintöniger, rauher Gesang zu hören. Schließlich konnte Aydin eine Fähre ausmachen. Daran hing, an einem krummen Pfahl, eine verrußte Laterne. Der Fährmann, eine untersetzte, massige Gestalt, stakte gleichmäßig und ohne Mühen aus der Finsternis heran. Scharrend rieb sich die Fähre, die eher wie ein unkundig zusammengebundenes Floß aussah, am kieseligen Grund. "Du hast mich gerufen", brummte der Fährmann in seinen verfilzten Bart.
Während er sie mißtrauisch musterte, erzählte Aydin von ihrem Wunsch, hinabzusteigen zu den Geheimen Grotten, um dort nach einem Märchenstein zu suchen.
"Laß sehen, was du bei dir führst!" knurrte der Fährmann und musterte sie mißmutig.
Aydin reichte ihm ihr Bündel. Der Fährmann öffnete es, drehte es um und ließ alles, was darin war, auf die Erde fallen. Dann prüfte er Stück um Stück, führte eine Decke an seine Nase, schnüffelte daran und warf sie ebenso achtlos zur Seite wie das Messer, welches Aydin mitgenommen hatte. Das gleiche Schicksal erlitten all ihre Vorräte, ein langes Seil, Zündsteine, sogar Hammer und Meißel.
Einzig drei Dinge fanden Gnade in den Augen des finsteren Fährmannes: eine kleine Lampe ohne Docht, fünf farbige Stäbe aus dem Holz der Alten Buchen gefertigt, die Aydin in einem Lederbeutel am Hals mit sich führte, und ihre selbstgeschnitzte Weidenflöte.
"Zieh deine schweren Schuhe aus", forderte der Fährmann, als er sie nochmals gemustert hatte, "und deinen Mantel, laß ihn liegen."
Er stieg auf sein schwankendes Gefährt und hielt es geschickt mit dem Flößerstab ruhig, bis ihm das Mädchen gefolgt war. "Du kennst die Regeln?" wollte er dann von ihr wissen.
"Was meint Ihr damit?" Aydin sah ihn fragend an.
Ärgerlich verzog der Fährmann seinen Mund. "Eine Geschichte mußt du mir erzählen", brummte er. "Ohne Geschichte keine Überfahrt. Denn sie wird mir sagen, wohin ich dich zu fahren habe!"
Da lächelte Aydin. "Wenn es weiter nichts ist, was Ihr von mir verlangt, so hört denn zu."
Und während der Fährmann mit kräftigem Arm das Floß abstieß und zurückstakte auf den Stillen See, hin zu den drei dunklen Felsen, begann Aydin zu erzählen ...

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Die Krone Der Lichtalben

Lang vor unserem Sternenhimmel, lang vor unserer Zeit, lebte eine Prinzessin wohlbehütet auf einem Schloß. Der König und die Königin liebten und umsorgten sie wie ihren Augapfel, denn weitere Kinder waren dem Paar nicht vergönnt gewesen. Als die Prinzessin endgültig ihren Kinderkleidern entwachsen war, bekam sie von ihren Eltern eine goldene Krone geschenkt, mit einem durchscheinend glänzenden Blütenkelch daran.
"Achte darauf, daß deine Krone niemals auf die Erde fällt", sagte der König ernst, als er sie der Prinzessin auf den Kopf setzte, "denn du wirst sie dereinst nochmals benötigen!"
"Sie und dieser Blütenkelch aus reinem Licht wurden von den Lichtalben gefertigt", erklärte die Königin weiter. "Deren Schöpfungen sind so unbeschreiblich kunstvoll und fein, daß sie zerspringen, wann immer sie die Erde berühren."
"Seht zu", befahl das Herrscherpaar den Zofen und Lakaien, "daß unsere Prinzessin sich nur immer vorsichtig und sittsam bewegt, denn sonst könnte ihr wohl noch die Krone vom Kopf fallen!"
So trugen alle am Hofe große Sorge, daß die Prinzessin ihren Kopf immer hoch und gerade trug. Und auch sie selbst sagte oft, vor allem wenn sie auf irgend etwas keine Lust hatte: "Soll mir etwa die Krone vom Kopf fallen?"
Die Krone der Lichtalben war der Prinzessin bald so lieb und teuer, daß sie sie auch zum Schlafen nicht absetzen wollte. Die Zofen mußten ihr daher jeden Abend die Kopfkissen ordentlich hochschütteln und aufeinanderlegen, damit sie aufrecht sitzend die Nacht verbringen konnte. Eine der Zofen hielt neben dem Bett Wache und achtete auf die Krone, falls die Prinzessin sich doch einmal im Schlaf regen sollte.
Da geschah es, daß der König und die Königin starben, in ein und demselben Jahr. Wie trauerte da die Prinzessin, wie trauerte das ganze Volk. Doch nach der vorgeschriebenen Zeit verlangten die Ratgeber und Minister nach einem neuen Regenten. Da die Prinzessin das einzige Kind des Herrscherpaares war, sollte sie Königin werden. Zuvor aber mußte sie drei Aufgaben erfüllen. So schrieb es ein Gesetz vor, das älter war als Schloß und Stadt zusammen.
Als die Prinzessin hörte, was sie erfüllen sollte, begann sie zu klagen. Denn die erste Aufgabe verlangte, daß sie durch alle Straßen der Stadt zu laufen habe. Keine einzige durfte dabei vergessen werden. Von den Zofen und Lakaien aber wußte die Prinzessin, daß die Wege durch die Stadt beschwerlich und dunkel waren. Sie selbst war noch nie aus der behüteten Umgebung des Schlosses herausgekommen.
Die zweite Aufgabe dagegen schien ihr leicht. Denn das Gesetz forderte, daß wer immer die Stadt regieren wolle, hinabzusteigen hätte zur Quelle unter dem Schloß, um von dort Wasser zu holen. Doch der Quellstein, aus dem das Wasser sprudelte, barg ein Geheimnis. Nichts, was Menschenhände geformt oder gefertigt hatten, durfte aus ihm schöpfen, sonst würde er auf der Stelle versiegen. Da die Prinzessin jedoch die Krone der Lichtalben auf ihrem Kopf trug, glaubte sie wohl, der zweiten Aufgabe gewachsen zu sein. Denn der Blütenkelch daran war nicht von Menschenhand gefertigt. In ihn würde sie das Wasser füllen können.
Als die Prinzessin jedoch die dritte Aufgabe vernahm, begann sie wieder mit großem Wehklagen. Denn das Wasser aus der Quelle unter dem Schloß mußte noch vor Sonnenaufgang, von den Zinnen des Hohen Turmes, in die Richtung der vier Winde über die Stadt gesprengt werden.
Nun wußte die Prinzessin aus vielen Erzählungen ihrer Kindertage um den Zauber, welcher im Hohen Turm wohnte. Dreihundertfünfundsechzig Stufen waren es bis zu den Zinnen. Nicht eine der Stufen war wie die vorhergegangene oder die nachfolgende. Jede war so einzig wie ein Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Manche der Geschichten erzählten sogar davon, daß sich die Stufen selbst veränderten, je nachdem, wer auf sie trat. Diejenigen, welche jemals bis zur Spitze des Hohen Turmes gekommen und nicht schon lange zuvor wieder umgekehrt waren, erzählten zwar mit funkelnden Augen von ihrem Aufstieg, doch offenbar hatte jeder einzelne von ihnen eine andere Wendeltreppe erklommen, einen anderen Turm bestiegen. So viele unterschiedliche Geschichten waren der Prinzessin in ihren Kindertagen davon erzählt worden.
Lange überlegte die Prinzessin, ob sie es wagen könnte, die drei Aufgaben in einer Nacht zu erfüllen. Doch sie trug die Krone mit dem Blütenkelch der Lichtalben, welche ihr vom König und der Königin auf das Haupt gedrückt worden war. So erklärte sich die Prinzessin bereit, die genannten Bedingungen zu erfüllen, um danach, im Kronsaal des Schlosses, die Schlüssel der Stadt zu erhalten und zu verwahren.
Als der letzte Strahl der Abendsonne nicht mehr über den Horizont fingerte, ging die Prinzessin los. Noch konnte sie im Dämmerlicht die gepflasterte Straße gut erkennen, und sie eilte sich, denn sie wußte, ihr Weg war weit. Doch immer wenn sie schneller ging, fing die Krone auf ihrem Kopf bedenklich an zu wackeln, so daß sie Angst bekam, sie könne herabfallen auf die Erde. So mußte sie langsam gehen und hatte Zeit genug, sich alles anzuschauen.
Inzwischen war es dunkel geworden, und der Weg der Prinzessin führte weg von den gepflasterten Straßen und festgemauerten Häusern, geradewegs hinein in die dunklen Viertel der Stadt. Nur in wenigen Hütten flackerte spärlich trübes Licht. In den Winkeln und engen Gassen drückten sich Gestalten herum, die der Prinzessin unheimlich waren. Einige kamen näher, liefen neben ihr, schauten sie an und tuschelten dann miteinander. In ihre ausgemergelten Gesichter hatten Not und Elend kantige Spuren gekerbt. Die Prinzessin blickte in Augen, welche das Lachen nur noch als lang vergangene, blasse Erinnerung aus Kindertagen kannten. Und ihr eiliger Schritt wurde langsamer.
Schließlich blieb sie stehen und schaute um sich. Wer auch könnte noch weitergehen bei soviel Not? Niemand am Hof hatte ihr jemals erzählt, daß es all dies in der Stadt gab: weinende, große Kinderaugen, Krankheit, Schmerzen und Tod, Lüge und Hinterlist, Gier und Angst, schwärende Wunden, Elend und Trauer. Wie hätte sie daran achtlos vorübergehen können?
Dichter drängten sich die Menschen um sie, streckten der Prinzessin ihre leeren Hände entgegen und starrten sie aus großen Augen an. Da war es der Prinzessin, als würde sie erwachen. Die Krone der Lichtalben fiel ihr vom Kopf. Klingend und klirrend schlug sie gegen schmutzigen Stein, kollerte über plattgetretenen Pferdemist. Der Blütenkelch aus reinem Licht und die Krone knirschten und knorckten, dann durchzogen feine Risse ihren makellos lichtglänzenden Schein. Schließlich barst das Werk der Lichtalben in tausendundeinen Teil. Erschrocken sammelte die Prinzessin sie alle wieder ein und barg sie in ihren Händen.
Traurig waren die Menschen zurückgewichen, denn die Krone der Lichtalben hatte ihnen ein Licht gebracht in der Nacht. Nun war es wieder dunkel. Da öffnete die Prinzessin ihre Hände und gab allen, welche um sie standen, einen kleinen Splitter der zersprungenen Krone. Wie freute sie sich, als deren Augen zu leuchten begannen und in neuer Hoffnung glänzten, weil sie nun selbst ein kleines Licht in ihren Händen hielten.
Schneller kam sie jetzt voran auf ihrem Weg durch die Straßen der Stadt, und alle, welche sie auf ihrem weiteren Weg traf, wurden beschenkt.
Als die Prinzessin schließlich alle Wege und Straßen durchschritten hatte und sich wieder dem gewaltigen Tor des Schlosses näherte, waren ihre Hände leer, doch in ihrem Herzen trug sie all das glückliche Lachen der Menschen, die nun einen kleinen Splitter der Krone besaßen.
Tief unter dem Schloß lag die königliche Gruft. Am Grabmal ihrer Eltern verharrte die Prinzessin. Sie hatte nicht achtgegeben auf die Krone mit dem Blütenkelch aus Licht. Das Werk der Lichtalben war zersprungen. Doch jeder einzelne Splitter war nun ein Hoffnungsschimmer in den Herzen und Augen so vieler, die in dieser Stadt lebten und von denen die Prinzessin bis heute nacht noch nicht gewußt hatte. Sie verneigte sich vor dem Grab und hastete weiter, einen schmalen Gang hinunter zur Quelle, welche Schloß und Stadt mit klarem, reinem Wasser versorgte, schon seit Anbeginn allen Erinnerns.
Dunkel war ihr Weg, nur von wenigen Fackeln beleuchtet. Dichtmaschig wehten alte Spinnweben, weiß schimmernd in seidigem Glanz. Wasser tropfte vom feuchtglänzenden Fels. Fledermäuse huschten durch die Dunkelheit, leise fiepend. Seltsam fremde Ornamente an den Wänden des Ganges begleiteten die Prinzessin auf ihrem Weg.
Schließlich endete der Gang an einer moosgrünen Felswand. Daraus ragte, zwei ineinander verschlungenen Händen gleich, ein glattgewaschener Stein, aus dem Wasser quoll. Doch wie sollte die Prinzessin nun Wasser daraus schöpfen, um es auf den Hohen Turm zu bringen?
Sie ließ sich unter dem Quellstein nieder und dachte verzweifelt nach.
Unermüdlich strömte und sprudelte das Wasser.
Plötzlich begann die Prinzessin zu lachen und richtete sich auf. Mit einem Mal wußte sie, wie einfach es war, Wasser zu schöpfen mit einem Gefäß, welches nicht von Menschenhand gefertigt war. Nur kurz zögerte sie. Dann legte sie ihre Lippen unter die sprudelnde Flut und füllte ihren Mund. Der Quellstein prustete einen großen, prickelnd kalten Schwall hervor, der die Prinzessin über und über durchnäßte. Naß wie ein neugeborenes Fohlen, die gefüllten Wangen prall gespannt, ging die Prinzessin, um sich der dritten Aufgabe zu stellen.
Zur stillsten Stunde der Nacht stand die Prinzessin vor dem Hohen Turm. Dies ist die Zeit, wenn die Eulen ihre großen Augen schon wieder geschlossen haben und auch die Nachtigallen zu müde sind, dem allzu fernen Mond ein weiteres Lied zu schenken. Und die Lerchen verschwenden noch keinen Gedanken daran, mit welchem Gesang sie die Sonne begrüßen wollen. Ein wenig war ihr kalt, als sie so alleine vor dem Hohen Turm stand. Keiner durfte hier zugegen sein. So verlangte es das alte Gesetz. Langsam trat die Prinzessin auf die erste Stufe der Wendeltreppe des Hohen Turmes, dann auf die zweite, die dritte. Sorgfältig behauen waren die Stufen, und leichten Schrittes stieg die Prinzessin empor. So einfach ging der Aufstieg vonstatten, daß sie nach einiger Zeit zu rennen begann. Sie war sich gewiß, daß sie die dreihundertfünfundsechzig Stufen bis zu den Zinnen leicht vor Sonnenaufgang bewältigt haben würde.
Doch dann bemerkte die Prinzessin, daß sie immerzu nur rannte und rannte. Wie lange war es her, daß sie auf eine Stufe gestiegen war? Noch schneller lief da die Prinzessin. Doch es kamen keine Stufen, die sie emporsteigen konnte. Sie hielt erst inne, als ihr das Herz am Halse schlug, sie außer Atem kam und sich beinahe am kostbaren Wasser, welches sie in ihrem Mund trug, verschluckt hätte.
Als sie langsam weiterging, lag plötzlich wieder eine Stufe vor ihr. Vorsichtig und prüfend trat die Prinzessin darauf, denn sie glaubte zunächst, ihren Augen nicht trauen zu können. Doch die Stufe hielt, und gleich darauf kam eine weitere und auch eine dritte. Langsam und bedächtig ging die Prinzessin weiter. Gut zu gehen waren die Stufen wieder, fein gefugt, von Meisterhand aus Fels geschnitten und zur Wendeltreppe vereint.
Nach einiger Zeit kam die Prinzessin ins Grübeln. Wer würde wohl am Morgen unter dem Hohen Turm stehen, um zu sehen, ob sie ihre Aufgaben auch erfüllt hatte? Sicher all die Ratgeber und Bediensteten und, wer weiß, vielleicht auch die Menschen aus der Stadt, unter denen sie die Splitter der Krone verteilt hatte. Doch wieviel Zeit blieb ihr noch? Wie lange war sie nur im Kreis gerannt?
Die Prinzessin begann zu zweifeln. Würde sie die Zinnen des Hohen Turmes tatsächlich noch vor Sonnenaufgang erreichen? Da schien ihr, als würde jede neue Stufe ein wenig höher als die vorhergegangene. Schon mußte die Prinzessin weit ausschreiten, um auf die nächste Stufe zu gelangen. Niemals, dachte sie, werde ich rechtzeitig auf den Zinnen des Hohen Turmes stehen. Höher wurden die Stufen und immer höher. Inzwischen mußte sich die Prinzessin mit Händen und Knien auf den nächsten Absatz der Wendeltreppe ziehen. Doch sie kletterte weiter ohne Unterlaß.
Manchmal war sie nahe daran, das Wasser aus der tiefen Quelle, die sie noch immer in ihrem Munde trug, zu schlucken. Doch die Prinzessin hatte in die Augen der Menschen gesehen, und das konnte sie nicht vergessen.
So mühte sie sich weiter, Stufe um Stufe, und dachte nicht mehr daran, wieviel Zeit ihr wohl noch verblieb bis zum Aufgang der Sonne. Einzig und allein das Erklimmen der nächsten Stufe war ihr noch wichtig. Und sie ließ nicht nach in ihren Anstrengungen. Irgendwann bemerkte die Prinzessin, daß sie die Kraft ihrer Hände nicht mehr brauchte, um den nächsten Absatz zu erklimmen. Bald waren die Stufen nicht mehr zu hoch und lagen im richtigen Abstand für ihren Schritt. So stieg sie weiter empor, achtete auf jede Stufe und sah endlich vor sich ein wenig gräulichen Himmel, der noch verhangen war von aufsteigenden Nebelfetzen und zerfaserten, kleinen Wolken, die der dahinscheidenden Nacht hinterherhuschten.
Als die Prinzessin auf die Zinnen des Hohen Turmes trat, fuhr ihr ein früher, kalter Morgenwind durch die Haare. Noch war die Sonne nicht über den Rand der Welt gestiegen. Aber sie kündigte sich an, mit dünnen Blitzen goldenen Lichtes.
Vom Platz um den Hohen Turm drang vielstimmiges Jubeln herauf. Doch die Prinzessin sah nicht hinunter. Sie ging um die Zinnen des Hohen Turmes und versprühte das Wasser des Quellsteins hin zu den Heimstätten der Winde. So wie es das alte Gesetz vorschrieb.
Als ihr Mund leer war, stieg die Sonne über den Horizont. Ihre ersten wärmenden Strahlen trafen auf die Zinnen des Hohen Turmes. Da begann die Prinzessin vor Freude zu tanzen, und ihre nassen Haare versprühten tausendundeinen Tropfen über die Stadt.
Die jubelnden Menschen auf dem Platz vor dem Hohen Turm sahen, daß die Prinzessin erfüllt hatte, was das alte Gesetz fordert. Danach erlebten sie eine tanzende Königin auf den Zinnen des Hohen Turmes, aus deren wehenden Haaren so viele Tropfen über die Stadt sprühten, wie seit undenklichen Zeiten nicht.