Die Sagen um Merlin, Artus und die Ritter der Tafelrunde

Inhalt:

Merlin

Uther-Pentragon

Artus

Parzival

Lancelot

Gawein

Der Gral

Nachwort

Mythologische Stammtafeln

Literatur

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Was den Frauen das Liebste ist

An einem wunderschönen Morgen im Spätherbst beschlossen die Ritter der Tafelrunde, gemeinsam mit König Artus auf die Jagd zu gehen. Schon bald stürmten sie, nur mit Pfeil und Bogen, Speer und Jagdmesser bewaffnet, durch die Wälder um Camelot. Die begeisterten Rufe der Männer zerrissen die Stille zwischen den Bäumen, die sich auf den Winter vorbereiteten. Erschreckt flüchteten die Vögel, die Hasen und Wildschweine. Als König Artus eine Hirschkuh aufstöberte, die mit langen Sprüngen davonhetzte, gab es für ihn kein Halten mehr. In rasender Jagd stürmte er auf seinem Pferd durch das dichteste Gebüsch hinter der fliehenden Hirschkuh her. Schon bald hatte er sich von seinen Rittern entfernt, und nur von weitem konnte er manchmal noch den hellen Klang eines Jagdhorns hören. Auf einer Lichtung, nahe einer klaren Quelle, schleuderte Artus seinen Speer und erlegte die Hirschkuh. Voller Freude sprang er vom Pferd, um die erlegte Beute auszuweiden. Doch da bemerkte er, wie ein gerüsteter und bewaffneter Ritter auf ihn zuritt. Hastig suchte Artus auf dem Schild des Ritters nach irgendwelchen Zeichen, welche ihm die Herkunft des Reiters verraten konnten. Aber er fand keine. Der Schild des Ritters war nachtschwarz, ebenso seine Rüstung und sein Pferd.
Als der Fremde näherkam, bemerkte Artus, daß das Gesicht unter dem offenen Visier keineswegs freundlich blickte. Mit einem scharfen Ruck am Zügel, parierte der Ritter sein Pferd vor Artus. Dann lachte er böse. "Heute ist wirklich ein Freudentag für mich. Bereitet Euch vor zu sterben, König Artus, Eure Tage sind gezählt!"
Erschrocken wich Artus zurück. Er forschte in seinem Gedächtnis, aber der Ritter war ihm fremd. "Wer seid Ihr?" stieß er hervor und umklammerte sein Jagdmesser.
"Mein Name ist Gromer Somer Joure", antwortete der Ritter, "und vor Jahren habt Ihr mir meine Ländereien genommen, weil ich mich Euch nicht unterwerfen wollte. Heute ist der Tag der Rache." Damit zog er sein Schwert und wollte auf Artus einschlagen.
"Es war wohl richtig von mir, Euch die Ländereien wegzunehmen", schrie Artus erbost, "denn kein Ritter meines Landes würde in voller Rüstung mit einem Manne kämpfen, der nur in leichter Jagdkleidung, einzig mit einem Messer bewaffnet, vor ihm steht."
Gromer hielt inne und überlegte. "Ihr habt recht, König Artus. Niemand soll mir nachsagen können, ich hätte Euch ermordet, und
so werde ich Euch die Möglichkeit geben, Euer Leben zu retten. Schwört mir bei Eurer Ehre, daß Ihr heute in einem Jahr wieder hier zu dieser Quelle kommt, allein und unbewaffnet. Falls Ihr die Aufgabe erfüllt, die ich Euch gebe, werde ich Euer Leben schonen. Falls nicht, werdet Ihr durch meine Hand sterben."
Da Artus keine Möglichkeit sah, dem schrecklichen Ritter auf andere Weise zu entkommen, willigte er ein und fragte nach der Aufgabe.
"Ihr sollt mir die Antwort auf die Frage bringen, was den Frauen das Allerliebste auf der Welt ist", knurrte Gromer, und dann trieb er sein Pferd schon wieder auf den dichten Wald zu. Sein siegessicheres Lachen dröhnte in Artus´ Ohren. "Es gibt eine Antwort", schrie der Ritter, "aber Ihr werdet sie nicht finden! Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht, heute in einem Jahr werde ich auf Euch warten!"
Niedergeschlagen kehrte Artus zu seinem Gefolge zurück und berichtete den Rittern, was er erlebt hatte. Diese versuchten ihn aufzumuntern, doch erst als sein Neffe Gawein vorschlug, sich auf die Suche nach der richtigen Antwort zu machen, hellte sich das Gesicht des Königs ein wenig auf.
So verabredeten Artus und Gawein, daß sie ausreiten wollten, um überall im Lande Männer und Frauen, alte und junge, um Antwort auf diese Frage zu bitten. Diese Antworten sollten in einem großen Buch aufgeschrieben werden, und damit wollte Artus dann zu seinem Treffen mit Ritter Gromer Somer Joure reiten.
Das ganze Jahr zogen Gawein und König Artus durch die Ländereien und sammelten die Antworten in dem großen Buch, das sie immer bei sich führten.
Schöne Kleider wünschten sich die Frauen, einen treuen, tugendhaften Mann, gesunde Kinder, immerwährende Schönheit, ein größeres Haus, den Mann der Nachbarin, ein langes Leben, Lob für ihre Lieblichkeit und vieles, vieles mehr. Jeden Abend las Artus die Antworten nochmals durch. Ihm wurde im Herzen bang, denn er konnte nicht glauben, daß sich irgendwo darin die Antwort verbarg, die Gromer Somer Joure zufriedenstellen würde.
Als Gawein und König Artus wieder am Hofe zu Camelot eintrafen, schritt Artus oft ruhelos durch seine Gemächer. "Was ist den Frauen das Allerliebste auf der Welt?" Immerzu zermarterte ihm diese Frage das Gehirn. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Eine Woche vor dem vereinbarten Tag ritt er alleine los. Er wollte nochmals versuchen, neue Antworten zu finden.
Im dunklen Wald von Inglerwood, nachdem er schon lange keine Menschenseele mehr gesehen oder gehört hatte, traf er die häßlichste alte Hexe, die jemals ein Mensch erblickt hatte. Ihr rotes, aufgequollenes Gesicht wurde von einer triefenden Nase beherrscht. Die gelben Zähne standen wie Wildschweinhauer vor. Um ihren breiten, sabbernden Mund sprossen einige lange, borstige Haare. Sie hatte einen dicken Hals und unförmige Brüste. Und dabei saß sie doch auf einem reich aufgezäumten, edlen Pferd.
Obwohl Artus noch nie eine abstoßendere Frau gesehen hatte, hielt er höflich sein Pferd an, trieb es ein wenig zur Seite und grüßte die Frau ritterlich.
Ohne Umschweife begann die Alte zu sprechen: "Keine der Antworten Eures Buches, König Artus, wird Euch vor dem Tode bewahren. Denn sie sind alle falsch. Wenn ich Euch nicht helfe, werdet Ihr bald überhaupt keine Hilfe mehr nötig haben!"
Verzweifelt wandte sich Artus an das häßliche Weib: "Dann sagt mir die Antwort. Wenn Ihr mir helfen könnt, helft mir! Ihr werdet es bestimmt nicht bereuen!"
"Einen Wunsch müßt Ihr mir erfüllen, König Artus", fuhr die Frau fort, "dann werde ich Euch retten."
"Sagt, was Ihr begehrt."
"Ihr müßt mir einen Eurer Ritter zum Manne geben, und zwar Herrn Gawein", forderte das Weib und lachte dabei aus vollem Hals, daß ihr schlechter Atem Artus ins Gesicht schlug.
Angewidert sah dieser zur Seite. "Das kann ich nicht", murmelte er. "Ich kann Gawein nicht zwingen, Euch zu ehelichen, und das würde ich auch niemals tun."
"Ihr sollt ihn nicht zwingen, König Artus. Reitet zurück zum Schloß und berichtet ihm von meiner Forderung. Falls meine Antwort Euch nicht das Leben rettet, werdet Ihr mich nie wiedersehen, und auch Gawein wird nichts mehr von mir hören. Berichtet ihm alles von mir. Ich bin zwar häßlich und mißgestaltet, doch habe ich eine fröhliche Natur und ein sanftes Gemüt. Morgen will ich hier an dieser Stelle wieder auf Euch und eine Antwort warten."
Schweren Herzens und voll düsterer Vorahnungen ritt Artus zurück zum Schloß. Dort ließ er seinen Neffen Gawein zu sich in eine stille Kammer des Schlosses holen und berichtete ihm von seiner Begegnung. Er verschwieg nichts von der Häßlichkeit des Weibes, manchmal übertrieb er sogar noch ein wenig.
Ohne zu zögern sagte Gawein, als Artus seinen Bericht beendet hatte und schwieg: "Lieber würde ich sterben, Artus, als Euch tot zu sehen. Reitet morgen zu der Frau und richtet ihr aus, daß ich sie ehelichen werde, wenn ihre Antwort Euch vor Ritter Gromer rettet."
Gerührt bedankte sich Artus: "Ihr seid wirklich der edelste Ritter des Landes. Und doch, ich weiß nicht, ob ich Euch dies zumuten kann!"
"Ich würde die Frau selbst dann heiraten, wenn sie häßlicher wäre als der Leibhaftige, um Euch zu retten", schwor Gawein und ließ keine Einwände mehr gelten.
Am nächsten Morgen ritt der König wieder alleine in den Wald von Inglerwood. An der selben Stelle wartete schon das scheußlich anzusehende Weib: "Nun, König Artus, welche Auskunft könnt Ihr mir geben?"
"Es soll sein, wie Ihr es wünscht", sagte Artus und schlug die Augen nieder.
"Gut", fuhr die Alte fort, "dann will ich Euch die Antwort geben. Hört genau zu, König Artus. Es ist ein Ding, von dem alle Frauen, die hohen wie die niedrigen, die armen wie die reichen, die alten wie die jungen, die schönen wie die häßlichen, die dummen wie die klugen, träumen. Vor allem anderen auf der Welt wollen sie die Männer beherrschen. Das ist ihr sehnlichster Wunsch. Nun geht beruhigt zu Ritter Gromer Somer Joure. Er wird diejenige verfluchen, die Euch dies verraten hat, aber das macht nichts. Und zu Gawein sagt, daß ich heute in sieben Tagen zu ihm kommen werde. Er soll die Hochzeit vorbereiten. Richtet ihm aus, seine Frau wird Ragnell sein, die Hexe."
Daraufhin wandte das häßliche Weib ihr edles Pferd und ritt in den düsteren Wald von Inglerwood. Niedergeschlagen und traurig blieb Artus zurück.
Am Tage seines Treffens mit Gromer ritt der König, wie versprochen, unbewaffnet und ohne Begleitung mit dem dicken Buch in den Wald, um sich an der Quelle mit dem Ritter zu treffen. Dieser war-tete schon und sah ihm höhnisch lächelnd entgegen.
"Nun, König Artus", begann der hünenhafte Recke, "laßt die Antwort hören." Wortlos reichte ihm Artus das dicke Buch, in welchem die vielen Antworten aufgeschrieben waren.
Gromer Somer Joure blätterte darin und las aufmerksam. Oftmals lachte er laut und schüttelte den Kopf. "Nein, nein", rief er dann und klappte das Buch mit lautem Schlag zu. "Keine dieser Antworten ist richtig. Macht Euch also bereit zu sterben."
König Artus seufzte tief. Nun mußte er also doch die Antwort der Hexe Ragnell versuchen. Insgeheim hatte er gehofft, daß eine der Antworten des Buches richtig sein würde. Er hätte Gawein gerne die Schmach dieser Heirat erspart.
Ritter Gromer stand vor ihm, mit dem blanken Schwert in der Hand. "Kommt herunter, Artus!" befahl er. "Oder muß ich Euch an Euer Versprechen erinnern?"
"Nein, das müßt Ihr nicht", erwiderte der König, "aber ich will Euch noch eine letzte Antwort auf Eure Frage geben. So hört denn: Das Allerliebste, was sich Frauen auf dieser Welt wünschen, ist, die Männer zu beherrschen!"
Ritter Gromer Somer Joure wurde bleich vor Enttäuschung und Wut. "Dies kann Euch nur meine Schwester Ragnell gesagt haben", brüllte er mit zornesrotem Gesicht. "Ich wünschte, sie würde auf dem Scheiterhaufen brennen, diese verfluchte Hexe!"
Er stieg in den Sattel und galoppierte davon.
Obwohl Artus dieses Abenteuer gut überstanden hatte und ihm kein Leid geschehen war, ritt er bedrückt zurück nach Camelot. Die Ritter, allen voraus Gawein, freuten sich sehr, als sie sahen, daß Artus wohlbehalten zurückkehrte. Und Gawein, der seinen Oheim in die Arme nahm, zögerte auch jetzt keinen Augenblick: "Wir wollen die Hochzeitsfeier vorbereiten", sprach er, "ich habe mein Wort gegeben und dem werde ich mich nicht entziehen."
So wurde überall im Lande bekanntgegeben, der edle Ritter Gawein gedenke die Dame Ragnell zu ehelichen. Die Edelleute und Lehensmänner wurden an den Hof zu Camelot eingeladen, und alle kamen, denn Gawein war ein sehr bekannter und beliebter Ritter.
Am Tage vor der Hochzeit erschien auch die häßliche Dame Ragnell am Hof. Es war mit einem Schlage totenstill im großen Saal. Erschrocken bissen sich die Ritter der Tafelrunde auf die Lippen, als sie erfuhren, dies solle die Ehefrau des edlen Ritters Gawein werden. Sie schüttelten die Köpfe über die abgrundtiefe Häßlichkeit des Weibes. Die Edelfrauen und Mädchen zogen sich in ihre Kemenaten zurück und weinten wohl manch bittere Träne, denn Gawein war auch bei den Frauen sehr beliebt und begehrt. Obwohl König Artus die Hochzeit gerne in der kleinen Kapelle des Schlosses ausgeführt hätte, bestand die Dame Ragnell darauf, in der großen Kathedrale zu heiraten. Auch sollte das anschließende Festmahl nicht im engsten Kreise, sondern im Festsaal von Camelot gemeinsam mit allen Edelleuten, Lords, Baronen, Rittern und deren Frauen eingenommen werden. Widerstrebend beugte sich Artus den Wünschen der Dame Ragnell, da auch Gawein dagegen keine Einwände erhob.
Dem Priester zitterte die Hand, als er die Eheleute vor dem Altar mit dem Heiligen Wasser besprengte und ihnen die Hände zusammenlegte. Mehrmals bekreuzigte er sich danach heimlich unter seiner Soutane. Diese Hochzeit war ihm nicht geheuer, und ihm schien nicht alles mit göttlichen Dingen zuzugehen.
Beim folgenden Festmahl bogen sich die schweren Eichentische unter der Last der Speisen, aber vielen der Gäste blieben die Bratenstücke im Hals stecken, als sie sahen, wie die Dame Ragnell sich über das Essen hermachte. Drei Fasane und ebenso viele Kapaune schlang sie gierig hinunter. Mit bloßen Fingern riß sie das Fleisch von den Knochen, und Fett und Bratensaft rann ihr aus dem Mund über die Wangen, den dicken, unförmigen Hals hinunter. Gawein reichte ihr die Speisen in höfischer Art und Weise, sprach freundlich zu ihr, und nur manchmal, wenn er sich abwandte, konnte man sehen, wie er gequält ein wenig sein Gesicht verzog. Kay, der Seneschall, murmelte halblaut vor sich hin, was viele dachten: "Wen immer diese Dame küßt, der soll sich hüten. Ich würde um mein Leben fürchten bei diesen Küssen!"
Nach dem ausgedehnten Festmahl zogen sich Gawein und Ragnell in ihre Gemächer zurück. Viele Ritter folgten mit mitleidigen Blicken dem Paar und seufzten tief auf. Lieber wären sie eine Woche durch den Wald der Abenteuer in Broceliante geirrt, als den schweren Gang Gaweins auf sich zu nehmen.
Gawein und Ragnell lagen inzwischen auf dem breiten Lager. Die Kerzen waren gelöscht, und nur der Mond verschwendete einige seiner Strahlen und beleuchtete das Zimmer. Voller Zweifel und niedergedrückt von soviel erwartungsvoller Häßlichkeit neben sich, wagte Gawein nicht, seiner Gemahlin ins Gesicht zu schauen oder sie gar zu küssen.
Schließlich hörte er die Stimme Ragnells neben sich: "Ach, Herr Gawein, mein teurer Mann, ich bitte Euch, da Ihr mich schon geehelicht habt, erweist mir doch ein wenig Höflichkeit im Bette. Wäre ich schön, ich weiß wohl, Ihr würdet Euch anders betragen. Doch diesen Wunsch könnt Ihr mir billigerweise nicht abschlagen, sonst würdet Ihr den Ehestand recht gering achten. Ich bitte Euch, küßt mich wenigstens."
Gawein atmete tief durch und raffte all seinen Mut zusammen. Dann sprach er: "Mehr will ich tun, als Euch zu küssen. Ich habe es geschworen, heute in der Kathedrale, und Ihr sollt nie mehr sagen, daß ich den Stand der Ehe nicht achten würde!"
Damit schloß er die Augen und wandte sich Ragnell zu. Noch nie war ihm ein ritterliches Abenteuer so schwer erschienen. Doch er nahm seine Frau in den Arm und berührte mit seinem Mund ihre Lippen. Ragnell preßte sich an Gawein, der die Augen noch immer fest verschlossen hatte, und küßte ihn leidenschaftlich. Der edle Ritter erwiderte ihren Kuß. Dann schlug er die Augen auf und fuhr erschrocken hoch.
"Wer seid Ihr?" stammelte er.
Neben ihm lag eine junge, wunderschöne Frau, die keinerlei Ähnlichkeit mit der abstoßenden Ragnell hatte.
"Was ist geschehen?" Gawein wähnte sich in einem Traum, aus dem er wohl jeden Augenblick erwachen würde.
"Ich bin die Dame Ragnell, Eure Gemahlin, Herr Gawein", sagte die Frau und lächelte. "Ein böser Fluch lastet auf mir. Durch die Heirat und Euren Kuß habt Ihr einen Teil des Fluches von mir genommen. Jetzt könnt Ihr meine wahre Gestalt sehen."
Gawein war außer sich vor Freude und Verlangen nach Ragnell.
Immer wieder umarmte er sie und beteuerte ihr seine Liebe.
Doch Ragnell fuhr fort: "Ihr müßt Euch nun entscheiden, Gawein. Ihr könnt mich entweder des Nachts schön, jung und begehrenswert haben oder tagsüber. Der Fluch ist noch nicht gebrochen, und so kann ich Euch nur zu einer Hälfte des Tages in meiner wirklichen Gestalt erscheinen. Den anderen Teil des Tages muß ich in der abstoßenden Gestalt der Hexe zubringen."
Lange Zeit überlegte Gawein. Wollte er seine Frau schön und hold in der Nacht und häßlich am Tage oder umgekehrt? Dann seufzte er laut: "Die Wahl fällt mir sehr schwer", bekannte er. "Ich würde mich für Euch grämen, wenn Ihr tagsüber so häßlich sein müßt, daß Euch kein Mensch gerade in die Augen schauen kann und alle mit dem Finger auf Euch deuten. Aber falls Ihr am Tage schön wärt, hätte
ich in der Nacht ein recht unliebsames Bett. Ich weiß nicht, was die beste Wahl ist. Und deshalb lege ich die Wahl in Eure Hand. Ihr seid meine Frau, und daher sollt Ihr entscheiden."
Freudestrahlend umarmte Ragnell ihren Mann. "Ihr seid wahrlich der höflichste und edelste Ritter der Welt. Durch diese Worte habt ihr mich von dem Zauber erlöst. Da Ihr mir die Wahl überlassen und nichts von mir gefordert habt, hat der Fluch nun keine Macht mehr über mich."
Die beiden küßten und liebten sich, und wohl niemand in Camelot und ganz Logries war in dieser Nacht glücklicher als Ragnell und Gawein.
Am nächsten Morgen wartete Artus voller dunkler Ahnungen auf Gawein. Aber sein Neffe erschien nicht in der Kapelle zur Frühmesse, und auch danach blieb er verschwunden. Schließlich hielt der König es nicht mehr länger aus. Leise schlich er vor die Tür zu Gaweins Gemach und legte sein Ohr an das Holz. Außer einem tiefen Atmen und manchmal einem leisen Schnarchen hörte er jedoch nichts.
Zögernd klopfte Artus an der Tür und rief nach Gawein. Lange Zeit rührte sich nichts in dem Raum, und fast wäre Artus einfach ohne Erlaubnis eingetreten, so sehr war er in Sorge um seinen Neffen.
Doch da öffnete sich die Tür, und Gawein stand strahlend vor ihm. An seiner Seite sah Artus eine wunderschöne, junge Frau. "Dies ist meine Frau, die Dame Ragnell", sagte Gawein und nahm sie in den Arm.
"Euch hat sie das Leben gerettet, Artus, mir hat sie gezeigt, daß die Macht der Liebe jeden bösen Fluch zerbrechen kann."