Der Mond

Inhalt

Der Mond
Die Geliebten des Mondes
Der Mond und seine Mutter
Wie die Teufel den Mond schwärzten
Wie der Mond an den Himmel kam
Der Königssohn und die Mondprinzessin
Bazin
Die Bremer wollen den Mond fangen
Brauchtum und Aberglaube zum zu- und abnehmenden Mond
Das Schloß am Abgrund
Brauchtum und Aberglaube zum Licht des Mondes
Der Schneider im Mond
Der schwäbische Sonn- und Mondfang
Die im Mondschein badenden Jungfrauen
Der Ursprung des Altweibersommers
Im Mondschein soll man nicht arbeiten
Der tote Reiter im Mondschein
Brauchtum und Aberglaube zum Neumond
Unsichtbar wie der Neumond
Das Wassermännle in der Donau
Die Hexen in der Neumondnacht
Brauchtum und Aberglaube zum Vollmond
Der gefangene Mond
Der Mond auf Zechtour
Der Müller und die Nixe
Klare Mond
Der weiße Wolf
Eine unglückliche Liebe
Sonne, Mond und Wind
Das heimliche Gericht
Der Mann im Mond
Das Besenmännle
Das Borstenkind
Literaturverzeichnis

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Der Mond

Kein Gestirn übt soviel Faszination aus wie der Mond. Ist er doch der Himmelskörper, welcher sich unablässig verändert. Auffällig ist er wegen seiner Größe neben allen anderen die Nacht erhellenden Gestirnen, aber auch wegen der wechselnden Farbe seines Lichtes zu den verschiedenen Stunden der hellen Mondnächte.
Täglich zwingt der Mondeinfluß die Wasser der Erde zu Ebbe und Flut. Daß Springfluten bei Vollmond entstehen, war den Menschen in der Nähe des Meeres durchaus bewußt, ebenso, daß nach Vollmondnächten häufig Tau die Wiesen bedeckt oder der weibliche Zyklus dem Mondumlauf entspricht.
So liegt die Vermutung nahe, daß Veränderungen im Bereich des Irdischen mit dem Wandel des Mondes ursächlich verbunden, wenn nicht sogar davon abhängig sind.
Aus der Überlegung, welchen Eindruck der Phasenwechsel auf das menschliche Gemüt gemacht haben muß, ergibt sich die Möglichkeit zu begreifen, daß Neumondnächte eine andere Wirkung hinsichtlich des irdischen Lebens haben müssen als Vollmondnächte. Diese Anschauung verdichtete sich wahrscheinlich von dem Augenblick an, in dem man es unternahm, nach den Mondphasen einen Kalender zu bilden; und als die Erfahrung des zunehmenden und abnehmenden Mondes sich immer stärker mit dem Bewußtsein des beginnenden und endenden Monats zu identifizieren begann, flossen in dem Zeiterlebnis die Begriffe Anfangen und Aufhören zusammen mit denen des Werdens und Vergehens in der Natur.
Der wissenschaftliche Umgang mit dem Mond ist uralt. Schon vor 3.000 Jahren konnte in Babylon jede Mondfinsternis berechnet werden.
Einhundertfünfzig Jahre vor Christus war es griechischen Gelehrten möglich, die Entfernung zum Mond mit etwa 400.000 km, ziemlich genau zu errechnen. Und auch Mondreisen, allerdings auf Adlerflügeln, schienen im antiken Griechenland durchaus möglich.
Das vielleicht Wunderbarste an der Erscheinung des Mondes ist wohl der gespensterhafte Schein, der bei Vollmond und den diesem vorausliegenden und nachfolgenden Nächten die dunkle Erde übergießt und Berge und Bäume, Menschen und Tiere gespenstische Schatten werfen läßt. Das Halbklare, Unscharfe erweckt den Eindruck des Fremdartigen, Nichtmenschlichen, Geheimnisvollen.
Nacht und Mond sind allezeit mit dem Gefühl für das Besondere, Verborgene, Geheime verbunden worden.
Daß die Tiere vom Mond beeinflußt werden, davon können viele Katzen- und Hundefreunde erzählen. Doch auch auf den Menschen wirken die Mondkräfte; von unruhigem Schlaf bei Vollmond, über schwere Träume bei Neumond, bis zur Mondsüchtigkeit.
Mit Beginn des Christentums wurden die alten Mondgötter und Mondgöttinnen verdrängt. Die Erde wurde in den Mittelpunkt der Schöpfung gestellt, und so gerieten die Mondlegenden, die zur ältesten Geistesgeschichte der Menschen gehören, in Vergessenheit.
Doch noch heute zeigt der Mond jedem Menschen eindrücklich das Mysterium von Stirb und Werde.

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Der Mond und seine Mutter

Der Mond sprach einmal zu seiner Mutter, sie möchte ihm doch ein warmes Kleid machen, weil die Nächte so kalt wären. Sie nahm ihm das Maß, und er lief davon.
Wie er aber nach einer kleinen Weile wiederkam, da war er so groß geworden, daß das Röcklein nirgends mehr passen wollte.
Die Mutter fing daher an, die Nähte zu trennen, um es auszulassen, allein da dies dem Mond zu lange dauerte, ging er wieder seines Weges.
Die Mutter nähte emsig am Kleid und saß manche Nacht auf beim Sternenschein.
Als nun der Mond zurückkam und viel gelaufen war, da hatte er sehr abgenommen, war dünn und bleich geworden, daher war ihm das Kleid viel zu weit, und die Ärmel schlotterten bis an die Knie.
Da wurde die Mutter sehr verdrossen, daß er ihr solche Possen spiele, und verbot ihm, je wieder in ihr Haus zu kommen.
Deswegen muß nun der arme Schelm nackt und bloß am Himmel laufen, bis jemand kommt, der ihm ein Röcklein kauft.

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Brauchtum & Aberglaube zum zu- und abnehmenden Mond

Die Wandelbarkeit des Mondes, sein Zunehmen und Großwerden, das Abnehmen und Verschwinden brachte die Menschen schon früh auf den Gedanken, ihr eigenes Leben und das der Natur in Zusammenhang mit den Veränderungen dieses Gestirns zu sehen. So gibt es eine große Menge Vorschriften, deren Gegenstand mit dem Wachsen und Schwinden des Mondes verknüpft erscheint. Mit zunehmendem Mond begonnen wächst und blüht das menschliche Tun; abnehmender Mond schädigt, hemmt, ja vernichtet sogar.
Daraus ergibt sich mit Abwandlung ins Moralische: Wenn Menschen etwas zur Förderung des Guten tun, geschieht es am besten bei zunehmendem Mond; soll dagegen etwas vernichtet werden, so tut man es bei abnehmendem Mond.

Bei zunehmendem Mond sollen Ehekontrakte aufgesetzt, sowie Hochzeiten gefeiert werden. Man glaubt, daß dadurch dem jungen Paare Anwachsen des Vermögens und der Wirtschaft beschieden sei. Vor Eheschließung bei abnehmendem Mond wird gewarnt; Kinderlosigkeit, Vermögensrückgang, Unglück sind die Folge.

Der Einzug eines jungen Paares in das gemeinsame Heim darf nur bei Neumond und zunehmendem Mond erfolgen, denn nur dann wird das gemeinsame Glück auch zunehmen.

Sieht man das erste Viertel des Mondes über der linken Schulter, so geht einem alles verkehrt, sieht man es zuerst über der rechten, so hat man Glück.

Zunehmender Mond bringt Geld, wenn man ihn im Freien in die Geldtasche scheinen läßt; wer ihn aber durchs Fenster oder durch die Haustüre sieht, hat mit viel Ausgaben zu rechnen.

Gebiert eine Frau bei zunehmendem Monde, so wird sie noch mehr Kinder bekommen.

Man legt ein Kind nur bei zunehmendem Monde zum erstenmal in die Wiege oder den Kinderwagen. Auch sollen sie nur in dieser Zeit getauft werden.

Ein Mädchen soll man nicht bei zunehmendem Mond abstillen, sonst bekommt es zu große Brüste - der abnehmende Mond hingegen bewahrt dem Mädchen die Schlankheit.

Man wird schwer krank, wenn man Speisen zu sich nimmt, in die der abnehmende Mond scheint, weil man den Mondschein mitißt.

In einem Vortrag vom Jahre 1789 bemerkt der berühmte Elberfelder Arzt Dr. Dinkler, der Glaube an gewisse Himmelskonstellationen, an den Mond beim Säen und Pflanzen, sei dem Gemüt des gemeinen Mannes so fest eingeprägt, daß er von diesem Irrtum nicht abzubringen sei.

Man sät und pflanzt gern bei zunehmendem und vollem Mond; doch ist hier wieder ein Unterschied zwischen den Früchten welche über, und solchen, welche unter der Erde wachsen. Erstere werden nämlich im Neumond, letztere im Vollmonde gesät - ein anderer Brauch schreibt jedoch vor: Alle Wurzelgewächse wie Rettiche, Zwiebel etc. müssen, weil sie nach unten wachsen, im abnehmenden Mond, die anderen, welche nach oben wachsen im zunehmenden Mond gesät werden.

Dung wird am besten bei abnehmendem Mond gefahren und gestreut.

Der bei zunehmendem Monde gesäte Gemüsesamen geht besser auf.

Wenn der Vater bei zunehmendem Mond stirbt, bedeutet dies für die Kinder Segen und Reichtum, im umgekehrten Fall verarmen sie.

Haare soll man bei zunehmendem Mond (oder dritten Neumondtag) schneiden, damit sie recht stark werden; bei abnehmendem Mond geschnitten, wachsen sie nicht mehr nach. Bei Vollmond geschnitten, werden dunkle Haare heller - dasselbe gilt auch für Nägel.

Warzen verliert man, wenn man bei zunehmendem Mond allein ans Fenster oder ins Freie geht, den Mond ansieht, und, indem man über die Warzen dem Mond zustreicht spricht:
"Was ich abstreif´, das verlier sich
Was ich anseh, das vermehr sich."
Man kann aber auch bei Vollmond an jemanden denken,
dem man nicht sehr gerne zugeneigt ist, über die Warzen streichen und dabei sprechen:
"Eins, zwei, drei, vier,
meine Warzen schenk ich dir."
Die selben Formeln helfen auch gegen Überbeine.

Aderlassen ist bei zunehmendem Monde anzuraten, da die Gesundheit gefördert werden soll und bei abnehmendem Monde die Gefahr zu großen Blutverlustes besteht.

Leuchtet ein heller Stern dicht beim zunehmenden Mond, so bricht bald ein Feuer im Ort aus.

Bei zunehmendem Mond ist das Zahnziehen schmerzloser.

Wem die Zähne, Ohren, Kopf und dergleichen weh tut, der stehe zur Zeit des abnehmenden Mondes gegen den Mond und sage: "Gleichwie der Mond abnimmt, also nehmen meine Schmerzen ab."

Hat jemand Zahnschmerzen, so nehme er bei abnehmendem Mond einen Nagel, bohre damit in den Zahn, so daß Blut kommt; dann schlage er ihn stillschweigend in die Nordseite einer Eiche, daß die Sonne nicht darauf scheine; solange der Baum steht, wird der Kranke nie wieder Zahnschmerzen haben. Andere schlagen vor, bei zunehmendem Mond auf einen Kreuzweg zu gehen und dort zu sprechen:

"Guter Mond, ich klage Dir,
Zahnschmerzen quälen mich!
Ich bitte dich,
Nimm diese von mir zu dir."

Holzfällen soll man bei abnehmendem Mond, damit das Holz nicht fault oder Würmer es nicht fressen (in Kärnten jedoch wird für Bauholz das Fällen bei zunehmendem Mond ausdrücklich vorgeschrieben)

Ein Vieh, ob Kalb oder Kuh, ob Schwein, Ferkel oder Rind, sollte nur bei zunehmendem Mond oder bei Vollmond geschlachtet werden, da bei abnehmendem Mond das Fleisch zusammenschrumpft und die Därme zu schwach sind, um daraus Würste zu machen.

Das Entwöhnen der Kälber von der Mutterkuh hat nur bei abnehmendem Mond den rechten Erfolg, dann bekommen sie schnell dicke Bäuche.

Bohnen und Erbsen geraten nur, wenn sie bei abnehmendem Mond gesät werden, andernfalls blühen sie ständig, ohne Schoten anzusetzen.

Hühneraugen entfernt man am besten indem man bei abnehmendem Monde an einem Abend mit dem Zeigefinger der rechten Hand das Hühnerauge rings umfahre und dazu spreche:
"Es ischd nüd und es wird nüd,
es ischd Kad (= Kot) und vergaht."

Wenn dann danach die drei höchsten Glaubensbekundigungen gesprochen werden, kann man sich sicher sein, daß das lästige Hühnerauge binnen dreier Tage verschwunden ist.

Hämorrhoiden soll man bei abnehmendem Mond morgens vor Sonnenaufgang mit Tauwasser waschen.

Wunden heilen nur bei abnehmendem Mond; man darf sie aber dem Mondschein nicht aussetzen, denn das Fleisch fault im Mondschein schneller als im Sonnenschein.

Plinius der Ältere (ca. 23 bis 79 n. Chr.) betont, daß das Blut des Menschen mit dem Mond ab- und zunehme.

Der erste Tag im abnehmenden Mond bringt gerne Unglück, während der erste Tag nach Neumond oftmals Glück mit sich führt

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Die Hexen in der Neumondnacht

Auf der Schwäbischen Alb lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war überall beliebt, aber die Frau war etwas sonderbar und deshalb war das ganze Dorf überzeugt, daß sie eine Hexe sei. Auch der Mann glaubte es, denn zu bestimmten Zeiten, immer an Neumond, verschwand seine Frau abends und kehrte erst am Morgen zurück. Sie erzählte ihm aber nie, wo sie gewesen war. Eines Tages sagte der Mann zu seiner Frau: "Die Leute sagen, du seiest eine Hexe."
Das Herz wollte ihm schier stillstehen vor Schreck, als seine Frau ganz fröhlich sprach: "Natürlich bin ich eine Hexe, und wenn du mir versprichst, es niemandem weiterzuerzählen, berichte ich dir von meinem nächsten Hexenausflug alles."
Er mußte auch nicht lange warten, denn in der folgenden Woche war Neumond und jeder weiß ja, daß der Neumond die Zeit der Hexen ist.
Seine Frau erzählte ihm am nächsten Morgen: "Ich habe mich mit meinen Hexenfreundinnen auf dem Heuberg getroffen. Und dort hat uns ein schwarzer Geisbock auf dem Dudelsack Musik gemacht. Dazu haben wir Frauen getanzt und getanzt. Die ganze Nacht, so daß wir beim ersten Hahnenschrei kaum heimreiten konnten."
Der Alte aber brummte: "Was habt ihr bloß von dem Getanze? Da hättet ihr es daheim in euren Betten schöner gehabt."
Nach der nächsten Neumondnacht erzählte sie ihm: "Dieses Mal sind wir auf unseren Besen ins Elsaß geritten und haben mit den dortigen Hexen auf dem Bastberg ein Fest gefeiert. Von ihnen haben wir neue Hexenkünste gelernt, vor denen alle Riegel zurückfallen und alle Ketten gesprengt werden."
Der Alte aber brummte wieder: "Was habt ihr denn bloß im Elsaß zu suchen? Daheim in euren Betten hättet ihr es schöner gehabt."
Nach der nächsten Neumondnacht aber hörte der Alte aufmerksam zu, denn dieses Mal erzählte ihm seine Frau: "Meine Freundinnen und ich, wir haben uns auf dem Kreuzweg getroffen. Eine von uns hatte gehört, daß der Bischof in Rottenburg ein paar Fässer guten Weines im Keller hat. Auf unseren Besen sind wir nach Rottenburg geritten. Wir sprachen die Zauberworte, die wir im Elsaß gelernt haben. Die Riegel sind zurückgefallen, die Schlösser haben sich geöffnet, und wir sind in den Keller gegangen und haben von dem Wein getrunken. Aber nicht zuviel, denn wir wußten ja, daß wir noch vor dem Morgen zurückreiten mußten."
Da sprang der Alte auf, denn er trank auch gerne guten Wein, aber er hatte kaum Gelegenheit, einen zu trinken. Er rief: "Du bist wirklich ein Weib, auf das man stolz sein kann. Nimm mich mit in den Keller des Bischofs und erzähle mir die Zauberworte, mit denen ich verschlossene Türen öffnen kann."
Doch seine Frau sprach: "Gib dich zufrieden, Alter. Die Männer können ihre Zunge nicht hüten. Was wäre, wenn ich dir die Zauberworte sagen würde. Du würdest sie deinen Freunden weitererzählen, und die ganze Welt würde in Unordnung geraten, weil ihr Männer alle nur noch durch die Lüfte reitet und von dem nehmt, wonach es euch gerade gelüstet."
Der Alte aber war schlau. Er versteckte sich nun bei dem Kreuzweg und siehe, als es wieder Neumond war, hörte er die Frauen kommen. Die nahmen ihre Besen zwischen die Beine, sprachen Zauberworte und ritten durch die Lüfte davon. Flugs nahm der Alte einen Stecken, den er mitgebracht hatte zwischen die Beine, sprach die Zauberworte nach, die er gerade gehört hatte und im Hui ritt er den Weibern nach, wie ein gelernter Zauberer.
Da Hexen auf ihren Besen immer geradeaus schauen und sich nie umwenden, bemerkten sie ihren Begleiter erst im Keller des Bischofs, als er mitten unter ihnen saß. Die Hexen waren nun überhaupt nicht erfreut, aber nun saß er schon da, also ließen sie ihn wo er war.
Nun waren die Weiber alt und weise. Die wußten, daß sie wieder heimreiten mußten, wenn der Tag graute. Und so tranken sie mit Genuß, aber mit Vorsicht von diesem Faß einen Schluck und von jenem und von dem dritten. Der Alte aber war nicht so klug, er trank und trank und soff und soff, bis er besinnungslos niederfiel. Als der Tag graute, standen die Weiber auf, um auf ihren Besen wieder davonzureiten.
Seine Frau blickte zornig auf ihn hinunter und sprach: "Das ist die gerechte Strafe für deine Nasenweis."
Am Mittag kamen die Diener des Bischofs. Sie wollten für ihren Herrn Wein holen. Da wären sie beinahe über den Alten gestolpert. Sie rüttelten ihn wach und fragten, wie er denn in den Keller gekommen sei. Der sei doch verriegelt. Dem Alten tat dieses Wachrütteln gar nicht gut und so sprach er immer nur, er sei mit einer Schar Weiber durch die Lüfte geritten, die hätten Zauberworte gesprochen. Jetzt sei er im Keller.
Da schleppten ihn die Diener vor ihren Herrn, den Bischof. Und dies war die Zeit, als die Bischöfe noch Angst hatten vor den Weibern. Als er die Geschichte vernahm, verurteilte er den Alten zum sofortigen Tod auf dem Scheiterhaufen.
Jetzt wäre der Alte froh gewesen, wenn er zuhause im Bett gelegen wäre, denn schon leckten die Flammen an ihm herauf. Da erschien, zum Staunen der Zuschauer, ein grauer Vogel in den Lüften. Der setzte sich dem Alten auf die Schulter und krächzte ihm etwas ins Ohr. Dem Alten aber kam dieses Krächzen wie die schönste Musik vor. Es war die Stimme seiner Frau, die ihm die nötigen Zauberworte ins Ohr krächzte. Schnell sprach er sie nach und verwandelte sich zum Erstaunen der Zuschauer auch in einen grauen Vogel, der pfeilschnell davonflog, ohne sich zu verabschieden.
Von nun an hütete der Alte sich, den Hexenkünsten seiner Frau nachzuspionieren. Da sie aber ein gutes Weib war, brachte sie ihm in jeder Neumondnacht, wenn sie im Keller des Bischofs war, einen Krug Wein mit.

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Eine unglückliche Liebe

Sonne und Mond sind Mann und Weib und einst waren sie auch nicht ungetrennt, sondern lebten in Harmonie und Eintracht zusammen.
Aber mit der Zeit kümmerte sich der Mond um seine Dinge und seine Frau, die hitzige Sonne, schalt ihn kalt und unnahbar in der Nacht.
Sie schlug ihm eine Wette vor, die sie im Zorn aussprach und mit einem heiligen Eid beschwor: Derjenige, welcher als erster erwachen würde, solle das Recht haben bei Tage zu scheinen, dem Langschläfer gehöre die Nacht.
Ihr Mann, der Mond, lachte gutmütig, nahm sie in den Arm, hielt das ganze für einen Scherz und schlief ein.
Die Sonne aber konnte vor lauter Ärger nicht schlafen und so zündete sie schon nachts um zwei der Welt ihr Licht an. Daraufhin weckte sie den noch im Schlaf lächelnden Mond und verkündete stolz, sie habe die Wette gewonnen, und er werde schon sehen, was er von seiner Schläfrigkeit hätte.
Und weil die Sonne es mit einem heiligen Eid beschworen hatte, leuchtet die Sonne seitdem am Tag und der Mond bei Nacht.
Die Sonne aber bereute bald ihren Schwur, den sie in der Hitze ihres Zorns gesprochen hatte, denn sie liebte ja den Mond, ihren Mann. Und auch dieser fühlte sich einsam auf seinem nächtlichen Weg. Er bereute, so kalt gewesen zu sein, und eine große Sehnsucht befiel ihn.
So groß ist die Sehnsucht der beiden, daß sie manches Mal die Macht des Eides brechen können. Dann finden sie zusammen und auf der Welt herrscht eine Sonnenfinsternis. Weil sie ihre Begegnung aber mit gegenseitigen Vorwürfen beginnen, wer denn nun die Schuld an der Trennung trage, kommt es immer gleich zum Streit. Die Zeit, welche ihnen zur Versöhnung gewährt ist, läuft ab, und die Sonne muß ihrem Eid entsprechend weiter wandern.
Blutrot vor Zorn macht sie sich auf den Weg. Hätten sie nicht gestritten, wären sie vereinigt worden. Bis der Zorn der Sonne sich legt, vergeht wieder geraume Zeit, und erst eine neue Sonnenfinsternis zeigt an, daß die beiden Unglücklichen sich wieder einmal getroffen haben.
Meist ist die Sonne hitzig vor lauter Liebeszorn. Manchmal aber, wenn sie so alleine über den Tageshimmel geht, sieht sie ihr Unrecht ein. Sie denkt an die Geheimnisse, die ihr der Mond mitgeteilt hatte in den langen Nächten. Dann weint sie blutige Tränen und steigt blutrot in die Wellen eines fernen Meeres.
Aber auch der Mond empfindet Trauer und Leid, daß er nicht zu seiner geliebten Sonne kann, um sich mit ihr zu vereinen und in ihrer Hitze zu wachsen.
In Zeiten da er ohne Hoffnung ist, kann er nicht mehr schlafen und nichts mehr essen. So nimmt er ab, bis er zur schmalen Sichel wird und schließlich fast ganz verschwindet.
Doch dann melden sich seine Lebensgeister wieder, er schöpft Hoffnung und wächst wieder zu seiner prachtvollen Gestalt. Wenn er sich dann getäuscht fühlt und merkt, daß er die Sonne nicht erreichen wird, nimmt er wieder ab.
Von seiner unglücklichen Liebe ist er weich und milde gestimmt. Daher klagen ihm und seinem weichen Licht auch die unglücklich Liebenden ihr Leid und können darauf vertrauen, daß er sie versteht.