Die Mondsteinmärchen

Der Märchenstand

Der Wächter kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und starrte angestrengt den nahen Hügel empor. Obwohl die tiefstehende Abendsonne das Land in ein blendendes, flammendes Rot tauchte, gab es keinen Zweifel: Jemand kam auf die Stadt zugeritten.
Ein staubiger Weg wand sich wie ein dünnes, graues Band den karstigen Hügel hinab zur Stadt am Meer, und der Reiter, neben dessen Pferd der Wächter noch eine Gestalt ausmachen konnte, schien keine Eile zu haben. Immer wieder verharrten die Näherkommenden, so, als wären sie sehr, sehr müde.
Nur kurz überlegt der Wächter, ob er die Ankunft der Fremden melden sollte. Doch welche Gefahr konnten schon zwei erschöpfte Fremdlinge der wohlhabenden Stadt am Meer bringen? Auf der von Sonne und Wind ausgelaugten Straße am Hügel beugte sich Oyano, der alte Märchenerzähler, ein wenig aus dem Sattel. "Ist sie nicht wunderschön, Gwen?" flüsterte er heiser und kaum vernehmbar. "Habe ich dir zuviel versprochen?" Er lächelte, in Erinnerungen versunken. "Die Stadt am Meer. Hier wurde ich geboren. Hier habe ich meine Märchen erzählt, lange Jahre. Hier will ich die letzten Jahre meines Lebens in Ruhe und Frieden verbringen."
Er schnalzte leise mit der Zunge, und sein Pferd trottete weiter.
Gwen lief neben Oyano her und blickte immer wieder zu dem gebrechlichen Märchenerzähler auf. "Wie lange ist es her", wollte sie schließlich wissen, "seit du die Stadt verlassen hast?"
"Länger als du an Jahren zählst", bekam sie Auskunft und war es zufrieden.
Als die beiden das Stadttor erreicht hatten, schaute Oyano verwundert um sich. Sie standen vor trutzigen Befestigungsanlagen!
"Wer seid ihr, und was wollt ihr hier?" riß ihn die barsche Stimme des Wächters aus seinem Erstaunen.
Oyano neigte höflich grüßend den Kopf, während das Mädchen an seiner Seite sprach: "Mein Name ist Gwen. Ich bin die Schülerin des Märchenerzählers. Er heißt Oyano und hat in dieser Stadt gelebt."
Überrascht starrte der Soldat den alten Mann an. "Oyano", murmelte er schließlich, als müsse er weit zurück in der Vergangenheit graben. "Ja, vor vielen Jahren gab es hier einen Märchenerzähler diesen Namens."
Doch dann rammte er seine Lanze auf die Erde und befahl: "Zeigt mir eure Papiere!"
Wieder antwortete Gwen: "Ich sagte dir doch, wer wir sind. Wir besitzen keine Papiere. Weshalb auch? Jedermann, der des Schreibens kundig ist, kann darauf festhalten, was immer ihm beliebt. Wäre ein kleines Stück Papier glaubwürdiger als meine Auskunft?"
Unsicher sah der Wächter das Mädchen an. Niemals zuvor hatte er solch eine Antwort erhalten. Und doch! Es gab schließlich Vorschriften.
"Ich muß wissen, ob Ihr die Wahrheit sprecht!" fuhr er Gwen unwirsch an. "Weshalb sagst du nichts?" Er deutete auf Oyano. "Hast du vielleicht die Sprache verloren?"
Oyano nickte bestürzt. Gwen erklärte: "Er hat schon so viel gesagt in seinem Leben. Seine Stimme ist müde und brüchig. Es schmerzt ihn, wenn er sprechen muß."
Der Blick des Wächters streifte das Mädchen, das so selbstsicher vor ihm stand und keinerlei Ehrfurcht vor seiner Uniform und den blinkenden Waffen zeigte. Nochmals betrachtete er den alten Mann auf dem Pferd, das müde den Kopf hängen ließ.
"Geht weiter!" bestimmte er schließlich und versuchte, dabei herrisch dreinzublicken. "Aber meldet euch morgen in aller Frühe bei der Wache auf dem Marktplatz. Es könnte sonst sein, daß ihr ins Gefängnis geworfen werdet."
Fassungslos schüttelte Oyano den Kopf, als Gwen das Pferd am Zügel nahm und durch das Tor führte.
Zur Abendstunde erreichten die beiden den Marktplatz. Geschäftiges Treiben herrschte, wohin sie auch sahen. Lautstark wurden Waren angepriesen, feilschten Händler und Käufer miteinander. Es roch nach Kaffee und Tee, Gebratenem und Gesottenem, nach vielerlei Gewürzen und mancherlei süßer Leckerei. Niemand beachtete den Alten und das halbwüchsige Mädchen. Die staubigen, oftmals ausgebesserten Umhänge verrieten, daß mit diesen beiden keine Geschäfte zu machen waren.
Schließlich erreichte Oyano und das Mädchen ein schmales, windschiefes Häuschen mit verschlossenen Fensterläden. Unter dem weit vorspringenden Dach entdeckte Gwen ein steingemauertes Podest. Buntgewebte, von Sonne und Wind verblichene Teppiche waren davor zusammengeknotet. Oyanos Augen leuchteten. "Wir sind da" flüsterte er. "Dies ist mein Haus und das war mein Märchenstand."
Er zog die Teppiche ein wenig zur Seite und stieg drei ausgetretene Stufen empor. Aus einer der zahlreichen Taschen seines Umhangs zog er einen Schlüssel und öffnete die hölzerne Tür, in die seltsame Zeichen und Muster geschnitzt waren. Langsam ging der Märchenerzähler durch die beiden Kammern des Hauses, blieb hier kurze Zeit versonnen stehen und strich dort sacht über eine kunstvoll ziselierte Teekanne oder einen verzierten Kerzenständer. "Öffne die Teppiche," bedeutete er Gwen. "Ich werde uns Tee kochen, und dann schauen wir uns das Treiben auf dem Markt noch ein wenig an."
Während Oyano ein Feuer im Herd entfachte, rollte Gwen die Teppiche vor dem Podest hoch und band sie sorgfältig fest. Sie rückte einen Tisch herbei und stellte zwei alte, bequeme Stühle dazu. Als der Märchenerzähler sich schließlich zu ihr gesellte, war es fast dunkel. Überall in den Marktständen brannten zahllose Öllampen. Oyano setzte sich, entzündete eine kleine Kerze und sah sich um.
Immer noch drängten sich viele Menschen auf dem Platz. Kaum einer hob den Blick, um zu ihnen emporzusehen. Die wenigen jedoch, die bemerkten, daß die Teppiche des lange verschlossenen Märchenstandes hochgerollt waren und jemand den verwaisten Platz eingenommen hatte, kamen neugierig näher. Schließlich trat ein Mann, geradeso alt und gebeugt wie Oyano, näher. "Ich wußte, daß du eines Tages wiederkommen würdest", grüßte er herzlich.
Mit einem Lächeln erwiderte Oyano den Gruß.
"Es ist tatsächlich der alte Märchenerzähler", murmelten die Menschen, und die Nachricht verbreitete sich in Windeseile über den ganzen Markt.
"Erzähl uns eine Geschichte!" baten einige.
Doch Oyano schüttelte müde den Kopf und gab Gwen ein Handzeichen. "Oyanos Stimme ist schwach geworden mit den Jahren", erklärte das Mädchen. "Er kann nur noch leise und mühsam sprechen. Nicht um wieder Märchen zu erzählen, ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Er will nur den Abend seines Lebens in vertrauter Umgebung verbringen."
"Aber jetzt ist die Zeit, wo wir deine Märchen wirklich brauchen, Oyano!" rief ein Mann laut aus der Menge. Einige drehten mit mißbilligendem Blick den Kopf, um den Rufer ausfindig zu machen. Andere aber nickten zustimmend. Neugierig sah Gwen ihren Lehrmeister an. Dieser saß wie versteinert; wohl waren seine Augen geöffnet, doch sein Blick ging ins Leere. Nach einiger Zeit winkte er Gwen zu sich. Das Mädchen neigte den Kopf und lauschte den leisen Worten Oyanos. Dann richtete sie sich auf. "Er hat keine Märchen für euch," erklärte sie der Menge. "Zu viel Zeit ist verstrichen, lange wohnte er nicht hier. Zu vieles hat sich verändert in der Stadt."
Ein enttäuschtes Gemurmel kam aus der Menge. Doch Oyano, der alte Märchenerzähler, schwieg. Mit der Zeit zerstreuten sich die Menschen. Der kühle Wind der Nacht strich flüsternd durch die engen Gassen und über den Marktplatz. Mehrmals wollte Gwen ihren Lehrmeister etwas fragen, doch Scheu hinderte sie, ihn anzusprechen, der noch schweigen wollte. So sagte auch sie kein Wort, schaute ziellos über den Platz und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf.
Als das Mädchen fröstelnd erwachte, saß Oyano nicht mehr neben ihr. Es war immer noch finstere Nacht. War der Märchenerzähler in seine Kammer gegangen, ohne sie zu wecken? Zögernd tastete sich Gwen zur Tür. Sie hörte Stimmen. Oyano sprach leise mit jemandem. Gwen wagte nicht zu stören. Geduldig wartete sie, bis sich der Fremde verabschiedet hatte. Erst dann klopfte sie vorsichtige an die Tür zu Oyanos Kammer. Traurig saß der alte Märchenerzähler auf den weichen Teppichen. "So vieles hat sich verändert in meiner Stadt", flüstere er.
"Weshalb bist du damals fortgegangen?" wollte Gwen wissen. Oyano sprach fast tonlos: "Ich mußte mit ansehen, wie sich fast alle Menschen hier nur noch um ihre Geschäfte kümmerten. Feilschen und Handeln, Kaufen und Verkaufen wurde ihr einziges Lebensziel. Und von mir, von mir wollten sie am Abend mit Geschichten unterhalten werden!" Oyano stieß das Wort ‚Geschichten' bitter und abfällig hervor. "Ja, sie wollten, daß ich ihnen kurzweilige und unterhaltsame Geschichten erzähle. Irgend etwas, worin sie sich verlieren konnten. Meine Märchen aber, die ich erzählte, damit sich Menschen darin finden, wollten sie nicht mehr hören. Deshalb bin ich gegangen, damals. Meine wenigen Freunde, die mir geblieben waren, kannten meine Prophezeiung - daß die Stadt am Meer um so ärmer wird, je mehr Reichtum ihre Bewohner anhäufen."
Erschöpft lehnte sich Oyano zurück. Wortlos bat er Gwen um ein Glas Tee. "Seit einigen Jahren", fuhr er fort, nachdem er getrunken hatte, "gibt es einen König in dieser Stadt. Er hat sich selbst dazu ernannt, und niemand wagt, ihm zu widersprechen, denn seine Soldaten sind gefürchtet. Und nun ruft dieser König zum Krieg gegen die Nachbarstadt auf. Er versucht den Menschen einzureden, die größte Gefahr für ihren Wohlstand ginge von der Stadt auf den Klippen aus. Es bleibt nur ein Weg, läßt der König verkünden, um weiterhin in Sicherheit und Reichtum zu leben: Die Stadt auf den Klippen muß erobert werden."
Müde lachte Oyano auf. "Morgen, Gwen", flüsterte er, "morgen werden wir beide ein Märchen erzählen. Keine Geschichte, sondern ein wirkliches Märchen. Geh nun und ruhe dich aus. Ich brauche das ferne Zirpen der Zikaden, das lautlose Gleiten der Nachtvögel und den stillen Atem der Nacht. So werden Märchen geboren. In einer Nacht wie dieser."
Oyano erhob sich und ging langsam und gebückt hinaus. Dort setzte er sich an den kleinen Tisch des Standes, stützte den Kopf in beide Hände und schaute hinauf in den Nachthimmel, wo ein fast vollendeter Mond das Firmament beherrschte.
So fand das Mädchen den alten Märchenerzähler am frühen Morgen, als sie, noch bevor die Sonne aufgegangen war, nach ihm sehen wollte. Schweigend bereitete sie Tee, stellte die Kanne neben Oyano und ließ ihn allein.
Erst als sich der Marktplatz langsam mit dem beginnenden Leben des neuen Tages füllte, von überall her Stimmen die Stille störten, die Händler und Kaufleute ihre Sände öffneten, zog sich Oyano zurück, um zu schlafen.
Zur Abenddämmerung kam der alte Märchenerzähler wieder aus seiner Kammer. "Bereite den Stand vor!" bat er und setzte sich, um zu essen. Als Gwen die Teppiche hochgerollt und zusammengebunden hatte, trat Oyano neben sie und sah hinaus auf den Marktplatz. "Du wirst mir nachher die Kraft deiner jungen Stimme leihen müssen, Gwen", sagte er.
"Ich verstehe nicht?" stammelte das Mädchen aufgeregt. "Ich werde dir das Märchen zuflüstern, " erklärte Oyano, "und du wirst es so laut erzählen, daß jeder auf dem Marktplatz es hören kann."
"Aber ...", wollte Gwen einwerfen, doch Oyano brachte sie mit einer abwehrenden Handbewegung zum Verstummen.
Und wie Oyano es gesagt hatte, so geschah es. Als die Menschen am Abend wieder vor den Stand kamen und erneut um ein Märchen baten ...

__________________________________________________________________________________________

Die Krone der Welt

In den jungen Jahren dieser Welt lagen zwei Königreiche an einem breiten Strom, der behäbig auf das ferne Meer zutrieb. Im Lande der aufgehenden Sonne regierte König Urs mit strenger Hand und hartem Herz. Jenseits des Flusses, dort, wo die Sonne am Abend unterging, herrschte König Aars. In Strenge und Unnachgiebigkeit stand er König Urs nicht nach. Die beiden waren schon seit langem erbitterte Feinde. Und an den Ufern des Stroms lagerten ihre Kriegsheere und warteten darauf, endlich ihre Waffen sprechen lassen zu können.
Die Minister beider Reiche predigten Haß und Feindschaft, und die Lehrer säten Gewalt schon in die Herzen der Kinder. Wer in den Dienst des Königs treten wollte, mußte wortreich seine Abscheu vor dem feindlichen Reich und die bedingungslose Liebe zum eigenen König beweisen. Fiel im Land der aufgehenden Sonne in einem Jahr die Ernte schlecht aus, war dies natürlich die Schuld des verhaßten Reiches jenseits des breiten Stroms. Das konnten die Gelehrten überzeugend beweisen. Kamen im Land des Königs Ars zu wenig Kinder auf die Welt, lag dies an den Zauberkundigen des Königs Urs. Diese hatten, wie leicht zu belegen war, den Mond verhext, um so die Frauen unfruchtbar zu machen und die Heereskraft zu schwächen.
Vielen Menschen, in beiden Königreichen, kamen diese Erklärungen zwar oftmals seltsam vor, und so recht wollten sie daran nicht glauben. Sie hüteten sich jedoch, dies vor Fremden zu sagen. Die Spitzel der Herrscher konnten überall sein, und wen sie einmal in ihrer Gewalt hatten, den ließen sie nicht mehr los. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich erschreckende Dinge von Folter und gewaltsamem Tod.
So bestimmte der Haß auf das andere Reich und die Furcht vor der unerbittlichen Macht des eigenen Königs das Leben der Menschen auf beiden Seiten des großen Stromes.
Die Familie Arkan unterschied sich nicht von vielen anderen Familien im Lande der untergehenden Sonne. Der Vater unterrichtete in der Hauptstadt junge Bedienstete des Königs. Dabei mußte er sich immer sehr genau überlegen, was er sagen durfte und worüber er besser schwieg.
Seine Frau sorgte für die Tochter Erina, den Sohn Antol und für die Großmutter. Erina und Antol waren der ganze Stolz ihrer Eltern - gerade so, wie alle Kinder immer der ganze Stolz ihrer Eltern sind. Abends, wenn die einbrechende Nacht den Tag in die wärmende Decke der Hoffnung auf einen besseren Morgen hüllt, saßen die Eltern oft noch am Tisch. Einmal beklagte sich der Mann, daß er die Zustände nicht mehr lange schweigend hinnehmen könne. Da nahm die Frau seine Hand und erzählte, daß Schergen des Königs den fast erwachsenen Sohn der Nachbarsfamilie abgeholt hätten - niemand wisse weshalb und wo er jetzt sei.
Die Großmutter schüttelte im Zimmer der Kinder Antols Kopfkissen auf, zupfte das Bettuch Erinas zurecht und ließ sich gerne überreden, ein Märchen oder eine alte Sage zu erzählen. Die beiden Kinder wollten immer wieder die Geschichte von der Krone der Welt hören. Obwohl es bei Strafe verboten war, dieses angebliche Lügenmärchen zu verbreiten, erfüllte die Großmutter den Kindern jedesmal ihren Wunsch, Sie setzte sich in ihren alten Ohrensessel, legte eine dicke Decke über die Beine, nahm die zerkratzte Brille ab, schloß die Augen, und erst wenn Erina und Antol ganz still waren, begann sie:
"Bevor eure Mutter und euer Vater mit ihrem ersten Schrei die Welt begrüßten, war die Erde war noch nicht aufgeteilt in zwei Königreiche. Eine gütige Kaiserin regierte das Land mit Weisheit und Umsicht. Keinen Menschen achtete sie gering, und alle hörten auf ihren Rat, so wie auch sie auf den Rat der Menschen hörte. Die Könige Urs und Aars sind ihre Söhne. Damals spielten und zankten sie miteinander wie Geschwister es eben tun. Die Kaiserin besaß eine kostbare und wertvolle Krone, die schon so alt wie die Erde selbst war. Man nannte sie die Krone der Welt. Daran leuchtete der Diamant der Weisheit, funkelte das Juwel des Verstehens, schimmerte sanft die Perle der Demut. Diese drei gaben der Kaiserin die Kraft, das Land zu regieren. In wessen Auge auch immer sich Diamant, Juwel und Perle widerspiegelten, ihre Kraft wirkte seinem Herzen.
Als die Kaiserin fühlte, daß ihre Tage auf dieser Welt zu Ende gehen sollten, traf sie sich mit ihren Söhnen Urs und Aars auf einer kleinen Insel, mitten in dem großen Fluß. Sie teilte ihr Reich, und die beiden Brüder versicherten der Mutter, das Erbe zu behüten und zu bewahren. Die Kaiserin wünschte, auf der Insel begraben zu werden. Die Krone der Welt sollte ihr Grabmal krönen, damit alle Menschen sie sehen und ihre Kraft mit sich nehmen könnten. Als die Brüder versicherten, alles so auszuführen, schloß die Kaiserin zufrieden die Augen, und ihre Seele machte sich auf, neue und unbekannte Wege zu gehen.
Urs und Aars trugen ihre Mutter zu Grabe und setzten ihr ein Grabmal. Um die Krone jedoch entbrannte ein wilder Kampf. Keiner der beiden wollte sie auf der Insel zurücklassen. Zu sehr fürchteten sie die Kraft der Edelsteine.
Während des Kampfes geschah es aber, daß die Krone weggeschleudert wurde und in den flachen See am Fuße des Grabmals fiel. Kaum war sie im Wasser eingetaucht, da brodelte, zischte und dampfte es. Giftgrüne Schwaden stiegen empor und hüllten die kämpfenden Brüder ein. Erschrocken ließen diese voneinander ab und hasteten zurück zu ihren Rittern und Lanzenträgern, die sie mit auf die Insel gebracht hatten.
"Wer mir die Krone aus dem Teich holt", spornten sie ihre Männer an, "wird fürstlich belohnt."
Einige wagemutige Ritter zogen sofort los. Sobald sie jedoch in das flache Wasser gewatet waren, umhüllte sie der giftige Nebel, der durch die Gier und den Neid der Brüder entstanden war, und sie kamen elend um.
"Ich werde mir die Krone schon holen!" brüllte Urs seinem Bruder zu.
"Wenn du kommst, werde ich sie schon längst haben!" schrie dieser zurück.
Daraufhin zogen sich die Brüder mit ihren Männern in ihre Lager zurück. Ruhelos verbrachten Urs und Aars die Nacht. Endlich graute der Morgen. Seltsames war geschehen: Ein tiefer Graben hatte über Nacht das Grabmal und den giftig brodelnden See umschlossen. Als sie mit ihren Männern am Rand des Grabens standen, sahen sie, daß auf dem Grund grauschwarzer, stinkender Schlamm große Blasen warf.

...