ODIN
Psychologischer Streifzug durch die germanische Mythologie

Inhalt

Der germanische Schöpfungsmythos
Der germanische Mythos
Odins Schöpfung
Der heilige Baum
Odins Frauen und Kinder
Zwerge und Riesen
Loki und die Gegenwelt
Der Kriegs- und Totengott
Die Schicksalsfrauen
Der nächtliche Jäger wird besiegt
Ein Gott wird zum Dichter
Das Runenlied
Odins Attribute und seine Symbole
Balder, Odins Lieblingssohn
Odins Schicksal erfüllt sich
Ein Gott und die Deutschen
Anhang
Runen
Zeittafel
Abkürzungsverzeichnis
Glossar der germanischen Namen
Stammtafeln der Asen
Odinsnamen in der Gylfaginning
Literaturverzeichnis
Weltenbaum Yggdrasil
Legende zum Weltenbaum Yggdrasil

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Der germanische Mythos

Stellen wir uns vor, wir seien an einem nordischen Königshof zuhause, vor vielen Hunderten von Jahren. Auf dem nicht weit entfernten Nordmeer peitschen die kalten, gischtenden Wellen. Dunkle Sturmwolken jagen über das flache Land von Horizont zu Horizont. Es ist die Zeit der Dämmerung und nach vollbrachtem Tagwerk versammeln sich alle Männer in der Halle des Königs, in deren Mitte eine riesige Eiche wurzelt. Ihr Stamm, der auch "Kinderbaum" genannt wird, weil ihn die Frauen zum Lindern ihrer Schmerzen beim Gebären umklammern, trägt das Dach der Halle und ihre Zweige reichen weit darüber hinaus. Große Feuer sind angezündet und sorgen für Licht und Wärme. Plötzlich, der Wind rüttelt mit Macht am Gebälk und heult um das Haus, tritt ein Fremder ein. Er ist mit einem fleckigen Mantel bekleidet, geht barfüßig und trägt an den Beinen zusammengeknüpfte Leinenhosen. Hochgewachsen steht der Fremde in der Tür. Ein lang herabhängender Schlapphut beschattet sein Gesicht, doch es ist zu erkennen, daß der Mann nur noch ein Auge hat. In der Hand hält er ein Schwert. Der Fremde geht zum Baum, stößt das Schwert mit Macht in den Stamm, daß es bis zum Griff eindringt und spricht: "Wer dieses Schwert aus dem Stamme zieht, der soll es von mir als Geschenk erhalten. Er soll es selbst als wahr beweisen, daß es niemals eine bessere Waffe gegeben hat."
Daraufhin verläßt er die Halle und niemand weiß, wer er ist und wohin er geht.
Nacheinander versuchen die Männer nun das Schwert aus dem Stamm herauszuziehen, selbstverständlich die Vornehmsten zuerst, doch keinem gelingt es. Erst Sigmund, des Königs Sohn, zieht das Schwert mit leichter Hand heraus. Später entsteht daraus Kampf und grausamer Krieg.
Natürlich haben wir längst erraten, daß dieser einäugige Mann in seinem seltsamen Gewand Gott Odin war, der hier am Hofe des Königs auf ähnliche Weise in den Gang der Geschichte eingriff, wie es später der keltische Zauberer Merlin in der Artussage tat.
Die Germanen im skandinavischen Raum nannten ihren obersten Gott Odin, während ihn die übrigen Germanen als Wotan, den "rasenden Wüter" verehrten, der seine Gefolgsmänner und Krieger in Ekstase versetzen und seine Gegner mit magischem Blick verzaubern konnte.
Doch der in der Völsungensage so bescheiden, wenn auch nicht ohne Pathos auftretende Odin kann auch anders erscheinen. Er besitzt einen besonders kampferprobten, langen Speer und trägt an der Hand einen ungewöhnlich kunstvoll geschmiedeten Goldring. Auf seiner Schulter sitzt ein Rabe, der mit wissenden Knopfaugen alles betrachtet, während ein zweiter ihn im Flug umkreist. Außerdem sind zwei mächtige grau-schwarze Wölfe seine Begleiter. Ein prachtvoller feuriger Hengst mit acht windschnellen Beinen, der sagenumwobene Sleipnir, das beste unter allen Pferden, unbesiegbar im Lauf und von keinem Hindernis aufzuhalten, ist sein Reittier.
So ähnlich erschien Odin an den germanischen Höfen oder auch an einsamer Stelle. Wenn er jedoch in eine Schlacht ritt, legte er eine goldene Rüstung an und setzte seinen goldenen Helm auf. Vor Schlachtbeginn schleuderte Odin seinen magischen Speer Gungnir über die Heere, um sich so Unbesiegbarkeit zu sichern. Neben ihm ritten im Kampf die Walküren. Für alle feindlichen Krieger unsichtbar, wählten sie im Auftrag Odins diejenigen aus, die in dieser Schlacht fallen sollten. Von seinem Himmelssitz Walhall übersah er die Welt, nichts blieb ihm verborgen. Er kannte die Zukunft, auch wenn er sich selbst dem vorherbestimmten Schicksal unterordnen mußte, sprach ausschließlich in Versen und ernährte sich nur von Wein bzw. Met.
Wen wundert es da, wenn eine der Lieblingsbeschäftigungen germanischer Völker war, sich ausgiebigen, möglicherweise heiligen, Trinkgelagen hinzugeben, vielleicht auch um die Todesgefahr vergessen zu können, in der sie sich permanent befanden. Jedem Thing, einem demokratisch organisierten Treffen der freien Männer, ob es nun regelmäßig oder zu einem wichtigen Anlaß einberufen war, ging ein großes Trinkgelage voraus, auf dessen Höhepunkt sich alle als Brüder und verschworene Gemeinde fühlten. Die Zubereitung vergorener Getränke wie Met und Bier gehörte denn auch zu den heiligen Bräuchen und war wesentlicher Bestandteil jeder feierlichen Versammlung. Im gemeinsamen Trinken wurde eine magische Verbundenheit unter den Anwesenden, aber auch zwischen den Menschen und ihren Göttern bewirkt. Um sich bei den Gelagen keines Sakrilegs schuldig zu machen, mußten genau festgelegte Bräuche eingehalten werden. So kreisten z.B. die mit Met gefüllten Trinkhörner immer von Ost nach West, entsprechend dem Lauf der Sonne.
Bei der Erforschung der Mythen fällt auf, daß es uns Deutschen an einer eigenen Mythologie völlig mangelt. Wir besitzen die Märchen, die durch die Gebrüder Grimm, Bechstein und anderen noch rechtzeitig vor dem Vergessenwerden aufgezeichnet wurden, und viele örtliche Sagen mit mehr oder weniger geheimnisvollen Inhalten. Mythen dagegen basieren auf dem Hereinwirken göttlicher Kräfte auf den Menschen und beinhalten die damit verbundenen Energien und Ereignisse. Deshalb müssen wir festhalten, daß wir nur Reste einer deutschen Mythologie besitzen, selbst wenn die Gebrüder Grimm einen wichtigen dreibändigen Forschungsbeitrag so benannt haben. Auch die über 500 deutschsprachigen Sagen, die sie aufzeichneten, sind keine Entsprechung und kein Ersatz für die fehlenden Mythen. Über den Dialog unserer Vorfahren mit ihren Göttern wissen wir sehr wenig. Sogar unter meinen psychoanalytischen Kolleginnen und Kollegen sind häufig elementare Stellen der nordgermanischen Mythen, die uns in bescheidenem Umfang überliefert sind, unbekannt. Gewiß, es gehört dazu, von Odin, Wotan und Freya den Namen zu wissen, auch ein Donnergott Thor-Donnar ist bekannt. Doch damit erschöpfen sich häufig die mythologischen Kenntnisse. Das Fehlen einer eigenen Mythologie zeigt schmerzlich den eingeschränkten Zugang zu den religiösen Wurzeln unserer Ahnen und den Kräften unseres Unbewußten.
Als im letzten Jahrhundert eine starke Hinwendung zum Germanentum erfolgte, geschah dies häufig mit einer gewissen Schwulstigkeit und Verherrlichung alles Deutschen. In einem inflationären Ergriffensein von germanischen Inhalten wurden abenteuerliche Hypothesen über die Fähigkeiten und das Leben der Germanen aufgestellt, die sich nur durch den Enthusiasmus für Deutsches im eben erst neu entstandenen Nationalstaat erklären lassen. Der Mißbrauch, den der Nationalsozialismus mit seinem Wahn von der Rassenreinheit und der Verherrlichung alles Germanischen betrieb, was immer das auch gewesen sein mag, führte in der Nachkriegszeit zu einer schweren Lähmung in der Auseinandersetzung mit den germanischen Mythen, die wir bis heute noch nicht überwunden haben.Sich mit den Mythen der Germanen zu beschäftigen, heißt hineintauchen in eine wenig bekannte Welt, die entweder von romantischen Schwärmern vernebelt oder von Philologen und Religionshistorikern mit wissenschaftlicher Akribie besetzt ist. Die, gemessen an anderen Kulturvölkern, spärlichen Überlieferungen über germanische Kultur, die sich nach wie vor wesentlich auf archäologische Funde und einige wenige schriftliche Quellen beschränken muß, bewirken, daß nur schwerlich ein klares und umfassendes Bild über die Hintergründe der germanischen Mythen zu bekommen ist.
Ein weiteres bedeutsames Moment für das zunehmend verkümmerte Verständnis der Nachkriegsgenerationen für Bilder und Mythen liegt im erzieherischen Umfeld begründet. Die einseitig rationalistische Lebensauffassung, von der auch die christlichen Religionen miterfaßt worden sind, bringt für die Kinder ein vermindertes Angebot an Geschichten und Bildern. So werden, bei gleichzeitigem Überangebot an flachem, konstruiertem Bildmaterial der Medien, der kindlichen Psyche keine echten, aus dem Unbewußten herauswachsenden Bilder mehr eingegeben. Hilfreiche Symbole der Psyche können sich so zu einem späteren Zeitpunkt nur erschwert konstellieren. Der Trost der Märchen bleibt aus und kann auch den Träumen nicht mehr hilfreich belebende Symbole geben.
Demgegenüber läßt sich derzeit ein Phänomen beobachten, das in unmittelbarem Zusammenhang mit den Bedürfnissen des Menschen zu sehen ist: Der Hunger nach Bildern zeigt sich in den Inhalten der Computer- und "game-boy"-Spiele, die immer phantastischer werden und sich doch immer wieder an der Welt der Mythen orientieren und diese oft auch in eine ferne Zukunft übertragen. Doch befriedigen solche Bilder den Erlebnishunger aufgrund ihrer oberflächlichen Konstruktionen nicht nachhaltig und wirken deshalb nicht heilend auf die Psyche.
Eine völlig andere Beobachtung läßt sich anstellen, wenn wir uns mit den zeitlich später auftretenden Heldendichtungen (um die Jahrtausendwende) beschäftigen (z.B. Dietrich von Bern, Siegfriedsage), auch wenn diese ebenfalls im Dritten Reich ideologisch mißbraucht wurden. Sie werden den Kindern immer noch gerne vorgelesen. Wir leben in einer Kultur, die stark vom christlichen Denken geprägt ist, das von hintergründig kriegerischen Idealen durchdrungen ist. Das progressive, erobernde Abenteuer ist gefragt, das es ermöglichen soll, uns mit Helden oder Heldinnen zu identifizieren. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir im Gegensatz zu anderen Kulturen, etwa der griechischen, ägyptischen, hebräischen, indischen oder persischen, nur einen äußerst spärlich übermittelten Götter- und Schöpfungsmythos besitzen. Hinzu kommt noch der bittere Wermutstropfen, daß das überlieferte Material fast ausschließlich nordischen Ursprungs und großenteils nur fragmentarisch erhalten ist. Im südgermanischen Raum sind so gut wie keine Überlieferungen vorhanden. Bleibt der Trost, daß es vermutlich einen allgemeingermanischen Mythos nicht gegeben hat. Die germanischen Mythen sind sehr weit in die Vergangenheit abgesunken, größtenteils vergessen. Bilder der römisch-griechischen Kultur, der ägyptischen und durch die Christianisierung, die hebräisch-jüdischen Mythen der Bibel, haben in uns einen weiten Boden bekommen. Darunter liegt die Schicht der alten germanischen und keltischen Mythen, die es zu entdecken gilt.
Wenn die Bilder und Symbole der Mythen auch eine starke Aufforderung besitzen, sie zu interpretieren oder sie auf bestimmte theoretische Modelle zurückzuführen, so darf dabei nicht verloren gehen, daß sich die Mythen nicht zu diesem Zweck entwickelt haben. Sie entstanden vielmehr aus einem komplexen Prozeß: aus dem Gespräch mit den Göttern, wie es sich in Form der liturgischen Rituale ausdrückte, oder es waren Traumgesichte, prophetische Eingebungen, die in der Folgezeit den Kontakt mit der Gottheit in der Gruppe ermöglichten. Im Mythos ist "Urweisheit" enthalten, deshalb stimuliert und drängt er dazu, ihn aus der Tiefe seiner Bilder herauszuheben und in die verschiedensten Lebensbereiche und Theoriemodelle umzusetzen. Solange ein Mythos lebt, werden die Menschen, die in ihm leben, nicht das Bedürfnis haben, ihn zu interpretieren. Später, wenn er zur archäologischen Realität geworden ist, kann er wertvollste Hinweise auf den psychischen Unterbau der Menschen geben, die in seinem Kulturkreis gelebt haben und leben.
Einer der kompetentesten Mythenforscher, Joseph Campbell, verweist auf die drei Funktionen, die den Mythos für ein Volk bedeutsam machen:
Mythen rufen im Individuum ein Gefühl der Ehrfurcht hervor, das sich nicht nur auf die Gottheit beschränkt, sondern auch dessen Schöpfung erfaßt, in der die Existenz des Menschen beinhaltet ist.
Die Mythen bringen die erschaffene Lehre von der Weltordnung zum Ausdruck und führen außerdem das Individuum in die Wirklichkeit seiner eigenen Psyche ein. Auf diese Weise bekommt der Mensch Bilder, mehr noch, Symbole für sein Leben, die ihn mit den kosmischen Energien und seiner eigenen Realität in Verbindung bringen und darüber hinaus symbolhafte Formeln zur Verfügung stellen, die eine Art psychischen "Fahrplan" beinhalten. Diesen Fahrplan muß der Mensch nicht kennen, aber er lernt durch die Mythen, diesem zu vertrauen. Er gibt den Ereignissen Sinn und Ordnung, bettet freudvolle und schmerzhafte Erlebnisse in einen kosmischen Zusammenhang. Dieser psychische Bau- oder Fahrplan, für den Menschen der Frühzeit ausschließlich in der Hand der Götter angesiedelt, besitzt ein Zentrum, das im Unbewußten des Menschen angelegt, für die erforderlichen Stationen in der psychischen Entwicklung sorgt und aus dem heraus sich die Symbole dem Menschen darbieten.
C.G. Jung hat es das SELBST genannt. Aus diesem psychischen Zentrum - so können wir hypothetisch annehmen, denn es kann vorerst nicht mehr als eine Hypothese sein - kommt es durch ein großartiges und geheimnisvolles Zusammenwirken mit all dem, was den Menschen umgibt, zu den hilfreichen Symbolen, die über Ritual und Mythos auf den Menschen einwirken.
Odin ist eine Gestalt, in der sich auf seinem Weg zum Allvater der Welt göttliche und menschliche Persönlichkeitsanteile erkennen lassen. Als Gottheit repräsentiert er das göttliche Interesse am Wohlergehen der Menschen, die ohne die Inspiration der Gottheit in der Unbewußtheit verhaftet bleiben. In seinen menschlichen Persönlichkeitsanteilen verkörpert er den Weg der Psyche aus dem Unbewußten heraus zu Bewußtheit und Individuation.
Die Grundannahme, gewissermaßen das psychologische Axiom dieser Arbeit, ist die Erkenntnis C.G. Jungs, daß "die Götter unzweifelhaft Personifikationen seelischer Gewalten sind." Damit besteht keinesfalls der Anspruch, daß dies dem Wesen des Göttlichen vollständig gerecht werden könnte. Vielmehr sollen die mit der Gottheit verbundenen seelischen Phänomene unter diesem Gesichtspunkt untersucht werden. Sie machen sich zunächst in der Außenwelt und nicht im innerpsychischen Erleben bemerkbar.
Die als Götter personifizierten Gewalten sind in den Mythen sorgfältig und umfangreich charakterisiert und können in Gebet, Ritus oder sonstigen theologischen Gehalten übermittelt, lebendig gehalten und weiterentwickelt werden.
So formuliert sich auf unbewußte Weise der Archetypus der jeweiligen Gottheit, intuitiv wird sie erfaßt und im Mythos dargestellt. Die jeweilige durch die Gottheit repräsentierte, seelische Kraft wird begegnungsfähig, der Mensch kann sich mit ihr auseinandersetzen und sich ihr annähern. Erst wenn die unbewußten, bedrängenden seelischen Gewalten auch im Innern des Menschen versöhnt und schließlich integriert sind, müssen sie nicht mehr im Außen, in den Menschen seiner Umgebung verfolgt oder befehdet werden. Sobald dieser Integrationsvorgang ein befriedigendes Niveau erreicht hat, herrscht Friede.
Besonders C.G. Jung hatte sich bereits 1935 in "Wotan" zur Lage der deutschen Nation geäußert und sah in Gott Wotan einen verdrängten psychischen Inhalt wieder zutage treten, der in seiner rasenden Qualität, wie es eben einer Sturmgottheit entspricht, über Deutschland hinwegstürmte und eine neue zeitgemäße Antwort auf ihn verlangte. Diese Antwort wurde vom deutschen Volk nicht gegeben. Vielmehr ließ es sich in einer psychotisch anmutenden Weise erfassen. Das führte zu einer äußerst unheilvollen Entwicklung, an der wir noch lange zu arbeiten haben werden.
Die vielschichtige Gestalt Odins beinhaltet eine Fülle faszinierender Details und Symbole und macht ihn für eine tiefenpsychologische Betrachtung interessant. Aus den Quellen des deutschen Aberglaubens lassen sich, ergänzend zu den nordischen Mythen, in bescheidenem Umfang weitere Details gewinnen. Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß der Aberglaube sich besonders im Leben der bäuerlichen Bevölkerung gehalten hat und über die religiöse Praxis und Anschauungen der gebildeten Schichten wenig aussagekräftig ist. Immerhin lassen sich auf diesem Weg noch einige Facetten Odins freilegen, die sonst verloren wären. Folgen wir Odin, dieser zentralen Gestalt der germanischen Mythologie, auf seinem Entwicklungsweg und betrachten den germanischen Schöpfungsmythos und das Werden der Gottheit vom schamanischen Naturgott zum Allvater mit monotheistischen Ansätzen, der sein Volk als Sturmgott ebenso erfaßte, wie er es als Zauber- und Orakelgott und als Wesen tat, das sich zur Erlangung höherer Kulturgüter selbst opferte. Es sind nur wenige Quellen, die uns wesentliche Anhaltspunkte geben und sich zum intensiveren Studium der germanischen Mythen heranziehen lassen:
Die "Völuspa" ("Der Seherin Gesicht" oder "Die Weissagung der Seherin"), wie diese Verse heißen, ist ein Teil der Älteren Edda und erzählt vom Werden und Vergehen der göttlichen Welt. Es gibt noch weitere Versdichtungen, doch enthalten diese meist nur zusätzliche Details und können die Völuspa nur ergänzen.
Die "Gylfaginning", auch Prosa-Edda genannt, ist eine Prosadichtung, die Snorri Sturluson um 1222 n. Chr. in Island verfaßte. Dies geschah zu einer Zeit, als Island durch einen Beschluß auf dem Allthing, dem großen Treffen der isländischen freien Männer, im Jahre 1000 nach Christus bereits über 200 Jahre christianisiert war.
Beim Studium dieser Schriften besteht ständig die Gefahr, in den vielen Unklarheiten und Widersprüchen, mit denen die Texte durchsetzt sind, stecken zu bleiben. Damit erschwert sich der Zugang zur Mentalität der Germanen und der Inhalt der Mythen bleibt auf unvermeidlich oberflächliches Interpretieren beschränkt. Die Geheimnisse ihrer Religion, ihres Wissens um Leben und Tod, ihr Zugang zur Anderswelt und zu den höheren Welten und die damit verbundene Mysterienpraxis, bleibt weitgehend verborgen und im dunkeln.
Die überlieferten Runeninschriften sind für die Forschung ebenfalls nur teilweise hilfreich, da sie aus einer relativ späten historischen Schicht stammen, die etwa ab unserer Zeitrechnung anzusiedeln ist. Diese Schriften haben außerdem fast ausschließlich der magischen Praxis gedient. Da uns gerade diese Praktiken weitgehend unbekannt sind, bleibt ihr Aussagewert beschränkt.
Im hier vorgelegten Versuch wird die Interpretation ausgehend von Material gewagt, das Snorri in der Edda niedergeschrieben hat. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf die Übertragung der altnordischen Begriffe und Namen gerichtet, da sich in ihnen das Wesen der Dinge auf symbolische Weise oft besser und klarer darstellt, als wir dies mit unserem heutigen abstrahierenden Denken gewohnt sind, in dem Namen meist nur noch operationalen Begriffen entsprechen. Die Wichtigkeit der Namen in den alten Zeiten läßt sich daran erkennen, daß es noch im frühen Mittelalter üblich war, bei einer Begegnung den eigenen Namen möglichst nicht zu nennen, solange das Gegenüber noch unbekannt war; drohte doch die Gefahr, daß der Fremde mit Hilfe magischer Praktiken Einfluß ausüben könne.
Im Namen waren früher selbstverständlich die Qualitäten seines Trägers beinhaltet, die sich entweder auf seine physischen oder psychischen Qualitäten bezogen oder Auskunft über seine Herkunft oder seinen Stand gaben. Demgegenüber ist heute der Name nur noch Index, eine Stelle im Alphabet und oft sogar nur noch Personalnummer.
Auch wenn die Sprache Snorris für uns heute häufig holprig und manche Details wenig poetisch ausgestaltet sind, hat er in seinen Bildern versucht, die Welt Odins zu bewahren und zu überliefern - die nachfolgend ausgewählten Mythen werden hier möglichst genau entlang dem überlieferten Text von Gylfaginning und Edda nacherzählt und auf die wesentlichen Elemente reduziert.

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