Raben über der Autobahn

...
21. August / plus 20 Tage

Zum letzten Mal hatte ich dieses Gefühl, wissentlich und hilflos das Falsche zu tun, als ich mit 28 Jahren das Angebot von Professor Dr. Dr. Alphons Brommert annahm, über "Die plattdeutschen Liedformen des 18. Jahrhunderts" zu dissertieren.
Mit der Diss war klar, daß ich mich selbst auf ein rostiges Abstellgleis geschoben hatte, und meine Fahrt in einem Schuppen enden würde, den man (welch ein Euphemismus!) auch Elfenbeinturm nennt.
Meine Lebenslüge, zweigleisig zu fahren (einerseits die Butter auf dem Brot: Uni-Karriere, andererseits Schlagsahne: Theaterkritik), diese Schonlüge glaubte ich mir von Stund an selbst nicht mehr. Das Schauerliche an meiner Situation damals war, daß ich die Falle sah, und sie betrat. Eine Situation, die ich sonst nur aus Alpträumen kenne: Man sieht den Abgrund und muß weitergehen.
Und gestern geschah es das zweite Mal. Ich wußte, daß ich eine Annäherung an Nele nicht zulassen durfte. Nicht vor Kriegsausbruch. Liebe, oder nur Sex, wird meine Chancen schmälern, auch nur ein paar Schlachten des Krieges zu gewinnen.
Ich war nicht oft, aber oft genug verliebt, um die Wirkung wildgewordener Hormone zu kennen.
Im Zustand akuter Verliebtheit habe ich ein Auto zu Schrott gefahren. Schon das sollte mich warnen.
Meine anfängliche Sprödigkeit gestern Abend, die doch nur das Resultat der angezogenen Vernunftsbremse war, meine Sprödigkeit verstand sie als wohltuende Zurückhaltung. Aha, wird sie sich gesagt haben, er ist anders, der legt lieber Nachdruck auf seine Argumente und nicht gleich die Hand auf den Oberschenkel. Daß sie ihre Lippen in feuchtes Karminrot getaucht hatte, daß ihre Bluse auch bei unangestrengter Betrachtung schönste Durchsichten gewährte, daß sie mehr lächelte als es freundliche Kommunikation erfordert hätte - all das hätte mich rechtzeitig in die Flucht schlagen müssen.
Ich schätze, bis kurz vor Mitternacht hatte ich noch eine Chance.
Ab dann nicht mehr.

Ich blieb, beziehungsweise nötigte sie zum Bleiben. Wir tranken den 65er Burgunder, den noch mein Vater eingelagert hatte. Ich servierte, garniert mit den süffigsten Geschichten aus meiner WG-Zeit in den frühen Siebzigern, eines meiner zwei Renommiergerichte: Knofi-Risotto mit wildem Reis, eingelegte Pepperoni, Erbsen, Speck - alles mit viel Parmesankäse überbacken.

Ich muß gegockelt haben wie ein Pennäler, interessierte mich brennend für vorpubertäre Lese- und Rechtschreibschwächen bei Mittelschichtkindern und den XYZ-Erlaß des Niedersächsischen Kultusministeriums. Und sie fand selbst noch die Grammatik der mittelhochdeutschen Frömmigkeitsdichtung interessant. Wir vermieden wie auf Verabredung, uns unsere Wunden zu zeigen. Kein Wort über Öko. Kein Ruch von Pest. Ich weiß nicht, wer von uns beiden ausgehungerter war, sie oder ich. Vermutlich ich. Ab irgendwann (zwei Uhr ... drei?) ging dann alles sehr schnell. Verrückt, daß man(n) schon (... schon???) mit 44 auf etwas stolz ist, das einem in den Zwanzigern und Dreißigern so selbstverständlich war wie die Zuverlässigkeit der Verdauung.


...
Die dutzend Dinge, die man tut: sich auf einen federnden Ast ducken und das Hochschnellen des Zweiges als Starthilfe nutzen, mit geöffnetem Schnabel fliegen, um die Tautropfen des Nebels zu trinken, die Schwingen starr in den Wind halten und nur mit dem großen Federkeil steuern ... all die Dinge eines Rabenalltags verstanden sich nicht mehr von selbst. Der große schwarze Begleitschatten fehlte, ließ sich nicht herbeirufen, so sehr sie auch seinen Rabenbaß imitierte.
Seine Lieblingssitze waren leer, die Eiche mit der kahlen Krone, die große Buche, die sich schwer in den Wind gelegt hatte, nachdem man ihr den umgebenden Windschutz weggeschlagen hatte, der Zaunpfahl am Wiesenende, Lieblingswarte auch von Bussard und Milan, gerade dort wo die Ahrberg Westflanke an Grünland stößt. Das "Klong Klong" fiel ins Leere, rieselte durch die Buchendome, verfing sich in den taunassen Spinnetzen der Sudermühler Heide.
Die Zeichen, die Gewißheit geben können, waren nicht lesbar für eine Rabin: Fast im Zentrum der verwachsenen Kieskuhle, direkt an der Autobahn, lag ein wüster schwarzer Federhaufen. Zwei Elstern balgten sich um das bißchen Fleisch, das noch an den Knochen hing. Zu wenig, als daß ein Fuchs die Reste verteidigen würde. Zuviel, um ungenutzt zu verwesen. Was die Elstern übrig ließen, würden die Waldameisen holen, in langen Expeditionen. Spätestens die Augustwinde würden die Federn zerstreuen, der Novemberregen die Stätte abgewaschen haben.
Die Rabin spürte eine Schwäche, wie sonst nur an langen, hungrigen, kalten Wintertagen. Die Notdurft, fressen zu müssen, verdrängte die Antriebslähmung, durchbrach die Stereotopie, die sie im Kreis dirigierte, von der kahlen Eiche, zur schiefen Buche, zum Zaunpfahl, dessen weiß-kalkige Haube noch aus großer Höhe zu erkennen war.
Die Rabin wählte die leichteste Quelle. Im Frühlicht saß sie auf der Garbers-Scheune, wie eine große Krähe unter Krähen, den Kopf dem Dorfbach zugewandt, dessen Feldsteinkorsett man vor einigen Jahren etwas gelockert hatte. Alle warteten stumm. Schließlich kamen die Schreie, kurz hintereinander. Wenig später spukte das Rohr, nur schlecht von überhängenden Weiden getarnt, Blut in die schmale Aue.
Ehe die Rabin zur Stelle war, tauchten zwei Ratten auf und stürzten sich besinnungslos in die rote Brühe. Die dampfte und verteilte sich fettäugig im Bachwasser. Wenig später ploppten die ersehnten dicken Fettfetzen durchs Rohr. Die Rabin schluckte drei, vier. Vertrieb mit kurzen, trockenen Hieben zwei Ratten, hielt ein paar Krähen auf Distanz. Dazu reiche ihr jeweils eine kaum angedeutete Ausholbewegung mit dem Schnabel. Jede Krähe versteht ein wenig rabisch.
Dann erhob sich di e Rabin, zog einen weiten Bogen über dem Dorf. Über dem Kirchturm ließ sie sich von einem beständigen Ostwind fassen und abtreiben, weit über die Reviergrenzen hinaus. Flügelträge und leer, trotz des gefüllten Magens, segelte sie über den Töps, das Grenzgebiet, das die anderen beanspruchten. Aber die anderen waren offenbar noch nicht auf den Flügeln.
Als sie erwachte aus dieser seltsamen Flugmonotonie, packte sie eine Unruhe, die unmittelbar in die Flügel ging! Tief am Boden, den Wind unterfliegend, mußte sie zurückrudern.
Als die Sonne aufging, saß sie auf dem Pfahl, den ihr Rabe in sechs langen Jahren weiß gefärbt hatte. Sie saß schon eine Weile, versunken in die Betrachtung der Muster, die der Morgenwind in ihre Pluderhosen blies, als ein aufrechtes Tier vorbeikam, auf ein grünes, rasselndes Etwas gekrümmt. Die aufrechten Tiere waren nicht besonders aufregend, nur dieses tauchte plötzlich an einer Stelle auf, an der es normalerweise keine aufrechten Tiere geben konnte. Nicht hier und schon gar nicht bei Sonnenaufgang. Die Rabin flog kurz auf, sah das aufrechte Tier in seinem Lauf verhalten, sich von dem Etwas trennen, das mit ihm lief.

...