Rauhnächte

Inhalt:

Die Rauhnächte
Der Graf und die Schwanenjungfrau
Brauchtum und Aberglaube der Rauhnächte
Ein Reiter in den Zwölften
Der Rauhnachtspuk
Der Weihnachtsjäger
Der Wode
Brauchtum und Aberglaube der Heiligen Nacht
Knecht Ruprecht
Der Teufel kommt in der Christnacht
Die Christnachtzecher
Die Bräutigamschau
Das Fräulein auf der Hochburg
Die redenden Pferde
Kraft des Johannessegen
Brauchtum und Aberglaube zu Silvester
Der Nußkaspar
Das Haus der Meerfrau
Die Geisterversammlung in der Silvesternacht
Brauchtum und Aberglaube zum Dreikönigstag
Das ausgeblasene Licht
Der eiserne Handschuh
Frau Berchta und die Kinder
Frau Holles Apfelgarten
Holunder tut Wunder
Frau Frigg im märkischen Heideland
Die Taube mit dem goldenen Stühlchen
Frau Holle und der Kinderzug
Frau Holles Wagen
Die Holundermutter
Frau Berchtas Auszug
Der Kräuterdieb
Literaturverzeichnis

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Die Rauhnächte

Die Rauhnächte oder Zwölften, wie die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag am 6. Januar auch genannt wird, ist eine Zeit der Geister und Seelen. Vielfältiges Brauchtum, Orakel, Magie und Aberglaube rankt sich um diese Tage und Nächte.
Durch die Lüfte braust die Wilde Jagd, geführt vom Wilden Jäger, dem Wode und dringt in die Häuser, wenn Türen und Fenster nicht gut verschlossen sind. Versunkene Schlösser und Schätze steigen empor, Zwerge kommen zu Besuch und müssen bewirtet werden. Fremden Tieren ist in dieser Zeit nicht zu trauen, weil die Hexen oft ihre Gestalt annehmen.
Die Zeit der Sonnwende, des Wechsels hat die Menschheit schon immer beeindruckt und beschäftigt. Schon in vorchristlicher Zeit wurde die Wintersonnwende als Geburt der Sonne gefeiert.
Diese Tatsache nutzten die christlichen Missionare für ihr Tun. Sie feierten die Geburt Christi (der historische Jesus von Nazareth kam nicht am 24.12. zur Welt) als die auf die Erde gekommene Sonne.
Diese Zeit des Wechsels war und ist eine Zeit des Kampfes des Lichts mit der Finsternis, des Guten mit dem Bösen.
Und in Märchen und Sagen ist die Erlösung der verwunschenen Prinzessin oder das Ende der langen Suche oft nur in einer dieser besonderen Nächte möglich.

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Brauchtum & Aberglaube
der Rauhnächte, Zwölften, Heiligen Nächte, Lostage

Wer in dieser Zeit eine Tür laut zuschlägt, der hat im Sommer den Blitz zu befürchten.

Alles Ackergerät muß unter Dach sein, kein Backgerät oder Holz darf vor dem Ofen liegen bleiben.

Vor diesen Tagen soll alles was verliehen wurde, wieder im Hause sein und Geliehenes soll man zurückbringen. Wer dies nicht tut, ist eine Hexe.

Wer in diesen Tagen Nägel oder Haare schneidet, bekommt böse Finger und wird unter Kopfschmerzen leiden im nächsten Jahr

Wer in diesen Tagen am Morgen aufsteht und pfeift, hat Unglück zu erwarten.

Wer einen Apfel oder eine Nuß vom Erdboden aufnimmt, bekommt einen bösartigen Ausschlag.

Wer auf ein Zwirnknäuel am Weg tritt, wird aussätzig.

Jegliche Beschäftigung mit Flachs ist aufs Strengste verboten, man soll nicht Flachs brechen oder spinnen, noch Flachs auf dem Rocken lassen, sonst jagt der Wode hindurch und Frau Holle (Berchta, Perchte) zürnt, die Schafe bekommen die Drehkrankheit, die Kinder lernen das Sabbern, Ratten, Mäuse, Flöhe und Kröten kommen ins Haus.

Mit einem Besen, der an jedem Tag in dieser Zeit ein wenig weitergebunden wird und am Dreikönigstag fertiggestellt ist, kann man Raupen aus dem Kohl treiben; er schützt gegen alle Hexerei und bringt dem Vieh Gedeihen. Legen die Hühner Eier ohne Schale, so müssen sie durch solch einen Besen gefüttert werden; wurde das Vieh behext, so läßt man Wasser durch den Besen laufen und gibt es dann dem Vieh zu saufen. Wer mit solch einem Besen am Ostermorgen alle Ecken im Haus kehrt, dessen Haus bleibt von allem Ungeziefer verschont.

Elstern, die in den Rauhnächten geschossen werden, sollen zu Pulver verbrannt werden. Das hilft gegen das kalte Fieber.

Wer Erbsen oder Hülsenfrüchte in dieser Zeit zu sich nimmt, bekommt Krätze, Geschwüre oder Ungeziefer und stirbt im nächsten Jahr.

Die Träume der zwölf Nächte erfüllen sich in den entsprechenden Monaten des Jahres. Träumt man vor Mitternacht, so erfüllt sich dies in der ersten Hälfte des Monats, Träume nach Mitternacht am Ende des Monats.

So viele Knöpfe einem an einem Kleidungsstück fehlen in dieser Zeit, so viele Geldstücke werden einem im Jahr gestohlen.

Stirbt jemand in den Zwölften, so werden im folgenden Jahre zwölf Leichen aus dem Orte folgen müssen.

Wenn in den Zwölften viel Wind geht, sterben im folgenden Jahr viele alte Frauen.

Wenn die Eiszapfen in den Rauhnächten lang sind, wird auch der Flachs lang.

Gibt es zu dieser Zeit viel Nebel, gibt es ein nasses Jahr, ist es hell und klar, ein trockenes.

Reif in der Zeit der Rauhnächte bedeutet ein fruchtbares Jahr und viel Obst, ebenso Eisblumen am Fenster und viel Schnee an den Bäumen.

Die zwölf Heiligen Tage von Weihnachten bis Dreikönig heißen die `zwölf Lostage´. Wie das Wetter sich an diesen Tagen verhält, so wird es in den zwölf folgenden Monaten sein und zwar in der Art, daß immer sechs Stunden die Witterung eines Viertelmonats anzeigen.
Man muß am Weihnachtsabend mit diesen Beobachtungen beginnen, macht zwölf Ringe auf ein weißes Papier und teilt jeden Ring durch ein Kreuz in vier Teile. Sind nun die ersten sechs Stunden hell und sonnig, so bleibt das erste Viertel des Kreises leer und weiß, und das bedeutet einen trockenen Viertelmonat. Ist das Wetter aber trüb, dann wird das erste Viertel des Kreises überzeichnet und dunkel gemacht, was einen nassen Viertelmonat anzeigt. Ebenso zeichnet man alle übrigen Kreise. Andere schreiben hinein: "trüb, hell, naß oder kalt."
Der 6. Januar ist der dreizehnte Tag und der entscheidet zuletzt, ob die Wetteranzeige der zwölf Lostage richtig ist und wirklich eintreffen wird. Ist das Wetter an diesem Tage trocken, so sind die Lostage gültig; gibt´s aber Schnee oder Regen, so sind sie verworfen und ungültig.

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Frau Holles Apfelgarten

Es geschah einmal, daß im Garten der schönen Frau Holle die Apfelbäume nicht mehr gediehen.
Nun lebte aber unten auf der Erde eine alte Frau und deren Apfelbäume standen im Frühling in herrlicher Blüte und wenn der Herbst kam, senkten sich die Äste voll reifer Äpfel.
Da sprach die schöne Frau Holle zu ihrem Liebsten, dem Junker Tod: "Reite hinab zur Erde und hole mir die Alte herauf. Sie hat nun lange genug auf der Erde gelebt, und es wird Zeit, daß sie zu uns zurückkehrt."
Und so ritt der Junker Tod hinab zu der Erde, klopfte bei der Alten und sprach zu ihr: "Du hast nun so lange auf der Erde gelebt und meine Liebste, die schöne Frau Holle will dich bei sich haben, denn in deren Garten gedeihen die Apfelbäume nicht mehr. Deshalb soll ich dich abholen, daß du sie dort pflegst."
Nun hatte die Alte aber überhaupt keine Lust, die Erde jetzt schon zu verlassen, und sie sprach zum Tod: "Dann hab' ich jetzt auch noch eine Bitte: Laß uns noch einmal Karten spielen. Weißt du, ich habe am Kartenspiel immer eine Freude gehabt. Und wir machen es so, gewinne ich, dann mußt du mich hier lassen, gewinnst du, darfst du mich mitnehmen."
Der Tod war einverstanden und dachte, daß er die Alte im Kartenspiel leicht besiegen könnte. Er wußte aber nicht, daß das Haus der Alten an einer Heerstraße lag, und die Alte immer mit den Landsknechten Karten gespielt hatte. Sie kannte alle Kniffe. Die Alte mischte die Karten und gewann. Der Junker Tod runzelte die Stirne und sprach: "Laß uns noch einmal spielen."
Dieses Mal mischte er die Karten. Aber siehe, wieder gewann die Alte, und der Junker Tod sprach: "Jetzt laß uns noch einmal spielen!"
Die Alte erwiderte: "Gut, aber mehr als drei Spiele werden nicht gespielt. Das ist immer der Brauch. Über die Zahl drei gehen wir nicht hinweg."
Also spielten sie das dritte Spiel. Wiederum gewann die Alte, und sie sprach zum Junker Tod: "Geh nur allein hinauf, was gehen mich die Apfelbäume deiner Liebsten an, mir gefällt es noch in meinem Garten und hier auf der Erde."
So ritt der Junker Tod traurig hinauf in den Garten der schönen Holle. Als er nun allein kam, da zürnte diese mit ihm und sprach: "Du darfst so lange mein Lager nicht mehr mit mir teilen, bis du mir die Alte heraufgebracht hast."
Nun kamen die zwölf Heiligen Nächte und der Junker Tod wußte, daß in diesen Nächten jedem die Türe geöffnet werden mußte und sei es auch der größte Feind. Und so setzte er sich nun auf sein Pferd und ritt wieder hinab zu der Alten und pochte an die Tür. Die Alte öffnete. Sie war jedoch nicht sehr erfreut, als sie den Tod schon wieder sah, aber was wollte sie machen, es waren die zwölf Nächte, und da mußte ja jedem die Türe geöffnet werden.
Der Junker Tod sprach: "In diesen zwölf Nächten hat jeder einen Wunsch frei, und so habe ich nun den Wunsch, setze dich hinter mich auf mein Pferd, reite mit mir bis zur Gartenpforte meiner Liebsten und schau hinein. Und ich verspreche dir, wenn du nicht dort bleiben willst, werde ich dich wieder zurückbringen."
Die Alte sprach: "Gut, ich kann dir diesen Wunsch nicht abschlagen, aber du mußt es mir jetzt auch schwören, und du weißt ein Schwur, ein Eid in den zwölf Nächten ist zwölffach wert."
Und der Junker Tod, der schwor, daß er sie wieder zurückbringen würde zur Erde, wenn es ihr nicht gefallen würde. Die Alte setzte sich nun hinter den Tod aufs Pferd, und sie ritten hinauf in den Paradiesgarten.
Dort öffnete der Tod das Tor einen Spalt und sprach: "Schau einmal hinein."
Die Alte schaute durchs Tor, und da sah sie die schöne Holle und die hatte eine Krone auf aus lauter Sternen, und sie war umgeben von lauter schönen jungen Mädchen. Aber die Apfelbäume, die sahen kläglich aus.
Da fragte der Junker Tod die Alte: "Wie gefällt dir denn der Garten, wie gefällt dir meine Liebste."
"Ja, sie gefällt mir schon, aber siehst du, sie ist umgeben von lauter jungen Frauen, und schau doch mal an, wie alt und runzlig ich bin."
Da sprach der Tod zu ihr: "Ja, weißt du denn nicht, wenn dich meine Liebste berührt, dann wirst du auch wieder jung und schön".
"Ja," zürnte da die Alte, "weshalb sagst du mir denn das nicht gleich und läßt mich noch drei Mal mit dir Karten spielen."
Und sie sprang hinein durch das Tor, die schöne Holle berührte sie, und da war die Alte wieder jung und schön geworden.
Dann aber machte sie sich an die Pflege der Apfelbäume, und seither gedeihen die Apfelbäume im Garten der Holle immer wunderbar.