Das Lächeln des Regenbogens

Als der Morgen sich träge und schwer über dem Dorf beim Alten Wald ankündigte, ahnte noch niemand, daß gerade heute ein Mädchen zu einer abenteuerlichen Reise aufbrechen würde, die das Leben aller verändern sollte.
Müde und matt, zerschlagen von einer traumlosen Nacht, gingen viele Menschen auch an diesem Tag wieder zu ihrer Arbeit. Sie sprachen kaum ein Wort miteinander und tauschten nur hastige Blicke. Sie alle hatten den fremden Herrschern ihre Träume gegeben und sich den neuen Gesetzen gebeugt.
Und wer die Träume besitzt, der hat die Macht ...

*

"Nie!" keuchte Ayala immer wieder und rannte dabei so schnell sie konnte, in den diesigen Morgen hinein. "Niemals!" Dazu würde sie sich nicht zwingen lassen.
Sie blieb stehen, als sie die ersten Bäume des Alten Waldes erreicht hatte und sah zurück zum Dorf. Niemand war ihr gefolgt. Aufatmend lehnte sie sich gegen die moosüberwucherte Seite einer dickrindigen Buche. Ihr hastiger Atem und das heftig pochende Herz beruhigten sich.
Dann begann sie zu weinen.
In Ayala wuchs die Traurigkeit und breitete ihre dunklen Flügel aus. Sie ließ sich ins taufeuchte Gras sinken.
Die ersten Strahlen der Morgensonne brachen wie ein goldener Fächer durch die Kronen der hohen Bäume. Ayala sah zu, wie das Licht unentschlossen zwischen den Ästen und Blättern flirrte. Sie genoß den wärmenden Glanz.
Dann schüttelte das Mädchen entschieden den Kopf. "Nein! Nicht mit mir!" Ayala sah sich um. Irgendwo hier im Alten Wald mußte der Zauberer Wittov wohnen. Großmutter hatte oft von ihm erzählt. Er würde sicher einen Rat wissen. Auf einem kleinen, kaum erkennbaren Pfad, der sich zwischen mächtigen Bäumen hindurchmogelte und oftmals von dichtem Gebüsch verdeckt war, ging sie vorsichtig weiter. Geradewegs hinein in den geheimnisumwitterten Alten Wald.

*

Schon lange irrte Ayala auf dem verschlungenen Weg durch den kühlen Schatten des wild wuchernden Waldes. Sonderbar duftende, nie gesehene Pflanzen wiegten sich geräuschlos im flüsternden Wind oder rankten sich um dicke Äste. Über umgestürzte, modernde Baumriesen mußte Ayala klettern, und oft zuckte sie zusammen, wenn irgendwo im Unterholz ein trockener Zweig knackte oder ein Vogel im Gebüsch raschelte.
Der Wald war riesengroß.
Und dann wurde es Abend.
Und schließlich Nacht.
Ayala hatte Mühe, nicht vom Weg abzukommen, denn das dichte Dach der Äste, Zweige und Blätter ließ das glänzende Funkeln des Nachthimmels nur spärlich bis auf den weichen Waldboden gelangen. Als sich der schmale Pfad wieder einmal teilte, blieb sie erschöpft stehen.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Ayala nicht plötzlich eine fremd klingende, aber deutliche Stimme vernommen hätte: "Ayala! Ayaalaah?"
Ihr stockte der Atem. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und wagte keine weitere Bewegung.
"Geh den Weg nach links! Vorbei am kleinen Weiher. Bei den großen Weiden, zwischen den Felsen, dort, wo die vielen Quellen sprudeln, da findest du den Zauberer Wittov."
Die Stimme klang nicht unfreundlich. Dennoch zitterte Ayala vor Angst. Niemand im Dorf wußte von ihrem Entschluß, den Zauberer Wittov zu suchen. War ihr jemand heimlich gefolgt? Vorsichtig tasteten ihre Augen das schemenhafte Dunkel ab. Nirgendwo konnte sie jemand entdecken.
"Hier bin ich, kleine Nachtprinzessin", hörte Ayala die Stimme wieder und starrte verwirrt in die Dunkelheit. ""Ja, hier, auf der dicken Eiche. Keine zehn Schritte von dir entfernt."
Nun konnte Ayala zwar die knorrige Eiche erkennen, aber ansonsten sah sie nichts und niemanden.
"Du mußt schon ein wenig genauer hinschauen." Die Stimme klang ein wenig ungeduldig.
Ayalas Blick streifte vorsichtig über die Äste der Eiche. Und nun sah sie den weichen Schatten eines Vogels.
"Ja, Ayala", ließ sich die geheimnisvolle Stimme wieder vernehmen. "Ich bin es, der zu dir spricht. Der Kauz aus dem Alten Wald." Das Mädchen atmete erleichtert auf. Es verwunderte sie nicht einmal, daß dieser Kauz sprechen konnte, ihren Namen wußte und ihre Gedanken erriet.
"Wer hat dir verraten, wohin ich will?" fragte sie und ging wie im Traum auf die Eiche zu. "Natürlich willst du zu Wittov! Weshalb solltest du wohl sonst in tiefer Nacht hier herumirren?" gab der Kauz ärgerlich zurück. "Ich weiß eben, was ich weiß! Und außerdem kann ich noch immer zwei und dreieinhalb zusammenzählen!"
"Und woher weiß ich", wollte Ayala weiter wissen, "ob dieser Weg auch der richtige ist?"
Der Kauz krächzte kurz auf. Dann brabbelte er beleidigt: "Woher, woher? Bitte, geh doch den anderen Weg. Mitten hinein in den Alten Wald. Wundere dich aber nicht, wenn du von dort niemals mehr zurückfindest. Glaub mir oder glaub mir nicht und geh den Weg oder geh ihn nicht!"
Er plusterte sein Gefieder auf und sah aus wie ein Ball aus Federn. Er schüttelte sich, kauzte nochmals laut auf und flog hinein in die Dunkelheit, ohne Ayala eines weiteren Blickes zu würdigen.
Weg war er!
Was nun?
Nach kurzem Zögern wählte Ayala den Weg, den der sonderbare Vogel beschrieben hatte. Schon nach wenigen Schritten kam sie tatsächlich an einen kleinen Teich. Der mittlerweile hoch am Nachthimmel stehende Mond badete darin, und sein schimmerndes Spiegelbild lächelte Ayala zu. Sie ging weiter und fand, ohne lange zu suchen, die großen Weiden. In der Nähe einiger Felsen sprudelten viele kleine Quellen und murmelten leise vor sich hin. Dazwischen entdeckte sie eine bescheidene Hütte. Aus den kleinen Fenstern strahlte ein freundliches, warmes Licht.
Ayala ging darauf zu.
Wittov saß neben seinen Kesseln. Eine flackernde Petroleumlampe ließ Schatten an den Wänden tanzen. Sehr freundlich sah der Zauberer nicht aus, fand Ayala, als sie verstohlen in die Hütte blickte. Das lange Haar war zerzaust und ein borstiger Bart reichte ihm bis auf die Brust. Wittovs Gesicht war voller Runzeln und Falten. Die Augenbrauen hatte er mürrisch zusammengezogen. Er schien etwas vor sich hinzumurmeln.
...