Schlaf und Traum


Inhalt

Einführung
Die Traumbuche
Der schlafende Hof
Der goldene Dragoner
Vom Prior, der 308 Jahre geschlafen hat
Brauchtum und Aberglaube zum Schlaf
Die Boten des Todes
Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen
Wie Karlsruhe entstand und zu seinem Namen kam
Der Faulkönig
Die Erweckung der schönen Dörte
Brauchtum und Aberglaube zum Alptraum
Das Schrattweible von Oberstdorf
Wie ein Alp geheilt wurde
Der glückliche Martin
Der Mann, der nicht schlafen konnte
Des kleinen Hirten Glückstraum
Vom weißen und vom roten Kaiser
Der rettende Traum
Brauchtum und Aberglaube zum Traum
Die drei Träume
Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz
Der Traum des Oenghus
Literaturverzeichnis

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Einführung

Der Schlaf und mit ihm die Träume, gehören zu den elementarsten und eigenartigsten Erfahrungen jedes Menschen in jeder Kultur. Seit der Mensch sich seiner selbst bewusst ist, rätselt er über seinen Schlaf und die Träume, welche zu ihm kommen.
Lange Zeit glaubte man, dass die Seele das Organ der Kraft sei und der Sitz der Weisheit, von der der Mensch all sein Wissen erhält. Wenn er schläft, das Leben ihn scheinbar verlassen hat, ist die Seele des Menschen aus ihm entwichen und schweift frei umher, oft in Gestalt eines Schmetterlings oder eines anderen geflügelten Wesens. Beim Erwachen kehrt die Seele in ihn zurück und bringt ihm die Erfahrungen mit, die sie unterdessen gesammelt hat. Aus diesem Grund ist manch einer nach dem Erwachen klüger als vor dem Einschlafen.

Der Schlaf ist die Nabelschnur, durch die der Mensch mit dem Kosmos verbunden ist, und die Urweisheit des Lebens offenbart sich ihm im Traum.
Nicht ohne Grund hat man Märchen einen wachen Traum des naiven Menschen genannt. In Träumen und Märchen wurde ein verborgener Reichtum an Sinnbildern durch die Zeiten getragen und von Generation auf Generation überliefert.

In der Antike war Hypnos (griech.: der Schlaf) der Gott
des Schlafes. Er war der Sohn der Nyx (die Nacht) und
der Bruder des Thanatos (der Tod). Hypnos war einer der mächtigsten Beherrscher des Weltalls, denn ihm unterlagen Götter und Menschen. Kein Auge blieb offen, wenn er die Tropfen des Vergessens (Lethetropfen) darauf sprühte oder mit seinen Fittichen einen sanften, schlummerkräftigen Hauch darüber hinwehte.
Hypnos hatte vier Kinder, die Traumgötter Phantasus, Morpheus, Icelus und Phobetor, welche aus seinem Palast bald durch die dunklen bald durch die hellen Pforten zu den Menschen gingen und ihnen entweder düstere oder freudige Träume brachten.

In der Odyssee sagt Homer über die Träume:
"Denn es sind zwei Pforten der schwankenden Träume:
Eine von Elfenbein gemacht, von Horn die andere;
Welche nun durch die elbenbeinerne Pforte hervorgehen,
Das sind Täuschungen nur und trügerische Gebilde;
Die aber aus der glatten und hornenen Pforte hervorgehen,
Die erfüllen sich wirklich dem Sterblichen, der sie geschaut hat."

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Brauchtum & Aberglaube zum Schlaf

Das Bett sollte stets so aufgestellt werden, dass der Schlafende aus dem Zimmer hinausschauen kann. Außerdem sollte es vor Mondschein geschützt sein, denn man glaubte, wenn eine Frau im Mondlicht geschwängert wird, bekäme sie blöde oder mondsüchtige Kinder.

Am Neujahrstag soll man nicht schlafen - sonst ist man das ganze Jahr hindurch müde.

Beim Einschlafen soll man auf der rechten Seite liegen, weil so die unreinen Dinge leichter vom Magen in den Darm gelangen können.

"Wer schläft, der sündigt nicht", sagt ein Sprichwort, aber auch "Es schlafen nicht alle, die da schnarchen."

Wenn man früh morgens nicht verschlafen will, so stoße man vor dem Einschlafen mit der großen Zehe des rechten Fußes so viel mal an das Bettende, als die Uhr beim Erwachen zeigen soll; einen Strich mit der Zehe macht man, wenn eine halbe Stunde angedeutet werden soll. Vor allem wird der hl. Veit angerufen:

Heiliger St. Veit,
Weck mich auf zur rechten Zeit,
Dass ich mich nicht verschlafe
Und zur rechten Zeit erwache.

Musste man nachts schlaflos ständig an jemand denken, so sollte man rasch das Kopfkissen umdrehen, dann würde der oder die andere an einen denken.

Gegen Schlaflosigkeit wurde eine Mixtur aus Milch, Eiweiß und Rosenwasser auf die Stirn gestrichen. Auch wurde empfohlen, frisches Dillkraut unter das Kopfkissen zu legen, allerdings ohne Wissen des Betroffenen.

Als unfehlbares Schlafmittel wurde auch Hechtschmalz empfohlen, sowie der Schmutz aus den Ohren einer Eselin, den man sich auf die Stirn streichen sollte. Auch der Tee der Schafgarbe galt als gutes Schlafmittel, und Kranke sollten Schlaf finden, nachdem man ihnen Widderhorn zu essen gegeben hat.

Nach Plinius sollte man sich bei Schlaflosigkeit einen in Eselshaut genähten Reiherschnabel vor die Stirn binden.

Schlaf ist den Kranken eine halbe Gesundheit und eine Stunde Schlaf vor Mitternacht ist besser als deren zwei danach.

Finden kleine Kinder keinen Schlaf, so soll man ihnen Tannenzapfen unter das Kopfkissen legen.

Gegen die Schlafsucht half es, wenn man frisches Wasser aus einem aus Serpentin gefertigten Becher trank.

Schlechter Schlaf wurde oft auf Töpfe zurückgeführt, die nachts ohne Deckel geblieben waren. Aber auch mit Taubenfedern gefüllte Kissen erlaubten angeblich weder einen ruhigen Schlaf noch einen ruhigen Tod. Und wollte man jemand, den man nicht mochte, einen schweren Traum verschaffen, so legte man ihm nach Möglichkeit ein Bockshorn unter das Kopfkissen.

Wer im Schlaf redete, dem empfahl man, einen Knochen aus dem Beinhaus eines Friedhofs unter sein Kopfkissen zu legen.

Wer bei einem Unwetter und Gewitter im Hause schläft, den soll man schlafen lassen. Vor allem das jüngste Kind soll man nicht aufwecken, denn solange es schläft, wird der Blitz nicht in das Haus einschlagen.

Der "Schlafdaumen" (das ist der linke Daumen eines Verstorbenen, der 9 Wochen im Grab lag und zur Neumondzeit ausgegraben wurde) wird von Zigeunern benutzt, wenn sie einbrechen wollen. Man klopft damit sieben mal an die Tür des Hauses, in welches man einbrechen will. Daraufhin versinken alle Bewohner des Hauses in einen tiefen Schlaf.

Wer den kleinen Finger der linken Hand eines totgeborenen Kindes mitternachts auf einem Kreuzweg, gegen Norden sitzend, verzehrt, kann durch seinen Hauch tiefsten Schlaf hervorrufen.

Der Volksmund weiß:
Wer allein schläft, bleibt lange kalt,
zwei wärmen sich einander bald.

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Das Schrattweible von Oberstdorf

In Oberstdorf im Allgäu lebte einst ein Bursche, der wurde des Nachts oft vom Alp geplagt. Und obschon er des Abends die Kammer gut verschloss und selbst das Schlüsselloch zustopfte, kam der Alp doch immer wieder. Da suchte der Bursch die Kammerwand ab und fand in einem Brett auf dem Boden ein kleines Astloch.
Wie nun der Alp des Nachts wiederkam, da streckte der Bursche einen Zapfen in das Astloch, damit der Alp gefangen sei und nicht mehr hinaus könne, und warf zugleich ein Kissen auf den Boden.
Am anderen Morgen saß ein schönes Mädchen auf dem Kissen. Die konnte nicht Rede stehen, wer sie sei und woher sie gekommen. Da sie aber nicht unrecht zu sein schien, behielt man sie als Magd im Haus. Sie war stets fleißig und brav und darum gefiel sie den Leuten wohl und vor allem dem Sohn. Der nahm sie bald gar zum Weib.
Sie lebten lange Jahre glücklich miteinander, wenn auch die junge Frau wie an einem heimlichen Gram litt. Da fragte sie eines Tages ihr Mann, warum sie denn so traurig sei. Sie antwortete: "Wenn ich nur wüsste, wer ich bin, woher ich stamme und wie ich in dieses Haus gekommen bin."
Da führte sie ihr Mann in die Kammer, zeigte ihr das Astloch im Boden und zog das Zäpflein heraus mit den Worten: "Sieh, da bist du hereingekommen."
Kaum hatte das Weib diese Worte gehört, da fuhr es durch das Astloch hinaus und kehrte nicht wieder.

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Brauchtum & Aberglaube zum Alptraum

In manchen Gegenden glaubte man, der Alp (auch Mahr, Mahrt, Schratt, etc), der einen des nachts drückt und quält, sei der Geist eines Verstorbenen - man befreite sich vom Alpdruck, indem man heilige Messen für den Toten lesen ließ.

Nach mittelalterlichem Glauben entsteht der Alp aus "unzeitigen" Kindern (d.h. Frühgeburten).

Der Alpdruck kann jedoch auch von einem lebenden Menschen herrühren, der seine Seele oder seinen Geist als Alp aussendet, oft in Form eines Schmetterlings, der dem Sender des Alps aus seinen (zusammengewachsenen) Augenbrauen entspringt.

Wenn ein junger Mann stark an seine Liebste denkt, kommt sie in der folgenden Nacht als Mahrt (Alp) zu ihm.

Zum Alp wird ein Kind, das mit Zähnen zur Welt kommt. Gibt man diesem Kind als erstes Fleisch (d.h. die Mutterbrust) in den Mund, wird es später als Alp die Menschen drücken. Zum Alp werden auch Kinder, die in der Gespensterstunde geboren werden, ferner solche, bei deren Geburt die Mutter in den Wehen den Teufel anrief, oder mit dem Kind nicht an der Kirchentür gewartet hat, bis der Priester sie hereinrief, oder bei deren Taufe ein Fremder durchs Schlüsselloch der Sakristei zugeschaut hat.
Die Haupttätigkeit des Alps ist das Drücken. Hierzu kommt er nachts (nur zwischen Mitternacht und ein Uhr) durchs Schlüsselloch, durch ein Astloch in Tür oder Wand, durchs Hühnerloch, durch den Rauchfang oder sonst auf geheimnisvolle Weise (aber nie durch das geöffnete Fenster, die geöffnete Tür) in die Schlafkammer. Sein Kommen kündigt sich durch Rauschen und Klingeln an, man hört ihn wie das Knabbern einer Maus oder den leisen Tritt einer Katze. Wacht sein Opfer noch, so bewirkt er durch Blick oder Anhauch, dass es einschläft. Dann stürzt er mit einem Satz auf die Brust des Schläfers oder kriecht ihm langsam von den Füßen herauf zur Brust, die er mit seinem schweren Gewicht drückt, zum Hals, den er würgt oder bis zum Mund, in den er seinen Finger oder seine haarige Zunge steckt, um den Schläfer zu erwürgen.

Um den Alp von Haus und Hof fernzuhalten, dient allgemein das magische Zeichen des Penta- oder Hexagramms, das an Tür, Bett, Wiege etc. gemalt oder geschnitzt wird.

Ein anderes Mittel ist es, den Alp zu fangen. Dazu erzählt der Volksmund folgende Geschichte:
Ein Müllersknecht aus der Gegend von Langnau wurde lange Zeit von einem Alp heimgesucht. Da atmete er einmal in der Nacht so schwer und brachte so bange Töne hervor, dass sein Schlafkamerad erwachte und schnell ein Licht anzündete. Da lag quer über dem Bett ein Strohhalm, den nahm er und verbrannte ihn. Der Müllersknecht schlief nun ruhig die ganze Nacht.
Als der Müllersknecht am anderen Tage in das Haus seiner Nachbarin kam, hatte diese Brandwunden an Händen und Füßen. Er aber war seitdem vom Alpdrücken befreit.