Sorla Schlangenei

Inhalt

I. Die Macht des Knüppels
Markreske auf der Jagd / Die Pfahlhütte / Sorla als
Versuchskaninchen / Seltsame Heilung

II. Markreskes Geschäfte
Ketelik und sein Nachbar / Traumsaft / Die Elfin /
Gerdolneks Mordauftrag / Der kleine Spiegel

III. Die Fahrt auf dem Eldran
Die Geschichte der schönen Markreske / Keteliks
Messer / Nofhelis Lied / Die brennende Hütte / Flasse
der Bogenschütze / Markreske im Spiegel

IV. Ein Geschenk für Atne
Bei den Ombina / Altmutter Grauknolle / Die Schmiede
in Neu-Fellmtal / Die neuen Atne-Priester / Uglamesks
Rettung

V. Neue und alte Bekanntschaften
Der Blinde und seine Tochter / Der Überfallene / Nufre
zeigt ihre Begleiterin / Wie Soldaten geworben werden

VI. Der neue Hengst
Mesjajets Hof / Oltops letzter Überfall / Der goldene
Anhänger / Kampf der Hengste

VII. Fims Strafe
Die Kinder von Stutenhof / Das Fest des Pferdebrennens /
Mhesekchakreks Freund / Retlars Schlaflied / Das Märchen
von den Stallwichten / Die Pferdeseuche / Tlereseks Ende

VIII. Das dunkle Grab
Das schwierige Begräbnis / Der Große Hersepoxul
und sein Affe / Nachts auf dem Totenfeld

IX. Retlars Kind
Schwarze Dreiheit / Das Zauberbuch / Die Schlangenhaut /
Lamponus Geschichte / Poteks Bettchen / Sonnwendfeuer /
Rafells Kampf

X. Kennan-glai
Kräuter-Liskas wunderbarer Krückstock / Sorla wird
Schweinehirt / Aistiken und der Bär / Der Wettlauf
zwischen Pferd und Schwein / Ramloks Pferdesegen

XI. Kampf auf den Weiden
Die Zwillingsbrüder / Besucher vom Pelkoll /
Die neuen Ohren des Wirtes

XII. Über den Fluß
Kunde von Taina / Diskurs über das Böse / Horell
verzaubert Himbeeren / Sorla verabschiedet sich

XIII. Zuletzt allein
Kräuter-Liskas Schere / Stioustos Peitschchen / Die Sage
von Anod und Duna / Das Halstuch bei der Linde

XIV. Die Verteiler des Reichtums
Auf dem Markt / Der Sack des Blinden / Wie Tok-aglur
den Grafen von Agra bestahl

XV. Geburt der kleinen Schlange
Wie Kurfis Probleme löst / Thesel verkleidet Sorla /
Der Riß in der Eischale

XVI. Der Trank der völligen Auslöschung
Wie die Liarstil ihre Macht einbüßten / Das Haus der
Kröte / Die Bootsfahrt in die Dämmerung / Lied für
einen schwarzen Stein / Das Fohlen bemüht sich

XVII. Der Traumkerker
Schlangenzahn sticht / Ivalys Gewölbe / Das Buch des
Großen Abradin / Die Kurze Brücke / Atelbe, der
Gütig-Gerechte

XVIII. Glossar

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Markreskes Geschäfte

...
Mehrere Wochen fragte niemand nach Markreske. Sie konnte ungestört ihre Versuche an Sorla wieder aufnehmen. Diesmal erprobte sie keine Tränke an ihm, sondern sie erforschte, wie sie murmelte, "das Geheimnis der jungen Haut". Sie kniff ihn und untersuchte die blauen Flecke, schnitt ihm ins Bein, um Blut zu zapfen, ließ ihn tagelang nichts trinken und schaute, ob er wohl schrumple wie ein alter Apfel. Am schlimmsten war, wenn ihre knochige hand in seine Hose fuhr und ihn befühlte, wo er am empfindlichsten war. Sie kicherte aufgeregt, er stand festgefroren vor Furcht und Ekel.
Dann, an einem nebligen Herbstabend , rief jemand. Es war Tleresek, Keteliks böser Nachbar, und Sorla war zum erstenmal froh, seine Stimme zu hören. Markreske nahm widerstrebend ihre Finger von Sorla, öffnete, während Sorla sich unter der Bank verstecken mußte, die Tür und ließ Tleresek herein.
"Ketelik mjußte mir sein Haus verkaufen, wie du es mir versprachst, Markreske. Jetzt will ich meinen Anteil vom Geld haben."
Markreske antwortete nicht, sondern goß einen kleinen Tonbecher voll, und Sorla merkte sich die bläulich lasierte Flasche.
"Hier trink. Auf unseren Erfolg!"
"Was ist das?"
"Traumsaft. Tut gut."
"Ich hab davon gehört", grinste Tleresek und leerte den Becher.
Er hatte kaum den Becher abgestellt, als er vom Stuhl kippte.
"Wo ist der Stuhl?" brummte Tleresek benommen. In seinem Versteck sah Sorla seine Hand, die sich am Boden abstützen wollte, in der Luft verkrampfte und ziellos herumtastete. Er hörte den Mann stöhnen und stammeln, sich wälzen, um sich schlagen. Sorla glaubte zunächst, Tleresek leide Schmerzen, dann fiel ihm auf, wie lustvoll das Stöhnen war, wie verlangend es sich steigerte, schneller, lauter, zu einem atemlos verzögerten Höhepunkt. Der Mann seufzte und atmete schwer, dann fing das Stöhnen erneut an, er schrie vor Gier, schlug auf dem Boden um sich, wieder steigerte sich das Keuchen, einem dritten, vierten, fünften fast unerträglichen Gipfel der Lust entgegen.
Markreske aber hatte sofort ihre Röcke hochgerafft und versuchte, wie es Sorla schien, auf dem besinnungslos keuchenden Mann zu reiten. Tleresek wälzte sich jedoch in solch ekstatischen Krämpfen hin und her, daß es ihr kaum gelang, oben zu bleiben. Als die Wirkung des Traumsaftes nachließ und Tleresek ruhiger wurde, flößte sie ihm einen zweiten Becher ein. "Weiter!" schrie sie. Sorla wandte sich ab. Das Stöhnen der Alten verfolgte ihn die ganze Nacht. Nie erreichte sie, worum sie sich so verzweifelt bemühte. Im Morgengrauen erhob sie sich fluchend von Tleresek und ordnete ihre Röcke.
"Wach auf!" keifte sie und schüttelte ihn.
Der Mann kam nur langsam zu sich. Er konnte vor Schwäche kaum stehen. "Was ist geschehen?"
"Eine schwarze Hochzeit hast du gefeiert!" kicherte sie.
...

Zuletzt allein

Die Hitze des Nachmittags brütete auf der staubigen Landstraße, und als vor der kleinen Reisegruppe ein Wäldchen auftauchte, bedurfte es keiner Absprache; jeder ließ sich aufatmend in den Schatten der nächsten Buche fallen und genoß die Brise vom nahen Fluß Eldran, kühl und duftend nach Minze, die dort am Ufer wuchs.
Sorla lag wohlig auf dem Rücken und blinzelte im vollen Lebensgefühl seiner zwölfeinhalb Jahre hinauf in das sonnflirrende Buchengrün. Da schob sich eine hagere Gestalt ins Blickfeld, trotz der Hitze in einen Mantel gehüllt; verlegen lächelte Horell auf Sorla herunter.
"Mein junger Freund", begann er und war doch selbst erst siebzehn, "einen halben Tag sind wir unterwegs, und schon fühle ich mich freier. Fort von Stutenhof, diesem öden Nest!" Er atmete tief durch.
Sorla lächelte verständnisvoll; er ahnte, was Horell meinte, aber nicht auszusprechen wagte: Fort von dem schrecklichen Zuhause mit der verfressenen, unmäßig fordernden Mutter und dem Geist des schlimm verendeten Vaters ... Wie sollte unter so beschaffenen Umständen ein begabter Junge es zum großen Zauberer bringen, wenn er den Ausbruch von zu Hause nicht wagte?
Horell löste seine Haltung und begann den Mantel auszuziehen. Zweimal setzte er an, brach ab und überlegte, als falle es ihm schwer, sich aus dem Schutze dieses Kleidungsstücks herauszuwagen; dann aber gab er sich einen Ruck und warf den Mantel von sich.
Lamponu, der auf seiner Schulter gehockt hatte, sprang kreischend zu Boden, schnatterte vorwurfsvoll hoch zu seinem Herrn und beruhigte sich dann, von Gras und Bucheckern abgelenkt.
An den Baum gelehnt saß Kräuter-Liska. "Dies wäre ein Baum, um durch die Rinde zu springen", murmelte sie wohlig.
"Häh?" machte Sorla.
"Durch die Rinde auf und davon. Ein Kräuterweiberspruch - vergiß ihn, Sorla. Wo nur Aistiken bleibt?"
"Sie wollte die Tiere tränken, Kräuter-Liska", sagte Horell. "Sie wird am Fluß sein."
Kräuter-Liska runzelte die Brauen. "Dein Maultier und Sorlas Fohlen, das sind bloß zwei Tiere. Die machen keine Mühe. Das Mädchen könnte schon zurück sein."
"Vielleicht badet sie ein bißchen?" warf Sorla ein und stellte sich vor, wie Aistikens lange, braunrote Zöpfe im klaren Wasser wogten, während Fohlen und Maultier am Ufer ausharrten.
Da plötzlich wuchs in seinem Kopf ein Gefühl der Angst, ein Schrei nach Hilfe- doch war alles still, keiner sonst hätte es gehört. Wieder rief es in seinem Hirn: Kommt, helft!
Sorla sprang auf und schrie: "Mein Fohlen ruft mich! Etwas Schlimmes geschieht gerade!" Schon rannte Kräuter-Liska an ihm vorbei; mit langen Schritten stürzte sie durch die Büsche in die Richtung des Flußufers. Sorla folgte dichtauf, auch Horell kam, wenn auch langsamer, unbehend über seine eigenen Füße stolpernd.
Kräuter Liska blieb abrupt stehen. Dort drüben standen drei Männer: Zwei hielten Aistiken an den Armen gepackt, der dritte riß an ihrer Bluse. Das Mädchen zerrte verzweifelt, um sich zu befreien; ihr stummer Mund aufgerissen in vergeblichem Bemühen. Sorlas Fohlen und das Maultier Horells drängten sich zitternd und schnaubend gegen ein nahes Gebüsch. Die Männer blickten herüber, eher erbost über die Störung als schuldbewußt: eine hilflose, alte Frau und zwei Halbwüchsige - was sollten die ausrichten? Einer rief: "Bleibt, oder wir stechen die Kleine ab!" Damit setzte er einen Dolch an Aistikens Kehle. Die anderen lachten beifällig.
"Laßt sie los, oder ..."
"Oder was, Alte?"
"Oder ihr zwingt mich, euch zu töten!" Wieder höhnisches Gelächter. Da fuhr Kräuter-Liska mit der Hand nach der Schere, die im Gürtel stak; und, die Schere blitzend in die Höhe gereckt, rief sie: "Ein letztes Mal! Last sie los!"
"Oh Schreck, sie will die Schere werfen!" spottete einer, ein anderer rief lachend: "Nun wird's gefährlich!"
Da öffnete sich die Schere. Wie die Klingen auseinander glitten, erstarben die Geräusche: kein Lachen, kein Vogel, kein Wind - als halte die Welt den Atem an. Sorla sah alles und konnte sich nicht rühren, auch Horell, die Pferde, die Männer - alles stand seltsam erstarrt. Kräuter-Liskas Arm senkte sich langsam und zeigte mit geöffneter Schere hinüber auf die Gruppe der Männer. Nun fuhren die Klingen zusammen; es knirschte, als zerschnitten sie einen unsichtbaren Faden. Der Kerl vor Aistiken brach zusammen, seine Hand glitt an ihrem Körper herunter und fiel schlaff auf die Erde.
Wieder reckte sich Kräuter-Liskas Arm, die Schere öffnete sich und senkte sich vor, auf den zweiten der Männer zeigend. Sie schnappte zu, der Mann ließ Aistikens Arm fahren und kippte hintüber. Der dritte, mit entsetzten Augen, warf sich auf die Knie. Flehend hob er die Arme und stammelte etwas von "Gnade" und "Nicht so gemeint", aber Kräuter-Liska, mit zusammengepreßten Lippen, zerschnitt auch seinen Lebensfaden.
...