Sindbad der Seefahrer


PROLOG
Bagdad, Ende des Jahres 189 nach Muhammeds Flucht aus Mekka, im Jahre 812 christlicher Zeitrechnung

Madinat as-Salam, du Stadt des Friedens, was ist aus deiner Pracht geworden? Das Blattgold deiner himmelragenden Minarette haben sie dir abgeschlagen und gestohlen, wie einer billigen Hure allen Tand und Flitter.
Die Pforten deiner Paläste sind verschlossen, aller Prunk wurde von marodierenden Banden von den Häusern, Straßen und Plätzen gestohlen, verwüstet oder mit abscheulichen Schmierereien versehen.
Warum hat die Zerstörung stets stärkere Macht, als der Glanz der Vollkommenheit?
Wie konnte es kommen, dass du dich heute nur noch in tristes Schwarz und stumpfes Weiß kleidest?
Wohin ging der Glanz deiner Weisheit?
Wer hat die hellstrahlende Gerechtigkeit verjagt, die Farbenpracht der schönen Künste und die funkelnde Gelehrsamkeit der Wissenschaften?
Wurde deine überwältigende Schönheit und jeder einzelne deiner dreihundertsechzig wehrhaften Türme nicht gerühmt im gesamten bekannten Erdenkreis?
Kreuzten sich in deinem Zentrum nicht alle wichtigen Handelsstraßen, gab es nicht hier die größten und buntesten Bazare? Die kunstfertigsten Handwerker hatten hier ihre Werkstätten, und im Haus der Weisheit mit seiner umfangreichen Bibliothek und der Sternwarte arbeiteten die berühmtesten Gelehrten und geachtetsten Weisen ihrer Zeit?
Aber das war zu Zeiten, als in Bagdad noch ein Kalif in Amt und Würde war, dessen Herz und Geist schon zu seinen Lebzeiten gerühmt und besungen wurde.
Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit Harun al-Raschid, der Name des Kalifen sei gepriesen bis ans Ende aller Tage, zu Grabe getragen wurde.
Viel zu früh und viel zu weit von hier!
In Tus raffte ihn seine Krankheit dahin im besten Mannesalter, weit im Osten des Reiches, in der chorasanischen Provinz, aus der nun ein gewaltiges Heer naht, al-Amin, den ältesten Sohn Harun al-Raschids, aus dem Palast des Kalifen in Bagdad zu jagen.
Niemand anderes als al-Ma'mun, der Zweitgeborene Haruns, ließ dieses Heer aufstellen und gab ihm Sinn und Auftrag.
Er beauftragte seinen Feldherrn Tahir diese Streitmacht zu führen, und schon seit einigen Wochen rücken sie unaufhaltsam nach Westen vor.
Das Heer des Kalifen eilt ihnen entgegen, um ihren Vormarsch aufzuhalten. Al-Amin, der Kalif in Bagdad, betraute den erfahrenen General Ibn Benari mit dieser Aufgabe und hat ihm mit dem Tod der tausend Schmerzen gedroht, falls er die Feinde nicht aufhält.
Seit Haruns Tod im fernen Tus, prügeln sich seine Söhne und nicht nur diese um die Macht. Und die Stadt des Friedens hat ihren Namen schon lange nicht mehr verdient. Deshalb auch wird sie im Volk nur noch mit ihrem alten Namen benannt: Bagdad. So wie einst, als diese Ansiedlung nichts anderes war als eine kleine, unbedeutende Datteloase am Ufer des Tigris.
Keine Karawane ist mehr unterwegs auf den östlichen Handelsstraßen. Zu groß ist die Gefahr geplündert zu werden von Wegelagerern oder beutegierigen Söldnern.
Die Bazare Bagdads sind leblos geworden, auf den Straßen und in den Gassen mancher Viertel herrscht das Gesetz des Pöbels.
Und al-Amin, Erstgeborener Haruns und Nachfolger auf dem Thron des Kalifen, hat sich in seinen Palast zurückgezogen und verschließt seine vergnügungssüchtigen Augen vor dem, was in seiner Stadt, in seinem Reich geschieht. Schon seit einiger Zeit lässt er sich nicht mehr sehen, ist für niemanden zu sprechen. Der Palastbezirk ist abgeriegelt, als hätte der Feind schon die Mauern der Stadt eingerissen.
Jenseits des Tigris, in al-Harbiyya, wo die Söldner und Soldaten ihre Häuser haben, brodelt es schon seit Tagen, und der Clan der Barmakkiden, stets auf eigenen politischen Vorteil und Macht aus, tut sein Bestes, Öl in die auflodernden Flammen zu gießen, wohl wissend, dass der Kessel auf dem Feuer bald platzen könnte.

Chacrils Erzählung
Bagdad, 190 Jahre nach Muhammeds Higra, 812 n.Chr.

Der gellende Schrei in der friedvollen Nacht schmerzt noch immer in meinem Ohr. Es war um die dunkelste Stunde der Neumondnacht nach dem Erntedankfest der Christen, welches die ganze Stadt mitgefeiert hatte. Der Schrei kam aus den Häusern der Frauen und war so durchdringend voller Angst, dass die Hunde jaulten, die Pferde unruhig schnaubten und die Esel verängstigt schrien.
Danach war es einige lange Atemzüge totenstill, so dass ich schon dachte, ich hätte geträumt und wäre von dem Schrei in meinem Traum erwacht.
Doch dann hörte ich das Rennen nackter Füße, das Getuschel einiger Stimmen und schließlich den lauten und eindringlichen Ruf: "Holt den Herrn, lauft zu Sindbad! Schnell!"
Ich erhob mich.
Wenn Sindbad gebraucht wurde, dann war auch ich vonnöten.
Ich, Chacril, Lehrer und Erzieher Sindbads, nach dem frühen Tod seines Vaters, dem ich auch schon gedient habe.
Ich, Chacril, Verwalter von Sindbads Vermögen und dessen Vertrauter.
Ich, Chacril, der Zerfurchte, wie mich Sklaven und Bedienstete nennen, wenn sie denken, ich könne sie nicht hören. Sie vergleichen die Furchen in meinem Gesicht mit einem ausgetrockneten Wüstenfluß, ich weiß es wohl und bin ihnen nicht böse deswegen. Warum auch? Ich bin alt genug zu wissen, dass sie recht haben. Wenn ich in der Nähe bin, oder sie mich achtungsvoll anreden, nennen sie mich Chacril, den Weisen. Meines Alters und meiner Haare wegen, in denen sich nicht einmal mehr die kleinste Spur einer dunklen Ahnung findet.
Kaum war ich angekleidet, wurde heftig an der Tür geklopft. Als ich öffnete stand Tawaddud vor mir.
"Komm!" stieß sie atemlos und mit vom Schlaf verwirrten Haaren hervor. "Schnell! Etwas Schreckliches ist geschehen!"
Sie zerrte mich hinter sich her, die Treppen hinab durch den Park, hin zu den Frauenhäusern. Alles war in heller Aufregung und schwirrte durcheinander, wie Bienen, wenn ein Bär ihnen den Honig raubt.
Sindbad war schon da. Er hatte sich nur ein Tuch um die Lenden gebunden. Schwer atmend stand er neben der Liegestatt Osiras, die als reife Frau noch schöner war, als in der Blüte ihrer Jugend. Ich trat an seine Seite und legte meine Hand auf seine Schulter. Diese war kalt und hart wie ein Fels. Als ich Sindbads entsetztem Blick folgte, sah ich auf Osiras ebenmäßigem Gesicht ein dunkelrotes Mal, das sich von der Stirn über die Nase bis um ihren Mund hinzog. Osira selbst lag starr und reglos, mit weit aufgerissenen Augen, als sähe sie etwas furchterregend Schreckliches. Schweißtropfen glänzten auf ihrer Stirn, doch ihre Hände zitterten, als sei ihr sehr kalt.
"Der Fluch Ubdraels", murmelte Sindbad. Seine Lippen waren rissig, wie nach langen, ungewissen Tagen als Schiffbrüchiger und wachsweiß.
"Was hat dies zu bedeuten?" fragte ich ihn voller Sorge. "Was ist geschehen?"
"Osiras Oheim Ubdrael!" stieß Sindbad hervor. Sein Blick war immer noch auf das entstellte Gesicht Osiras gerichtet. "Nun hat er seine Drohung wahrgemacht. Wie konnte das geschehen?"
Ich befahl den Eunuchen, Sklavinnen und Mägden, uns alleine zu lassen. Noch immer sah ich in ihren Augen fassungsloses Entsetzen, wenn sie in das Gesicht ihrer Herrin sahen. Tawaddud blieb, legte warme Tücher über die Hände Osiras und tupfte ihr die Stirn trocken.
Langsam schien Sindbad in die Wirklichkeit zurückzufinden.
"Von welcher Drohung sprichst du?" fragte ich ihn, als sein Blick wieder klar war.
"Erinnerst du dich nicht an Osiras Oheim?" fragte mich Sindbad mit belegter Stimme.
"Du meinst, Ubdrael hat Osira mit einem Fluch belegt?"
Sindbad nickte schweigend. Er deutete auf zwei kleine Tonscheiben von der Größe eines Dinars, die auf dem Laken neben Osira lagen. "Sie wurden von ihm gefertigt. Ich habe sie augenblicklich erkannt."
Ich beugte mich vor und wollte danach greifen, um sie näher betrachten zu können.
Doch Sindbad hielt mich zurück. "Nicht", sagte er. "Niemand darf diese Tonscheiben berühren. Das wäre Osiras sicherer Tod."
"Was bedeuten sie?" fragte ich.
"Eine Schlange ist auf die eine geritzt, ein Skorpion auf die andere", antwortete Sindbad.
"Das sind die Schrecken, von welchen Osira jetzt gefangengehalten wird."
"Aber warum sollte er das tun?" Mein Blick war wieder gefangen von dem schrecklichen Mal, welches das vollkommene Gesicht Osiras entstellte.
"Wie du weißt, war Osiras Vater ein mächtiger Scheich in Saisuda. Nach seinem Tod bestimmte sein Testament mich zum Nachfolger und übertrug mir alle Besitztümer und Reichtümer der Sippe. Aus diesem Grund hasst mich Ubdrael, denn nach altem Recht wäre er, als einziger Bruder des Scheichs, der alleinige Erbe gewesen. Schon in Saisuda mussten Osira und ich ständig auf der Hut vor ihm sein. Das war mit der Grund, weshalb wir schließlich alles aufgaben in Osiras Heimat und nach Bagdad zurückkehrten."
"Aber, warum dann dieser Fluch?" Ich runzelte verständnislos die Stirn.
"Weil ich Ubdrael den Siegelring des Scheichs, den Ring der Sippe, nicht gegeben habe, als Osira und ich damals das Land verließen", antwortete Sindbad tonlos. "Ohne diesen Ring aber, erkennt niemand in Saisuda Ubdraels Herrschaft an. Für die Menschen dort ist dieser Ring mehr als nur ein Zeichen der Macht. Sie glauben, durch ihn sei man mit den Ahnen der Sippe verbunden."
Er schwieg, kniete sich neben Osira und nahm ihre Hände in die seinen. Sein Blick wurde weit und weich: "Denn meine Liebe ist endlos, wie die See und tief; je mehr ich dir davon gestehe, je mehr habe ich, denn grenzenlos sind beide", flüsterte er zärtlich. "Das habe ich dir gesagt, als wir unser Leben miteinander verbanden. Ich werde alles tun, um dich von diesem Fluch zu befreien. Ich werde zu Ubdrael fahren und ihm den Siegelring der Sippe bringen."
Und da war es, als ob ein leichter Schauer über Osiras Starre gleiten würde. Das Zittern ihrer Hände erlosch und langsam, ganz langsam schlossen sich ihre Lider über dem schreckgeweiteten Blick der Augen.
Sindbad erhob sich langsam wie ein von Gliederschmerzen geplagter Greis. Dann jedoch straffte sich sein Körper und seine Augen bekamen wieder jenen sternengleichen Glanz, den ich kannte, wenn er eine Entscheidung getroffen hatte.
"Alle Sklavinnen und Bediensteten, die Zutritt zu Osiras Gemächern haben, sollen auf der Stelle herkommen! Ich will wissen, wie diese Fluchscheiben in Osiras Bett gekommen sind."
Ich wollte schon zur Türe eilen, um die entsprechenden Befehle zu erteilen, da sah Tawaddud auf.
"Ich habe bereits nachgeforscht, Herr. Es muss Beyrine gewesen sein. Osira selbst hat sie vor einigen Wochen eingestellt, weil sie aus der Heimat der Herrin stammte. Ich ließ sie überall suchen. Sie ist seit einer Stunde spurlos verschwunden, und in ihrer Kammer deutet alles auf eine schnelle Flucht hin."
"Etwas in dieser Art habe ich mir gedacht", murmelte Sindbad vor sich hin. Dann wurde seine Stimme wieder fest. "Osira darf nicht bewegt werden", befahl er Tawaddud. "Sieh zu, dass sie Kühle bekommt des Tags und Wärme in der Nacht und netze ihre Lippen mit Rosenwasser."
Er wandte sich mir zu: "Lass Tizzhar wecken. Er soll sich rüsten für eine Reise, von der ich noch nicht weiß, wie lange sie dauern wird. Ich muss nach Saisuda, zu Ubdrael. Er ist der einzige der weiß, wie der Bann zu brechen ist, ohne dass Osira Schaden nimmt. Gib Anweisung, dass alles für eine Reise Notwendige auf zwei Packkamele geladen wird. Um mein Pferd kümmere ich mich selbst. Bei Sonnenaufgang will ich mit Tizzhar Bagdads Mauern hinter mir haben."
"Aber du weißt doch, dass al-Amin, der Kalif, dir verboten hat, die Stadt zu verlassen", warf ich ein, wohl wissend, dass dies ein nutzloses Argument war.
Nach einem langen Blick auf Osira presste er entschlossen die Lippen zusammen. "Früher haben mich eigene Schwüre nicht daran gehindert, wieder auf eine Reise zu gehen. Heute wird mich der Befehl eines vergnügungssüchtigen Kalifen nicht davon abhalten, zu tun, was ich tun muss! Er nickte mir zu und verließ die Gemächer seiner Frau.
Ich trat zu Tawaddud und strich ihr über das rabenschwarze, dichte Haar. "Was geht hier vor?" murmelte ich und konnte meinen Blick nicht von dem entstellenden roten Mal auf Osiras Gesicht abwenden.
"Ein Zauber", murmelte Tawaddud und lehnte ihren Kopf an meine Hüfte, während sie mit ihren Fingern zärtlich über Osiras Wangen und Lippen strich. "Ein großer, schwarzer Zauber."
Es blieb nicht viel Zeit bis zum Tagesanbruch, und ich scheuchte die Sklaven und Bediensteten durch Haus, Stallungen und Lagerräume, um für Sindbad und Tizzhar alles Notwendige herzurichten und zusammenzupacken.
Zur Stunde der Dämmerung spähte ich aus der schmalen Seitentür des Anwesens. Noch war kaum jemand auf den Straßen unterwegs, aber der Himmel im Osten, dort, wo der Krieg zu wachsen begann, verfärbte sich in giftigem Gelbschwarz, noch ehe die Sonne über den Horizont gestiegen war. Ich war froh, dass Sindbad sich nach Westen hin aufmachte. Dort waren die Straßen noch sicher. Wer konnte schon sagen, wie lange noch?
"Wäre ein anderer Tag nicht besser geeignet für den Beginn der Reise?" versuchte ich Sindbad zurückzuhalten, denn die bedrohliche Verfärbung des Himmels deutete auf einen nahenden Sandsturm hin. Tizzhar, der Schweigsame, saß schon im Sattel, das Beduinentuch um Hals und Kopf geschlungen, glühten seine dunklen Augen aus dem schmalen Sehschlitz zwischen Stirn und Nase wie glimmende Kohle.
"Ich würde den Weg auf der alten Handelsstraße auch finden, wenn ich blind wäre", beruhigte mich Sindbad. "Oft genug habe ich ihren Staub geschmeckt. Wenn du unsere Abreise eine Woche verschweigen kannst, werden Tizzhar und ich weit genug sein, um dem Arm des Kalifen und seinem Zorn über mein Verschwinden zu entgehen."
Er umarmte mich wie ein Sohn seinen alten Vater, überprüfte nochmals die Gurte des Sattels und schwang sich auf sein Pferd. Dann ritten Sindbad und Tizzhar hinein in den aufwirbelnden Staub und Sand und in das bedrohliche Singen des beginnenden Sturmes. Ihre Umhänge flatterten wie dunkle Schatten auf der Suche nach ihrem Ursprung.

Sindbads erste Reise

Noch war der Flaum auf meinen Wangen den ersten kräftigen Barthaaren nicht gänzlich gewichen, da starb mein Vater an einem fremden Fieber, das von keinem Arzt geheilt werden konnte und kaum ein Jahr später meine Mutter an gebrochenem Herzen, denn ohne ihren Mann war ihr die Welt und das Leben nicht mehr so, wie es sein sollte und wie sie es sich wünschte.
Mein Vater war ein reicher Kaufmann gewesen, und so hatte ich genug Geld und Gut, Häuser und Diener, Musikanten und Tänzerinnen, um es mir wohl ergehen zu lassen und musste mich nicht um meine Zukunft sorgen.
Wohl trauerte ich eine angemessene Zeit, aber ich war jung und hungrig auf das Leben und auf das, was es mir wohl bringen könnte. So schickte ich die Berater und Lehrer, die von meinem Vater mit meiner Erziehung und Bildung beauftragt waren, von mir, bis auf Chacril, den alten Schreiber und Vertrauten, der schon meinem Vater diente und auf dessen Knien ich die ersten Kinderlieder gelernt hatte.
Ich lud all meine Freunde und Bekannten in das Anwesen, welches nun das meine war und deren Freunde ebenso.
Tag für Tag. Nacht um Nacht.
Ich kann wohl sagen, dass meine Küche, meine Musikanten, Tänzerinnen und Sklavinnen gerühmt wurden über die Grenzen meiner Heimatstadt, der Stadt des Friedens, hinaus. Und das, trotz meiner Jugend und - wie ich heute sagen muss - meiner Unerfahrenheit.
So lebte ich in Freuden und gab mich den Genüssen des Lebens hin, die ich auskosten wollte bis hin zu den versteckten Freuden, von denen allenfalls hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde. Wenn ich gewusst hätte, was ich erst mit den Jahren und meinen Reisen erfahren musste, hätte ich wohl damals auf den alten Chacril gehört, der mir immer wieder zusprach, mich aber auch immer wieder warnte und mir vorhielt, dass mir mein Lebenswandel und meine Freunde und Gäste zum Schaden gereichen würden, wenn ich nicht dies und das änderte. Doch in meinem jugendlichen Übermut wollte ich seine Ratschläge nicht gelten lassen. Was sollte mir auch ein alter Schreiber Vorbild sein in meinem noch so jungen Leben?
So feierte ich mein Leben und genoss alles, was es für mich bereithielt, oder ich mir kaufen konnte. Und meine Tage und Nächte verstrichen ohne Gestalt anzunehmen in den süßen Träumen der Lust, den schweren Schwaden von Tabak, der reichlich mit Hablibabli vermischt worden war und kostbarem Rotwein, welcher von griechischen Händlern in Bagdad gehandelt wurde.
Doch dann kam der Tag, an dem ich den Reichtum meines Vaters verprasst hatte.
Ich erwachte, wie aus einem wilden, schweißtreibenden Traum. Mein Hab und Gut war dahingeschmolzen wie Tropfen des Morgentaus unter der aufgehenden Wüstensonne und all diejenigen, die sich lauthals meiner Freundschaft gerühmt hatten ebenso.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich mein letztes Hab und Gut verkauft, um danach in einer Würfelstube alles auf einen letzten Wurf zu setzen.
Chacril war es, der mir riet, alles was mir verblieben war, auf dem Markt zu verkaufen.
Viel war es nicht, was dabei zusammenkam. Doch es war genug, einige Ballen purpurn gefärbter Seide zu erstehen, die ich jenseits des Meeres gewinnbringend zu verkaufen hoffte.
Nun reute es mich, all die Aufzeichnungen meines Vaters in einer Laune verschenkt zu haben. Welcher Schatz wäre dies nun für mich. All die Freunde und Handelspartner meines Vaters hätte ich aufsuchen können, seine Seekarten und Tagebücher mit den Anmerkungen und Ratschlägen, den Empfehlungen und Hinweisen hätten mir viel Mühe erspart und wären mir ein wenig Sicherheit gewesen auf dem schwankenden Pfad, den ich nun eingeschlagen hatte.
Als der jüngste aller Kaufleute schloss ich mich einer großen Handelskarawane an, die sich zusammengefunden hatte, den gefährlichen Weg durch die Wüste nach Basra hin, zu gehen. Zwar ist der Tigris schiffbar von Bagdad nach Basra, doch ich wollte mir mein Weniges sparen, und eine Bootsfahrt ist zwar bequemer, aber auch weitaus kostspieliger als der Landweg mit einer Karawane.
Chacril verabschiedete mich unter Tränen. Verschämt wandte ich mich ab, denn ich wollte ihm nicht zeigen, dass auch ich Angst hatte vor der ungewissen Zukunft und lieber hier in vertrauter Umgebung geblieben wäre.
Meine wenigen Seidenballen fielen in all den anderen Waren kaum auf. Zwei kräftige Kamele genügten, sie und mich zu befördern. Neidischen Blickes schielte ich nach den Waren der anderen Händler. Auch ich werde einst mit Hunderten von Kamelen unterwegs sein, schwor ich mir.
Chacril hatte mich zwei schon grauhaarigen Kaufleuten anempfohlen, die noch mit meinem Vater gereist waren. Diese hatten zwar zunächst etwas gemurmelt von missratener Brut, die nicht würdig gewesen sei, das Erbe des Vaters anzutreten. Da der Name meines Vaters aber noch immer hochgeachtet war, fügten sie sich der Bitte Chacrils, ein Auge auf mich zu haben und mir mit ihrer Erfahrung weiterzuhelfen. So kam es, dass ich trotz meiner Jugend und meiner wenigen Waren am Feuer der erfahrensten und erfolgreichsten Kaufleute Platz nehmen durfte. Manche von ihnen erwähnten in ihren Geschichten meinen Vater, und ich senkte dann beschämt den Blick, denn für seine Geschäfte hatte ich mich nie interessiert, wie mir auch sein Leben und Fühlen ziemlich gleichgültig und fremd geblieben war.
Wie lange meine erste Reise von Bagdad nach Basra damals dauerte, kann ich heute nicht mehr sagen.
Eine mächtige und unerklärliche Sehnsucht nach dem Meer hatte mich befallen. Mag sein, es waren die Erzählungen der Kaufleute und Händler, die von fernen Ländern, fremden Völkern, anderen Sitten und Gebräuchen erzählten. Vielleicht aber auch war es die verzehrende Trockenheit und Kargheit der Wüste. Die grelle, versengende Glut der Sonne. Die schmerzvolle Stille, sobald man sich von der ruhenden Karawane entfernt hatte. Eine Stille, welche den eigenen Herzschlag zum donnernden Widerhall des Lebens macht, in der das Atmen wie ein Unwetter wirkt.
Wasser wollte ich sehen, Wasser bis an den Horizont und darüber hinaus. Danach verzehrte ich mich in den kalten Wüstennächten, wenn ich in meine Decken gehüllt in den sternenübersäten Himmel starrte.
Nichts wusste ich vom Meer, außer von Erzählungen und eigenen Einbildungen. Wie bald schon sollte ich das Meer eben mit jener Wüste vergleichen, die ich nun unter glühender Sonne auf dem schwankenden Rücken des Kamels verfluchte und mir ihr Ende herbeiwünschte mit jedem Tag und jeder Nacht sehnlicher.
Und nichts wusste ich von Basra, der Wunderbaren, der Zauberhaften und Unergründlichen. An der Mündung zweier Flüsse errichtet, roch sie wie ein wildes Weib, das einen Mann begehrt. Der Atem des Meeres vermischte sich mit dem eindringlichen Geruch fremdartiger Gewürze, kostbarer Öle und Duftkerzen, schlechtem Bratfett und dem betäubend süßen Dunst von Hablibabli, mit dem in den Straßencafés auf Wunsch der Kopf der Wasserpfeife gestopft wurde.
Wenn die beiden ehrwürdigen Kaufleute nicht meine Begleiter gewesen wären im Gewirr der Hafenanlagen, hätte ich wohl nie ein Schiff gefunden, das mich mit meiner Ware zu einem vernünftigen Preis mitgenommen hätte. So aber fand ich mich wieder, neben meinen purpurn gefärbten Seidenballen, an Deck eines großen Schiffes, das von verschiedenen Kaufleuten ausgerüstet wurde für eine lange Fahrt.
Mit der auslaufenden Flut wurden die Anker eingeholt und die Taue, welche uns am Ufer gehalten hatten, gelöst. Die Matrosen setzten die Segel, und das verwitterte Gesicht des Kapitäns wurde mit einem Male so freundlich, als wolle er seine lang vermisste Braut begrüßen. Seine Befehle gab er mit leiser, freundlicher Stimme und allein ihn anzusehen, gab mir die Sicherheit, mich dem fremden Element mit Freuden hinzugeben.
Es ist was anderes, vom Meer zu hören, davon zu träumen, es herbeizusehnen, als dann wirklich das erste Mal hinauszufahren, so weit, dass alles Land unter dem Horizont verschwunden ist. Lange sah ich in dieser ersten Nacht noch die Lichter von Basra verblassen und schließlich verschwinden. Der Himmel war bedeckt und eine schwache Brise ließ die Segel unruhig schlagen und flappen, wie die Schwingen eines großen Drachen, wenn sich dieser in seinem Horst schüttelt. Auch der nächste Morgen brachte nicht mehr Wind und so dümpelten wir mit langsamer Fahrt hin zu einem Ziel, von dem nur der Kapitän wusste, wie er es auf dem weiten Meer finden konnte.
Des Nachts konnte ich ihn beobachten, wie er mit einem seltsam aussehenden Rohr die Gestirne betrachtete und dabei in einem alten Buch blätterte. Meist kritzelte er dann etwas mit einem Kreidegriffel auf eine Schiefertafel, mit der er dann in seine Kajüte verschwand.
Mit den wohlhabenden Kaufleuten, die bequem untergebracht unter Deck mitfuhren, besprach der Kapitän an manchen Abenden den Kurs und wie lange sie wohl noch bis zu ihrem ersten Ziel unterwegs wären. Mit den Fahrgästen an Deck wurden solch wichtige Dinge nicht besprochen.
Auch ich werde eines Tages unter Deck eine Kajüte mein Eigen nennen, schwor ich mir - nein! Ein eigenes Schiff werde ich ausrüsten, der Kapitän wird auf meine Befehle hören, und ich werde Ziel und Dauer der Reise bestimmen.
Oft saß ich allein am Bugspriet und starrte hinaus auf die Wellen und unseren schäumenden Kurs. Nicht ein Mal war mir bang geworden, oder hatte ich etwas von dem, was ich aß oder trank, auf unziemliche Weise wieder von mir gegeben. Als die Winde zunahmen und die ersten langen Wogen unser stolzes Schiff hoben und es auf ihnen ritt, war mir, als würde ich in meinem Herzen eine Melodie hören, die ich - obwohl doch unbekannt - schmerzlich vermisst hatte.
Nachdem der Mond sich wieder gerundet hatte, steuerte uns der Kapitän zu einer reichen Stadt an der Mündung eines großen Flusses, der sich durch sein braunes Wasser schon weit über einen Tag ankündigte, noch bevor man das Land über den Horizont steigen sah.
Wieder lehrten mich die zwei Kaufleute, die mich während der Fahrt schmählich vergessen und kein Wort mit mir geredet hatten, wie ich bei meinen Geschäften vorzugehen hätte. Auf ihren Rat hin tauschte ich meine Seidenballen mit reichem Gewinn in Gewürze und Duftöle, denn diese waren auf den Inseln und den Ländern im Norden, wohin unsere weitere Reise gehen sollte, sehr begehrt.
So fuhren wir über die freundliche See, getrieben von sanften Winden, von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel, von Land zu Land.
Mein Handel gedieh prächtig, obwohl mir andere Kaufleute oftmals vorwarfen, ich würde nicht genügend feilschen und handeln um einen guten Preis.
Das mag sein, war mir doch auch immer wichtig, dass mein Handelspartner nach Abschluss des Geschäftes ein ebenso zufriedenes Gesicht machte wie ich selbst. Gewissenhaft führte ich ein Buch, in dem ich alles, was mir wissenswert schien niederschrieb. Ich vermerkte die Eigenarten des örtlichen Handels ebenso, wie die Waren, die besonders begehrt waren und einen hohen Preis erzielten. Aber auch die Eigentümlichkeiten meiner Handelspartner notierte ich mir und wie mit ihnen am besten Handel zu treiben war.
Eines Tages, wir trieben schon seit über einer Woche in einer schweißtreibenden Flaute, führte uns der Meeresstrom an eine Insel, die war so lieblich und unvergleichlich schön, dass ich bei mir dachte, so muss der Garten des Paradieses aussehen.
Als der Kapitän in der stillen See, dicht unter Land vor Anker ging, und Kundschafter ausschickte, die nach einer Quelle suchen sollten, denn unser Wasservorrat bedurfte dringend der Auffrischung, schwankte die Landungsplanke. Seltsamerweise war das Land, auf welches sie gelegt wurde, nicht hart wie Erde oder Stein, sondern nachgiebig und trotzdem fest.
Die meisten Kaufleute nutzten die Gelegenheit, gingen auf die Insel, um sich von ihren Dienern eine heiße Mahlzeit auf einem Feuer bereiten zu lassen, denn an Bord des Schiffes gab es nur das Feuer des Schiffskoches und dessen eintönige Nahrung war nicht nach dem Geschmack feinerer Gaumen. Das niedrige Gestrüpp, welches am Strand überall wuchs, bot hierzu das nötige Feuerholz.
Ich jedoch lenkte meine Schritte auf eine kleine Anhöhe, denn ich wollte die Insel erkunden mit all ihren wundersamen Blüten und Büschen, den fremdartigen, bunten Vögeln, die sich die Brust aus dem Leib sangen. Süße Früchte pflückte ich auf meinem Weg, und schon bald hatte ich mich von meinen Reisegefährten entfernt. Nur von Ferne sah ich den dünnen Rauch ihrer Feuer in den strahlend blauen Himmel steigen.
Als ich die Anhöhe erklommen hatte, blickte ich erstaunt um mich, denn die Insel, so langgestreckt sie uns erschienen war an unserem Ankerplatz, war nicht sehr breit. Jenseits der Anhöhe sah ich wieder das Meer. Und ich sah noch etwas: Der Kapitän unseres Schiffes hatte begonnen, die Anker zu lichten und die Segel zu setzen. Offenbar wollte er davonfahren!
War er ein gemeiner Dieb, der uns Kaufleute hier auf der Insel zurücklassen wollte, um mit unseren Waren einen dicken Gewinn einzustreichen? Angefüllt mit Wut und Zorn, aber auch voller Angst, rannte ich die Anhöhe wieder hinunter, zurück an die Stelle, an der ich an Land gegangen war. Doch bevor ich noch dahin kam, bewegte sich die Erde unter meinen Füßen, so dass ich an ein schreckliches Erdbeben dachte. Ich stürzte zu Boden. Dann hob sich das Land bis hoch unter die Wolken, und als ich mich verzweifelt an ein Gebüsch klammerte und um mich blickte, sah ich hoch über mir einen riesigen, gespaltenen Fischschwanz, der sich vor die Sonne schob und ihr Licht verdeckte.
Offenbar war die Insel keine Insel gewesen, sondern ein riesiger Fisch, der schon so lange bewegungslos im Meer gelegen hatte, dass sich auf seinem Rücken ein paradiesischer Garten von Bäumen und Büschen, von Kräutern und Gräsern gebildet hatte. Es wurde dunkel wie in einer regenreichen Neumondnacht. Dann schlugen die Wogen des Meeres über mir zusammen und rissen mich hinab in die Tiefe.
Ich weiß nicht, wie lange ich kämpfen musste. Wasserspeiend, hustend, keuchend und nach Atem ringend, erreichte ich mit Müh und Not wieder die Oberfläche des Meeres, dessen Wellen immer noch schäumten wie nach einem schweren Sturm. In der Ferne sah ich das Schiff mit meinen, in langen Mühen erhandelten Gütern und Waren, unter allen Segeln eiligst der Ferne zustreben.
Ich wäre wohl elendiglich zugrunde gegangen, wenn aus den schäumenden Fluten nicht ein Waschzuber gestiegen wäre, den wohl ein Diener, der darin für seinen Herrn gewaschen hatte, auf die nun versunkene Insel gebracht hatte. Ich klettere darauf und war für das Erste gerettet.
Doch was gilt diese Errettung, wenn sich die wilde Jagd der fürchterlichen Gedanken beruhigt hat und wieder Atem schöpft.
Ich saß auf einem Zuber im weiten Meer und wünschte, die Wüste nie verlassen zu haben. Das Schiff, das mich retten hätte können, war schon längst unter dem Horizont verschwunden. Es wurde Nacht, und ich fürchtete mich nicht wenig, denn nun hatte ich Angst im Schlaf vom Zuber zu fallen, von Raubfischen gefressen zu werden, hier im unendlichen Meer zu verdursten, noch ehe ich den geringsten Teil meines Lebens gelebt hatte. Kein Auge schloss ich, immerfort paddelte ich in meiner Verzweiflung in die Richtung, in welcher mir der hellste Stern am Firmament zufunkelte, die ganze lange, finstere Nacht, bis die Sonne wieder neugeboren aufstieg aus dem Meer.
Aber so hoffnungsfroh ich mich auch umschaute, nirgendwo konnte ich Land entdecken. Oder ein Schiff.
Ich war so allein, wie ein Mensch nur sein kann.
Und ich hatte Durst, unendlichen Durst in einem Meer von Wasser. ...