Traumfeuer

Inhalt

Wolfswelpe und Schlangenei
(Roland Kübler)

Pflücke den Tag
(Jürgen Werner)

Der Liebestrank
(Roland Kübler)

Gaukler der Gefühle
(Jürgen Werner)

Die verlorene Jahresschwester
(Norbert Sütsch)

Traumfeuer
(Roland Kübler)

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Gaukler der Gefühle

"Treten Sie näher, edle Dame! Kommen Sie näher, edler Herr! Ich bin ein Gaukler der Gefühle, ein tanzender Träumer und größter Zauberer im Zenit der Zeit. Ihre Wünsche und Sehnsüchte sind die Bälle meiner Jonglierkunst. Ein Schmerz im Herz? Ein Stechen in der Seele? Erzählt es dem Gaukler! Schildert es vor aller Ohren, und laßt euch verzaubern von einer Magie, die selbst den guten alten Merlin zum Knappen meiner Künste macht!"
Wie ein bunter Derwisch, der sich einzig von der Lust des Lebens nährt, steht Garwan da. Jung, wild, ungestüm, mit der linken Hand die Kurbel eines alten Leierkastens drehend, während die rechte hemmungslos gestikulierend durch die Luft wirbelt, erzählt er Geschichten aus Ländern, die nur mit dem Passierschein der kindlichen Phantasie betreten werden können. Überall im Land werden seine Geschichten weitererzählt, und ein jeder in dieser Stadt kennt ihn. In seiner Gegenwart scheint die Zeit stillzustehen, das Leid zu verschwinden.
Still lauschen die Menschen seinen Erzählungen, welche von jenen Wundern berichten, die nur des Nachts, wenn die Träume ihre geheimen Tänze vollführen, in den Herzen leben. Und manchmal, um seinem Spiel neue Nahrung zu geben, wünschen sie sich von ihm kleine Wunder. Dann zaubert er Münzen aus ihren Nasen, Federn aus ihren Herzen, oder er läßt den Wein der Händler verschwinden und alle wissen, wo das köstliche Naß später endet. Doch keiner ist ihm deshalb böse, denn niemand nimmt den Paradiesvogel, der gerade einmal zwanzig Lenze zählt, wirklich ernst, wenn er singend und tanzend durch die Gassen streift. Das Leben scheint für den jungen Gaukler Garwan nichts weiter als ein lachender Salto durch die Ringe der Zeit.
Mit schwungvoller Geste, gefolgt von einer tiefen Verbeugung, wie sie nur bei Hofe üblich ist, zieht er seinen mit bunten Federn geschmückten Hut vom Kopf. "Ein Heller für die helle Freude, die ich dem werten Publikum bereitet habe!"
Die Kupfermünzen klimpern in den Hut.
Während die Menschen weitergehen, packt der Gaukler die Keulen und Bälle, das Zaubertuch und seinen magischen Ring in die bunt bemalte, eisenbeschlagene Truhe unter seinem Leierkasten. Leise vor sich hinsummend, bemerkt er nicht, daß ihn eine junge Frau beobachtet. Ihre Augen schimmern in einem Grün, für das allein die Menschen in den fernen Urwäldern das richtige Wort kennen. Das seidig hellbraune Haar umfließt die Schultern und reicht hinab bis zu ihrer schmalen Taille. Garwan hält inne, sieht auf und betrachtet aufmerksam den letzten seiner Zuschauer.

Sie ist eine wahre Schönheit, denkt er im ersten Moment, doch dann sieht er die traurigen Falten in den Augenwinkeln, rissig und hart wie getrockneter Honig, dem die Kälte die Weichheit genommen hat. Da beginnt sein Lachen wie von selbst gegen die Traurigkeit im Herzen dieser schönen Frau anzukämpfen. Mit einer raschen Bewegung zieht er einen bunt schillernden Schal aus der Truhe.
"Und nun verehrtes Publikum! Eine kleine Zugabe für einen irdischen Engel der Schönheit. Achte auf den Schal!"
"Ich möchte fliegen."
Verdutzt hält Garwan die heftig flatternde Taube, die er gerade aus dem Schal gezaubert hat, in seiner Hand.
"Jeder im Land kennt den Gaukler der Gefühle, überall werden deine wundersamen Geschichten erzählt. Du selbst sagst, daß deine Magie alles zuwege brächte. Ich möchte fliegen! Einmal, vom sanften Wind getragen, dem ruhelosen Flug der Schmetterlinge folgen."
Garwan läßt die Taube los, die heftig flatternd ihre weiten Kreise über den Köpfen der beiden zieht. Nachdenklich zerrt er an den Zipfeln des bunten Tuches, räuspert sich verlegen und antwortet: "Das ist unmöglich. Sieh mich an, ich bin nur ein Taschenspieler der Träume, meine Welt ist der Schein. Die einzige Magie, welche ich besitze, ist die Kraft, Menschen mit meinen Geschichten glücklich zu machen."
Plötzlich beginnt der Gaukler um seinen Wagen zu tanzen. Er schwingt die Arme auf und nieder und ruft dabei lauthals: "Macht Platz ihr Vögel dieser Welt, hier kommt Garwan der Geier."
Sie jedoch läßt sich nicht beirren. "Mach mich glücklich, Gaukler. Hilf mir zu fliegen und verhöhne mich nicht."
Eine einsame Träne sucht sich einen Weg über ihr Gesicht.
Verlegen bleibt Garwan stehen und läßt die Arme sinken. "Ich würde dir gerne helfen, aber es ist unmöglich."
"Dann sind all die Geschichten über die Wunder, welche du vollbracht hast, gelogen? All das Gerede, daß Träume Wahrheit werden, wenn man nur selbst ganz fest daran glaubt, nichts weiter als gedroschenes Stroh aus einem bunt bemalten Gauklerkopf?"
"Nichts davon ist gelogen", unterbricht sie Garwan gekränkt. "Mein Zauber und Reichtum ist das Lachen der Menschen, wenn sie mir in die Welt der Phantasie folgen. Denn dort im Land der Träume, ist alles möglich. Aber fliegen? Richtig und wahrhaftig fliegen?"
Er reckt hilflos die Hände zum Himmel und schüttelt betrübt den Kopf.
Die junge Frau deutet auf Garwans Holztruhe, in der alles was er besitzt, aufbewahrt ist. "Tief in mir liegt solch eine Truhe verborgen. Von schweren Ketten umschlungen und mit einem massiven Schloß versehen, wartet sie darauf, geöffnet zu werden."
"Weise Worte für eine so junge und schöne Frau." Unbewußt streichelt Garwan über das rissige und gesplitterte Holz. "Was glaubst du, ist in deiner Truhe eingesperrt?"
"Ich weiß es nicht", antwortet sie. "Ich weiß nur, daß ich sie öffnen muß. Und den Schlüssel dafür finde ich, wenn ich fliege."
"Du weißt doch, daß du niemals fliegen wirst. Such einen anderen Weg, um die Truhe in dir zu öffnen, und verlange nicht Wunder von einem Gaukler, dessen einzige Magie das Lachen ist."
...