Traumquelle

Inhalt

Traumquelle
(Roland Kübler)

Ein Tag im Hause der Weisheit
(Martin Bauschke)

Der Duft der Rose
(Wolfgang Sewald)

Der Spruch der Seherin
(Martin Bauschke)

Der blaue Schmetterling
(Wolfgang Sewald)

Freia
(Martin Bauschke)

Die Geliebten des Mondes
(Roland Kübler)

Der alte Schamane
(Wolfgang Sewald)

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Der alte Schamane

Zufrieden und mit heiterem, von den alltäglichen Pflichten losgelöstem Gemüt, blickte der alte Schamane auf die weite Ebene hinunter. Obwohl er schon mehr als neunzig Winter gesehen hatte, war die Sehkraft seiner Augen so klar und scharf wie in der Jugend. Nichts entging ihnen.
Aus der Entfernung und gegen das Licht der Abendsonne, wirkten die Zelte seines Stammes wie in die Landschaft gesprenkelte, elfenbeinfarbene Pyramiden. Eine Antilopenherde zog grasend am Fluß entlang, die wie eine riesige blauschimmernde Schlange durch das Land mäanderte. Ein Raubvogel zog seine Kreise am Himmel und am Fuß eines mächtigen Felsblocks, kaum zwei Armeslängen entfernt, war eine Maus auf der Suche nach Insekten und Würmern. Ein seichter warmer Lufthauch strich über die Haut des alten Mannes und ihm war, als liebkose ihn der Wind, als verabschiede er sich von ihm wie von einem guten Freund. Ja, dachte er, das sind wir wohl Zeit meines Lebens gewesen, gute Freunde. Für ihn, den Mann, der mit den Geistern sprach und der die Erde, die Natur über alles liebte, war der Wind ein Verbündeter, lebendes Zeugnis einer geheimnisvollen Welt.
"Danke, Bruder Wind", sagte er mit freundlich klarer Stimme, "daß du noch einmal zu mir kommst in meinen letzten Stunden und mir deine Gunst erweist. Danke für die Hilfe und Unterstützung, die du mir selbstlos gewährt hast. Ich hoffe aus ganzem Herzen, du wirst andere finden, die dein wahres Wesen erkennen, so wie ich es erkannt habe." Der alte Schamane neigte leicht den Kopf. Wie auf ein verabredetes Zeichen fuhr der Wind durch sein langes weißes Haar und wirbelte es durcheinander, tanzte ein letztes Mal mit ihm. Der alte Mann lachte und seine Augen leuchteten wild und leidenschaftlich.
Dann war der Wind fort und wandelte wieder auf seinen eigenen Pfaden, die keines Menschen Seele ergründen kann.
Natürlich war das Alter nicht spurlos an dem Schamanen vorübergezogen, aber irgendwann hatte er aufgehört, die Jahre zu zählen. Was, so hatte er sich damals gefragt, spielen Jahre noch für eine Rolle, wenn die wahre Kunst im Erleben des Augenblicks liegt. Er schmunzelte. Jetzt, im hohen Alter, konnte er die Dinge mit Gelassenheit betrachten. Aber er wußte, es war nicht immer so gewesen. Manche Unbedachtheit war ihm in seiner Jugend über die Lippen gekommen, und seine ungestüme Art hatte ihm des öfteren empfindliche Strafen seitens des Vaters eingebracht.
Ein stolzer, würdevoller und gerechter Mann war sein Vater gewesen, an den er sich immer mit tiefer Liebe erinnerte. Eines Tages war er gegangen, ohne ein Wort des Abschieds, wie es zu seinem verschlossenen, in sich gekehrten Wesen paßte. Noch am Abend zuvor hatte er sich sehr bemüht, seine Gefühle zu verbergen, aber an der Art, wie er beim Abendessen seine Augen niederschlug und wie seine Stimme leiser wurde, erkannten alle, wie heftig diese waren. Doch niemand hatte ihn darauf angesprochen. Niemand hatte den Mut besessen, die unsinnige Tradition zu brechen, nach der man die hohe Stellung des Medizinmannes dadurch anerkannte, daß man schwieg, bis er das Wort an einen richtete. Und diese Regel galt besonders in der eigenen Familie. So hatte sein Vater sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um allein zu sterben, so wie er selbst es jetzt tat.
Seit zwei Tagen saß der alte Schamane hier und sah auf das Stück Land hinunter, das ihn Zeit seines Lebens genährt hatte. So viele Sommer und Winter hatte er kommen und gehen sehen. Die Jahreszeiten waren ihm wie grundverschiedene Brüder gewesen. Der Frühling, ein lebensfroher Geselle, voll unstetem Tatendrang und sinnlicher Triebhaftigkeit. Der Sommer, ein hitziger Bursche voller Leidenschaft, der hin und wieder zur Trägheit neigte. Der Herbst, ein zu Zeiten schwermütiger Wanderer in den Gefilden der Einsamkeit und lächelnder Hinweis auf die inneren Welten. Und der Winter, kalter, eisiger Bruder, Mahner und Künder der Endlichkeit allen Lebens.
Und dieser kalte eisige Bruder hatte ihm unmißverständlich die Hand auf die Schulter gelegt. Deine Zeit, alter Mann, hatte er gesagt, ist vorbei. Einige Tage gewähre ich dir, damit du Rückschau auf dein Leben halten kannst. Nutze sie wohl.
Daraufhin hatte der alte Schamane all seine bescheidenen Habseligkeiten in einen Beutel getan und war ruhigen, bedächtigen Fußes durch das Zeltlager geschritten. Er erinnerte sich noch einmal der verstorbenen Freunde, hatte ihnen still seinen Dank ausgesprochen und sich dann von den noch lebenden verabschiedet. Am Ende war er zu der Frau gegangen, die sein halbes Leben mit ihm geteilt und ihm drei Töchter geschenkt hatte. Er liebte sie alle aus tiefstem Herzen und doch, mußte er sich eingestehen, war sein größter Wunsch ihm verwehrt geblieben: Der Wunsch nach einem Sohn, den er in die Jahrhunderte alte Lehre einweisen und der jetzt sein Amt hätte übernehmen können. Aus diesem Grund hatte er mit vielen Frauen des Stammes das Lager geteilt, doch es war wie verhext gewesen. Wenn sie ihm ein Kind gebaren, waren es immer Töchter. Schließlich hatte er es als einen Wink des Lebens genommen und sich in sein Schicksal gefügt.
Immer war er, was seine Arbeit betraf, allein gewesen, hatte Kranke geheilt, mit den Geistern gesprochen und den Stimmen der Natur gelauscht. Und so allein, aber eins mit der Welt um sich her, wartete er jetzt auf seinen Tod. Kein Kummer oder gar Wehmut belasteten ihn. Er hatte ein erfülltes, leidenschaftliches Leben gelebt. Es gab wenig, was er bedauerte.
Und während er wartete, beobachtete er ein letztes Mal den Lauf der Sonne. Ließ sich von ihren hellen Strahlen wärmen und von ihrer lebenspendenden Kraft durchdringen.
Schließlich, als die Abenddämmerung hereinbrach, begann er leise ein Lied anzustimmen. Zuerst klangen die Töne rauh und mißgestimmt. Doch dann löste sich etwas in seinem Herzen, in seinem Hals, und der Gesang vereinte sich mit den länger werdenden Schatten der Umgebung, verschmolz mit ihnen zu etwas Unerklärlichem.
Nach einer Weile verstummte er und ließ den Blick erneut über das weite Land schweifen. Mit jedem Atemzug nahm er es in sich auf, erinnerte sich all der Gefühle und Empfindungen, im Guten wie im Schlechten, die es ihm geschenkt hatte. Er wollte nichts zurücklassen, wollte alles mit durch den Spalt zwischen den Welten nehmen, um dann von der Erde zu verschwinden. Immer war ein Grundsatz seines Lebens gewesen, einen Ort so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hatte.
Der alte Schamane lächelte. Dir selbst treu bis zum Ende, dachte er, und schalt sich einen Narren. Aber es gab nun einmal Dinge, die waren einer höheren Welt zugeordnet und darum unverrückbar.
Die Schatten verlängerten sich und gingen in das Dunkel der Nacht über. Der Wind kühlte ab und heulte eine Zeitlang in den Felsritzen. Nicht weit entfernt huschte ein nächtlicher Jäger vorbei, vielleicht ein Marder oder ein Dachs.
Der alte Schamane begann wieder einen Gesang anzustimmen. Diesmal war es sein ureigenstes Lied. Ein Lied, das nur seine Seele hervorbringen konnte, und das er sich bis zu dieser Stunde aufgespart hatte, der Stunde seines Todes. Er schloß die Augen.
Weit hinaus trugen die Töne in die sternenklare Nacht, sprachen von Trauer und Freude, von Menschen, die viel zu früh gegangen waren und von den gemeinsamen Abenden mit ihnen. Von knisternden Lagerfeuern und dem Erzählen endloser Geschichten an frostigen Winterabenden. Von der Jagd auf den Bison, von Glück und Schmerz. Von den Männern und Frauen, die eine Rolle in seinem Leben gespielt hatten und von den Kindern, die von der Hoffnung in die Zukunft zeugten. Deutlich sah er in der Welt seiner Erinnerungen die Schicksalsfäden, die seinem Leben den Stempel aufgedrückt hatten. Aber er sah auch die Macht, die er durch seine Berufung erlangt hatte, um eben dieses Schicksal zu beeinflußen. Er hatte diese Macht benutzt und hatte sich von ihr benutzen lassen, je nachdem wie die Zeichen der Natur, die Zeichen des Geistes es ihm eingegeben hatten.
Das Lied entströmte seinen Lippen und entwickelte eine eigene innere Kraft, die ihn forttrug und seine Gedanken zum Stillstand brachten. Ein Zustand, der ihm nicht neu war und darum auch keine Angst erzeugte. Im Gegenteil. Die Stille war für ihn immer ein Ort der Freiheit gewesen, die ungeahnte und unbekannte Wahrnehmungsräume eröffnete. Sie war die Quelle des Schöpferischen, eine rätselhafte, geheimnisvolle Welt. Jetzt, am Ende seines Lebens, hoffte er, ganz in diese Welt überzugehen.
Während der Mantel der Nacht ihn umhüllte und die Natur in schwarzer Formlosigkeit verharrte, rief er gelassen seinen Tod herbei. Komm, dunkler Bruder, hieß er ihn willkommen. Nimm mich mit auf die große Reise.
Der alte Schamane war sicher, mit allem abgeschlossen zu haben, und darum wunderte es ihn, daß nichts geschah. Er wußte nicht genau, wie er sich das Ende seines Lebens vorzustellen hatte. Ob ihn eine kalte Hand berührte oder ob ein Schauer durch seinen Körper rieselte - und dann war es vorbei. Aber was immer er sich auch gedacht haben mochte; nichts dergleichen geschah. Er saß da und wartete, während die Stunden vergingen.
Als der erste graue Schimmer am Horizont die Farben und Formen der Welt zu neuem Leben erweckte, schaute er verwundert um sich.
Wo blieb der Tod?
Eine Bergammer begann zu singen und in einiger Entfernung sah er eine Krähe fliegen, deren rauhes Krächzen durch die morgendliche Stille hallte. Und während er darüber nachdachte, warum er noch lebte, hörte er plötzlich das Geräusch eines fallenden Steins. Vielleicht ein Berglöwe oder ein Schaf, vermutete er. Denn nach einem größeren Tier hatte es sich angehört.
Gerade als er aufstehen wollte, um nachzusehen, tauchte das Gesicht eines Indianers hinter einer Felskante auf. Verblüfft blieb der junge Mann stehen und musterte den alten Schamanen neugierig. Dann senkte er den Kopf, weil er bemerkte, daß er es an der nötigen Ehrerbietung fehlen ließ.
"Komm näher", forderte ihn der alte Schamane auf, "und setz dich."
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und blickten über die weite Ebene.
"Was tust du hier", brach der alte Mann die Stille, "allein und so weit vom nächsten Lager entfernt? Hast du deinen Namen gesucht?"
"Ja", antwortete der Jüngere.
"Hast du ihn gefunden?"
"Nein."
"Das ist nicht gut."
Der junge Mann sah ihn an.
"Ich kenne dich", sagte er dann. "Ich habe dich gesehen, beim Treffen der Medizinmänner im letzten Sommer. Du bist der Schamane des Stammes, der dort unten in der Ebene lagert."
"So ist es."
"Etwas Seltsames ist um dich."
"Was meinst du?"
"Ich spüre etwas, eine Kraft, die mir sehr nahe ist, und doch kann ich sie nicht einordnen."
"Daß du diese Kraft spürst, liegt an deiner Visionssuche. Sie hat dir die Pforten zur anderen Wirklichkeit geöffnet. Daß du sie nicht einzuordnen weißt, an deiner Jugend. Was du wahrnimmst, ist der Tod. Er umkreist mich, aber er nimmt mich nicht mit."
"Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif?"
"Die Zeichen waren eindeutig."
Darauf wußte der junge Indianer nichts zu sagen. Der alte Schamane war weithin bekannt für seine starke Verbindung zum Großen Geist, und sein hohes Alter verlangte die gebührende Achtung.
Wieder blickten sie schweigend auf die Ebene hinunter.
Nach einigen Minuten kam dem alten Schamanen der Gedanke, den jungen Mann fortzuschicken, aber irgendetwas hinderte ihn, seine Absicht in die Tat umzusetzen. Statt dessen begann der Wind zu wehen. Anfangs war es nur eine kaum merkliche Brise, doch dann fegte er mit heftigen Böen um die beiden Männer und zerrte an ihren Kleidern. Keiner der beiden sagte ein Wort. Sie wußten, dieser Wind war ein Omen und es galt, aufmerksam zu sein.
Der Schamane begann sich hin und her zu wiegen, war ganz von der Magie des Augenblicks eingenommen. Er schloß die Augen und sank in seine innere Welt. Etwas kam aus der Entfernung auf ihn zu. Und als er schließlich erkannte, wer da kam, kräuselte ein Lächeln seine Lippen. Es war der Tod. Jetzt war der Moment seines Abschieds gekommen, und er war nicht allein. Ein junger fremder Mann war bei ihm, und er konnte ihm eine Lehre mit auf den Weg geben, die er sein Lebtag nicht vergessen würde: Die Lehre, daß man dem Tod gelassen und heiteren Gemüts entgegenschreiten konnte. Welch ein Geschenk, dies als letzten Akt auf Erden weitergeben zu können.
Doch in dem Augenblick, als er glaubte, daß der Tod ihn berühre und mitnehme, blieb der dunkle Bruder stehen. Zwei kohlrabenschwarze Augenlöcher blickten dem alten Schamanen aus der Tiefe des eigenen Wesens entgegen.
Dann lachte der Tod und sprach:
"Ich habe dich nicht gerufen, um dich zu holen. Ich habe dich gerufen, damit du dem jungen Mann seinen Namen gibst."
Der alte Schamane öffnete die Augen und blickte erstaunt zu dem jungen Indianer an seiner Seite.
"Du weißt, daß ich hierher gekommen bin, um zu sterben?"
"Ja", bestätigte der junge Mann. "Du hast es erwähnt."
"Und du hast keine Angst?"
"Nein."
"Und du hast deinen Namen nicht gefunden?"
"Nein. Aber warum fragst du mich das?"
"Warte einen Moment."
Der alte Mann schloß die Augen.
Der Tod war noch da.
"Also", fragte der alte Schamane. "Wie ist sein Name?"
"Der den Tod nicht fürchtet."
Als der alte Schamane das hörte, lachte er laut und wußte plötzlich, welch ein Narr er gewesen war. Die Zeichen waren eindeutig, hatte er gesagt. Nichts war eindeutig, nicht einmal der Tod. Er schüttelte belustigt den Kopf, öffnete die Augen und legte seine Hand auf den Arm des jungen Mannes.
"Deine Suche ist beendet", sagte er. "Ich weiß deinen Namen."
"Du?"
"Mein Tod hat ihn mir gesagt. Dein Name ist `Der den Tod nicht fürchtet`.
"Der den Tod nicht fürchtet", wiederholte der junge Mann. "Der Name gefällt mir."
"Ja. Ein guter, ein starker Name", bestätigte ihm der alte Schamane. "Und er sagt mir, das ich endlich einen Nachfolger gefunden habe." Und den Sohn, dachte er, den ich mir Zeitlebens gewünscht habe. Aber das behielt er noch für sich. "Ich bin nicht hier, um zu sterben", fuhr er fort, "sondern um den Schatz des Wissens weiterzugeben.
"Du meinst ...?"
"Ja." Sein liebevoller Blick richtete sich auf die Gestalt des jungen Indianers. "Die Zeichen sind eindeutig, oder?"
Dann lachte er schallend.