Traumsegel

Inhalt

Ein Schritt weiter
(Roland Kübler)

Die Blüte des Lebens
(Jürgen Werner)

Traumsegel
(Roland Kübler)

Jans Stern
(Jürgen Werner)

Das Große Werk
(Roland Kübler)

Die Freiheit des Jägers
(Jürgen Werner)

Das Märchen vom EinsSein
(Roland Kübler)

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Ein Schritt weiter

Staubig war die Straße vor dem Stadttor. Staubig und heiß. Seit Stunden lief die alte Frau davor auf und ab, mißmutig vor sich hinbrummelnd. Die Wachen hatten die Lanzen gekreuzt, als sie Einlaß in die Stadt begehrte.
"Ihr seid hier nicht erwünscht, und solange wir für die Sicherheit der Stadt zuständig sind, werdet Ihr keinen Einlaß finden!" hatten sie gerufen und ihre Fäuste noch ein wenig fester um die Lanzenschäfte geballt.
Die alte Frau zweifelte keinen Augenblick daran, daß die Wächter bereitwillig von ihren Waffen Gebrauch machen würden, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. So hatte sie ihren aus düsteren Flicken und Flecken zusammengesetzten Sack, in welchem es geheimnisvoll zischelte und schepperte, wisperte und raunte, wieder über die Schulter geworfen und sich abgewandt. Sie würden schon einen Weg in die Stadt finden.
Kam jemand auf das Stadttor zu, stelle sie sich ihm in den Weg und redete auf ihn ein. Doch ganz gleich, ob Handwerker, Bauer oder Kaufmann, ob Magd, Geldverleiher oder Mönch, alle machten einen großen Bogen um die Alte mit ihrem geheimnisvollen, düsteren Sack und strebten so schnell als möglich dem Stadttor zu.
So sehr sie auch zeterte und schalt, niemand wollte ihr zuhören oder gar ein gutes Wort für sie einlegen bei den Wachen.
"Wartet nur ab!" Böse drohte die Alte mit der Faust den Wachen, die nun in grimmiger Entschlossenheit stumm und starr durch sie hindurchstarrten, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden. "Ich habe noch immer einen Weg in eine Stadt gefunden!"Aufmerksam schritt sie an der starken Mauer entlang. Immer wieder schlug sie grimmig mit der Hand gegen die mächtigen, grob behauenen Steinquader. "Keine Befestigung war je zu hoch für mich, kein Stein zu schwer, keine Mauer zu dick!"
Ihre Zähigkeit wurde belohnt. Sie fand eine Stelle, wo Flechten und Moos, knorriges Wurzelgestrüpp und der Zahn der Zeit ihre Spuren in der Mauer hinterlassen hatten. Die Quader waren brüchig. Einen davon konnte sie soweit lockern, daß er sich herausziehen ließ. Siegessicher kicherte die Alte vor sich hin, während sie mit geschickten Fingern und starken Händen, Stein um Stein in der mächtigen Stadtmauer lockerte, herausbrach und achtlos hinter sich warf.
So war der Tag vergangen, und als langsam die Dämmerung mit zarten Fingern über den Himmel strich, hatte die alte Frau schon eine gefährlich große Lücke herausgebrochen. Nicht mehr lange, und die stark und stolz aufstrebende Stadtmauer würde an dieser Stelle in sich zusammenbrechen. Die Alte war zufrieden. Sie würde in die Stadt kommen. Wenn nicht durch das Tor, dann eben auf diesem Weg.

Aus dem glühenden Licht der über den Horizont fallenden Abendsonne kam eine Gestalt mit leichten Schritten auf die Stadt zu. Die alte Frau verharrte in ihrem rastlosen Tun. Sie hörte ein fröhliches Lied, dessen Melodie ihr aus fernen Kindertagen wohlvertraut war. Fast schien es, als wollte die Alte lächeln, doch bevor sich ein winziger Glanz in ihre Augen stehlen konnte, gewann ihr Zorn wieder die Oberhand. Sie nahm einen weiteren Stein aus der Mauer und warf ihn zur Seite.
Es war ein Mädchen, das da im letzten Abendlicht noch unterwegs war. Mit drei bunten Seidentüchern jonglierend, schritt sie auf die Alte zu. Das fröhliche Lied verstummte, als die beiden sich gegenüberstanden, doch das Spiel der Hände mit den Tüchern setzte sich unermüdlich fort.
"Seid mir gegrüßt", sagte das Mädchen. "Was macht Ihr hier an dieser brüchigen Mauer? Die Nacht wird bald kommen und da ist es besser, an einem sicheren, vor Wind und Wetter geschützten Platz in der Stadt zu sein."
Die alte Frau nickte mit verkniffenen Mundwinkeln. Das Mädchen musterte die Alte von oben bis unten. Sehr vertrauenswürdig sah sie nicht aus. Ihre gebückte Gestalt verdeckte ein weiter Umhang, dessen dunkle Farben blaß und verblichen waren. Das Gesicht war fast vollständig verborgen unter einem weit herabhängenden, schäbigen Kopftuch. Im Leuchten der Augen jedoch konnte das Mädchen die Macht und Kraft vieler Jahre, vieler Wege und vieler Leiden erkennen. Am unheimlichsten jedoch war das geheimnisvolle Zischeln und Scheppern, ein beständiges Raunen und Wispern, sowie ein stechend beißender Geruch, welcher seinen Ursprung, wie all die Geräusche, in dem düsteren Sack hatte, den die Alte auf ihren Rücken trug.
"Die Mauer wird zusammenbrechen, wenn Ihr sie weiter zerstört", stellte das Mädchen fest.
"Kannst du nicht mit dem dämlichen Spiel deiner Hände aufhören?" keifte die alte Frau. "Mach dich davon. Was geht es dich an, wie ich mir meinen Weg in die Stadt bahne?"
Sie zog einen weiteren Stein aus der Mauer. Geröll und Schutt bröckelte staubig unter ihren Händen. Ein großer Quader hatte sich gelockert und stürzte laut polternd aus der Mauer.
Das Mädchen wich zurück, doch ihre Stimme klang fröhlich, als sie rief: "Schaut doch, was ich kann!"Als die alte Frau über die Schulter blickte, sah sie, daß das junge Mädchen vier bunte Tücher durch die Luft tanzen ließ.
"Laß mich zufrieden. Deine Gauklerstückchen interessieren mich nicht." Doch da war wie von Zauberhand ein fünftes Tuch erschienen und reihte sich ein in den bunten Kreislauf, welcher von dem Mädchen in der Luft gehalten wurde.
"Seht und staunt!" forderte das Mädchen die Alte auf. "Auch mit sechs Tüchern zu spielen, bereitet mir keine Schwierigkeiten."
Mißtrauisch beobachtete die alte Frau das Mädchen. Weshalb führte es ihr Kunststückchen vor, wo sie es doch gewohnt war, daß die Menschen ihre Gesellschaft mieden und möglichst einen großen Bogen um sie schlugen? Nun waren es sieben bunte Tücher, welche das Mädchen in wildem Tanz in der Luft hielt. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Als die Alte einige Schritte zur Seite stolperte, hörte sie die vergnügte Stimme des Mädchens. "Seht! Schaut her! Zählt mit! Jetzt sind es acht!" Die Alte wich zurück. Sollte hier ein böser Zauber mit ihr geschehen? Niemand auf der Welt konnte gleichzeitig acht Tücher durch die Luft tanzen lassen, ohne daß eines davon auf die Erde fiel.
"Ich will Euch zeigen, was noch niemand sah. Ihr werdet sehen, was keiner je für möglich hielt. Schaut und staunt. Neun Tücher lasse ich tanzen und keines berührt das andere und keines lasse ich fallen."
Das Mädchen stand lachend in der Abendsonne und ihre Hände waren nur als huschende Schemen zu erkennen. Die seidigen Tücher wirbelten umher in einem leuchtenden Kreis, der sich bunt in den aufkommenden Nachthimmel zeichnete.
"Neun?" Die Stimme der Alten zitterte ein wenig.
Dann ging sie langsam zurück. Es waren genau neun Schritte, bis sie wieder vor dem Mädchen stand.
"Kannst du auch mit zehn Tüchern dein Kunststück vorführen?" wollte sie von dem Mädchen wissen und ihre Stimme klang brüchig.
"Nein", sagte das Mädchen. Mit einem geschickten Schwung fing sie die wirbelnden Tücher auf. "Warum seid Ihr zurückgekommen?"
"Du vollführst deine Gaukelei mit neun Tüchern. Mir hat die Last des Lebens ein Bündel auf den Rücken geschnürt, das ich immer bei mir führen muß. Neun Dinge sind darin. Das ist der Grund, weshalb die Menschen vor mir zurückweichen."
Mit großen, neugierigen Augen fragte das Mädchen: "Was ist es, was Ihr bei Euch habt?"
"All das, was die Menschen ängstigt, ist in meinem Bündel versammelt: Hunger und Durst, Krankheit und Tod, der Dorn der Einsamkeit und die Qual des Mißlingens, die namenlose Schuld und das allumfassende, alles verschlingende Nichts, welches von der Sinnlosigkeit des Lebens herrührt. Und all die mißliebigen Antworten auf die viel zu vielen ungestellten Fragen jedes Menschen."
"Nun verstehe ich, weshalb die Wachen Euch nicht in die Stadt lassen wollen!" sagte das Mädchen. "Es ist nicht leicht, jemanden wie Euch willkommen zu heißen."
"Ich komme schon hinein, denn auch mir gebührt ein Platz in der Stadt", versicherte die Alte, deren Stimme plötzlich wieder voller Kraft und Leben war. "Noch nie hat mich eine Befestigung abgehalten. Ich finde immer einen Weg."
"Aber wenn Ihr die Mauer zerstört, ist die Stadt schutzlos ihren Feinden und den wilden Tieren ausgeliefert!" entsetzte sich das Mädchen. "Das dürft Ihr nicht tun!"
"Mein Platz ist in der Stadt", beharrte die Alte. Sie rüttelte und zog an einem großen Stein, der einer der wenigen verbliebenen Stützen der Stadtmauer an dieser Stelle war. Es war leicht, sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn die Alte diesen Stein gelockert und herausgebrochen hätte.
Das Mädchen setzte sich und glättete ihre neun bunten Seidentücher. Dann band sie eines an das andere und verknotete sie gut.
"Gebt mir Euer Gepäck", forderte sie dann die Alte auf.
"Das geht nicht!" Die Alte lachte ein verdorrte Lachen, während sie sich weiterhin mit dem großen Stein abmühte. "Du kannst mit deinen Tüchern spielen und sie weglegen. Mein Bündel jedoch kann ich nicht abnehmen."
"Dann werde ich es auf Eurem Rücken verhüllen."
Das Mädchen trat hinter die alte Frau und verbarg den düsteren Sack unter ihren leuchtenden Tüchern.
"Kommt mit", rief sie dann und eilte davon zum Stadttor.
Dort klopfte sie heftig, bis sich eine kleine Luke öffnete und ein Wächter herausschaute. Das Mädchen benötigte nur wenige Worte und ein fröhliches Lächeln, dann wurde das Tor geöffnet
Keuchend war die alte Frau inzwischen bei dem Mädchen angelangt. Der Wächter musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Doch als er den Umhang aus den bunten Tüchern entdeckte, begann er zu lächeln und trat zur Seite.
Die Alte schüttelte verwundert den Kopf, als könne sie nicht glauben, was sie hier erlebte. Das Mädchen fragte leise: "Nun sagt mir, wer seid Ihr?"
"Ich bin die Angst", antwortete die alte Frau mit gramerfüllter Stimme.
"Das trifft sich gut", rief das Mädchen fröhlich. "Laßt uns ein Stück Weg gemeinsam gehen."
Das Mädchen nahm die Alte bei der Hand. Diese zuckte vor der ungewohnten Berührung zurück.
Erst als sich die Hand des Mädchens fest um ihre geschlossen hatte, fand die Alte die Sprache wieder. "Wer bist du, daß du wagst, nach meiner Hand zu greifen?"
"Die Hoffnung", lachte das Mädchen.
Gemeinsam gingen sie durch das große Tor in die Stadt.