URBILDER DES VATERS

Teil I
Vorspiel: Wer ist der Vater?
Der Tanz der Eurynome
Was heißt "väterlich"?
Die Urbeziehung und das Dritte
Unterscheidung schafft Wirklichkeit
Die Entwicklung des Ich aus dem Selbst
Fallen am Wege: Gutsein und Rechtmachen
Der "furchtbare Vater"

Teil II
Mythos und seelische Erfahrung
Uranos
Kronos
Die Nachtseite des Kronos
Zeus
Die Göttertriade Uranos-Kronos-Zeus
Gottesbild und Vaterfunktion

Teil III
Das Archetypische und seine Bilder
Erwachsensein und Größe
Die Alten, das Gewordene
Zukunft, Ziel und Sinn
Himmel, Höhe, Einheit
Licht, Tag, Sonne, Bewußtsein
Die Anderen, Gruppe, Gesellschaft
Herrscher, Richter, Autorität
Lehrer, Leitbild, Norm, Gewissen
Schöpfung, Zeit und Technik
Wort, Sprache, Logos

Anhang
Literaturverzeichnis
Bildnachweis

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Teil I
Vorspiel: Wer ist der Vater?

"Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos. Aber sie fand nichts Festes, darauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen. Sie tanzte gen Süden; und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eigenes zu sein, mit dem das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und erfaßte diesen Nordwind und rieb ihn zwischen ihren Händen. Und, siehe da! es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, wild und immer wilder, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte. So ward Eurynome vom Nordwind, der auch Boreas genannt wird, schwanger ...
Dann nahm Eurynome die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte zu ihrer Zeit das Weltei. Auf ihr Geheiß wand sich Ophion siebenmal um das Ei, bis es ausgebrütet war und aufsprang. Aus ihm fielen all die Dinge, die da sind: Sonne, Mond, Planeten, Sterne, die Erde mit ihren Bergen und Flüssen, ihren Bäumen, Kräutern und lebenden Wesen."
Es scheint paradox, ein Buch über das Väterliche mit einem Schöpfungsmythos zu beginnen, in dem die Welt nicht nur von einer weiblichen Gottheit geboren wird, sondern wo diese sich auch den Vater dazu selbst erschafft, durch eigene Manipulation - im wahrsten Sinn des Wortes (lat. manus = Hand).
Aber genau hieraus entstand meine Frage nach dem Vater.
Nachdem ich jahrelang die Zuständigkeiten der alten Muttergöttinnen studiert hatte, um herauszufinden, welche archetypischen Muster hinter dem Symbolbild der Jungfrau stehen, war mir überdeutlich geworden, was Bachofen 1884 mit "Mutterrecht und Urreligion" ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte und was inzwischen fast zum allgemeinen Bildungswissen gehört: Daß lange, bevor die Vatergottheiten das Zepter übernahmen, ein weiblich-mütterliches Gottesbild die bewußte und unbewußte Welt des Menschen beherrscht hatte und zwar so ausschließlich, daß die Große Göttin völlig ohne ein ernstzunehmendes männliches Gegenüber auskommen konnte, und die ganze Schöpfung allein nach ihrer Lust und Laune besorgte und verwaltete. Alle Geschöpfe, die im Himmel und auf Erden Gestalt annahmen, waren ihre Kreaturen. Die Göttin enthielt sie alle und ebenso alle Mittel, sie zu erschaffen. Das heißt, sie war nicht nur weiblich, sondern trug in sich auch das Männliche. Es war Teil ihrer selbst. Sie war Himmel und Erde, gut und böse, Geburt und Tod, Schöpferin und Zerstörerin, Tag und Nacht, Anfang und Ende, allenthaltend, allschaffend, allerfüllend, allmächtig - wo wäre da Platz für einen Vater gewesen? Alle schöpfungsnotwendige Gegensatzspannung lag innerhalb ihres Machtbereiches, sie war weiblich und männlich zugleich. In Kultfiguren sogenannter primitiver Volksgemeinschaften ist diese omnipotente Doppelgeschlechtlichkeit teilweise drastisch ins Bild gesetzt.
Wenn wir die Bedeutung dieser mächtigen Gottesbilder des Großen Weiblichen und der "Großen Mutter", welche die früheste Form ist, erfassen wollen, dürfen wir nicht nur an einen biologischen Bezug denken.
">Mutter< weist hier nicht nur auf ein Abstammungsverhältnis, sondern auch auf eine komplexe psychische Situation des Ich, und in gleicher Weise drückt der Terminus >Groß< den symbolischen Überlegenheitscharakter aus, den die archetypische Gestalt allem Menschlichen und sogar allem Kreatürlichen gegenüber besitzt."
Das heißt, daß im nur-weiblichen Gottesbild sich, bewußtseinsgeschichtlich gesehen, die psychische Gesamtverfassung einer Zeit spiegelt. Anders gesagt: Dominiert in einer Epoche der Menschheitsgeschichte das weiblich-mütterliche Gottesbild, so können wir daraus schließen, daß das kollektive Bewußtsein ebenso wie sein Unbewußtes vom Mutterarchetypus beherrscht werden. Liegt die Macht dagegen bei einem männlich-väterlichen Gottesbild, so kommt darin das vorwiegende Beherrschtsein vom Vaterarchetypus zum Ausdruck.
Der Begriff des Archetypus ist ein Grundstein im Fundament der Psychologie von Carl Gustav Jung. Archetypen sind - ähnlich den Ideen bei Plato - Urbilder des Daseins und Werdens, ausgestattet mit dynamischer und strukturbewirkender Energie. Sie sind an sich unanschaulich und ihre Wirkung ist erst aus dem erkennbar, was sie an Bildern und Ereignissen produzieren:
"Die Archetypen sind, ihrer Definition entsprechend, Faktoren und Motive, welche psychische Elemente zu gewissen (als archetypisch zu bezeichnenden) Bildern anordnen, und zwar in einer Art und Weise, die immer erst aus dem Effekt erkannt werden kann. Sie sind vorbewußt vorhanden und bilden vermutlich die Strukturdominanten der Psyche überhaupt, vergleichbar dem unanschaulichen, potentiellen Vorhandensein des Kristallgitters in der Mutterlauge. Als Bedingungen a priori stellen die Archetypen den psychischen Spezialfall des dem Biologen vertrauten >pattern of behaviour< dar, welches allen Lebewesen ihre spezifische Art verleiht. Wie die Manifestationen dieses biologischen Grundplanes sich im Laufe der Entwicklung ändern können, so auch die des Archetypus."
Erich Neumann schließt hier an, indem er sagt, der Archetypus
"...dirigiert nicht nur wie ein magnetisches Kraftfeld auf dem Wege über die Instinkte als pattern of behavior das unbewußte Verhalten der Persönlichkeit, sondern er erscheint auch als pattern of vision im Bewußtsein in der Anordnung des psychischen Materials als Symbol-Bilder."
Jeder Mythos ist eine archetypisch motivierte Vision, in der an sich unanschauliche geistig-seelische Vorgänge in symbolische Bilder gefaßt sind. Besonders bei Schöpfungsmythen können wir an der Art der beteiligten Kräfte und der Art und Weise des Welterschaffungsprozesses ablesen, wie weit Unbewußtes bereits bewußt geworden und differenziert ist:
"Der Differenzierung des Bewußtseins entspricht also ein differenziertes In-Erscheinung-Treten des Unbewußten, seiner Archetypen und Symbole."
Dabei geht der Weg vom unbewußten Erleben und Erleiden eines Archetypus zum bewußten Begreifen und Abbilden in Stufen:
Weitgehend unbewußte Inhalte erscheinen in Symbolen der Unanschaulichkeit oder Nicht-Sichtbarkeit.
Auf der nächsten Stufe haben wir es mit Tiergestalten und schwer bestimmbaren Bildparadoxien zu tun.
Schließlich wird der Archetypus als differenziert gestaltete (wenn auch nie eindeutige!) Figur sichtbar.
Wenn wir also das "pattern of vision" betrachten, das in den Bildern des eingangs zitierten frühgriechischen Schöpfungsmythos Ausdruck gefunden hat, so können wir daraus rückschließen auf den entwicklungsgeschichtlichen Stand der innerseelischen Welt derer, die ihn erfunden haben: Eine differenzierte Vaterfigur kommt noch nicht vor.
Die Pelasger, ein vorindogermanisches Volk, kamen um 3500 v. Chr. auf das griechische Festland. Es wurden jedoch auch griechische Stämme in Nordthessalien Pelasger genannt. Am Zeitpunkt seiner schriftlichen Niederlegung können wir das tatsächliche Alter des Mythos nicht ablesen, wohl aber annehmen, daß er zu einer Zeit aufgeschrieben wurde, in der die darin gefaßten Vorstellungen in der seelischen Befindlichkeit der Allgemeinheit noch Resonanz fand, wenn auch vielleicht schon als ein psychisches Muster, das in der Fortentwicklung begriffen war. Insofern gibt er uns wichtige Aufschlüsse über bewußtseinsgeschichtliche Konstellationen in präpatriarchaler Zeit, also vor der "Herrschaft der Väter", denn in der mythischen Erzählung von Eurynomes Tanz und seinen Folgen wirkt zwar ein als archetypisch männlich zu bezeichnendes Element mit, die Hauptrolle aber ist weiblich besetzt.
Ich werde nun versuchen, die Bildersprache des Mythos zurückzuübersetzen in die psychologische Anordnung, die sie hervorgerufen hat. Dabei kann man vor allem beobachten, wie weit die Ich-Struktur entwickelt ist, die im Mythos immer in Bildern des Männlichen erscheint, weil sie als entscheidungsfähige Instanz sich unterscheiden muß vom anfänglich mütterlich-umfassenden "Großen Ganzen".